Traditionsunternehmen
Wie Aargauer Firmen über viele Generationen bestehen

Für Schlagzeilen sorgen in der Wirtschaftspresse häufig Jungunternehmer mit innovativen Ideen. Aber auch Alteingesessene müssen sich laufend neu erfinden. Etwa die 1872 gegründete Stuhlfabrifk Giroflex.

Peter Brühwiler
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«In zehn Jahren werden wir in Koblenz nicht weniger Mitarbeiter beschäftigen»: René Walpen, seit März 2014 CEO der Stoll Giroflex.

«In zehn Jahren werden wir in Koblenz nicht weniger Mitarbeiter beschäftigen»: René Walpen, seit März 2014 CEO der Stoll Giroflex.

Sandra Ardizzone

Eine Stuhlfabrik zu gründen, ist vielleicht keine schlechte Idee, wenn man etwas Beständiges schaffen will. Schliesslich wird das Sitzen in absehbarer Zukunft kaum ausser Mode geraten. Und während Taxidienste von Uber oder mechanische Uhren von der Apple Watch bedrängt werden, bleibt ein Stuhl ein Stuhl – könnte man zumindest meinen.

René Walpen, CEO der Stoll Giroflex AG aus Koblenz, sieht das etwas anders. Und er muss es wissen. Gleich neben seinem Büro steht das zu einem Lager umgenutzte Schreinereigebäude, in dem Firmengründer Albert Stoll vor bald 150 Jahren die ersten Stühle für Cafés und Hotels baute.

Ein aktuelles Giroflex-Modell hat mit diesen Holzkonstruktionen nicht mehr viel gemein. «Innovationskraft ist im Konkurrenzkampf das A und O», sagt Walpen. 20 der 200 Giroflex-Angestellten in Koblenz arbeiten denn auch in der Entwicklungsabteilung.

Aus deren Feder stammt unter anderem ein entmagnetisierter Stuhl für den Einsatz in der Nähe von Röntgenröhren. Oder ein Stuhl ohne Nähte, womit bakteriellen Verunreinigungen in Operationssälen vorgebeugt werden soll. Der Preiswettbewerb sei in Nischen wie dem Medizinbereich weniger intensiv und die Margen seien entsprechend höher, erklärt Walpen.

Aargauer Unternehmen mit langer Tradition: Diese Firmen behaupten sich seit über 100 Jahren

Schwierige Situationen wie die aktuelle Frankenstärke haben sie schon viele gemeistert: Wer sich als Unternehmen über 100 Jahre auf dem Markt behauptet, ist krisenerprobt. Im Kanton Aargau können zahlreiche Firmen auf eine lange Geschichte zurückblicken. Darauf könnten Unternehmer und Kanton stolz sein, sagt Thomas Buchmann, Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit. «Sehr viel muss stimmen, um über so lange Zeit Erfolg zu haben.» Der Aargau habe den Traditionsunternehmen viel zu verdanken: in erster Linie Arbeitsplätze und Stabilität. Deshalb sei es wichtig und gut, dass es sie gebe, sagt Buchmann. Beispiele liessen sich genügend finden, wie die aktuellste Ausgabe von «Arbeitswelt Aargau» zeigt – eine Auswahl:

Seit 189 Jahren kann im Restaurant Post in Bözen eingekehrt werden. Mittlerweile in siebter Generation führen Peter Heuberger und seine Frau den Betrieb. Sie beschäftigen 25 Mitarbeiterinnen.

Seit 153 Jahren stellt Mammut Seile her. Inzwischen ist die Seoner Firma zu einer der führenden Outdoormarken geworden und beschäftigt weltweit knapp 600 Mitarbeitende.

Seit 142 Jahren produziert die Siegfried AG in Zofingen pharmazeutische Stoffe. Aus dem 1873 von Apotheker Samuel Benoni Siegfried gegründeten Betrieb ist ein Unternehmen geworden, das Wirkstoffe für Medikamente herstellt und 1400 Mitarbeiter auf der ganzen Welt beschäftigt.
Zum Teil noch deutlich weiter zurück reichen die Geschichten der «Suite 150»-Mitglieder. Zugelassen im von der «Handelszeitung» gegründeten Klub sind Unternehmen, die älter als 150 Jahre sind. Gar im 14. Jahrhundert liegen die Anfänge der Aarauer Glocken- und Kunstgiesserei H. Rüetschi: 1367 wurde in Aarau die Glocke gegossen, die in der Freiburger Kathedrale hängt. Auch die Ursprünge des Thermalbads und Kurhotels in Schinznach-Bad reichen Jahrhunderte zurück. Beide zählen zu den zehn ältesten Mitgliedern der «Suite 150». Unter den über 90 Unternehmen finden sich mit der Fischer Reinach AG (Metallverarbeitung, Reinach, 1842), der Emil Suter Maschinenfabrik AG (Maschinenbau, Seon, 1861) und der Effingerhof AG (Druckerei und Verlag, Brugg, 1875) weitere Aargauer Vertreter. (Mbü)

Dynamisch sitzen dank ETH

Aber auch im klassischen Bürostuhl steckt mehr Forschung, als man vielleicht vermuten würde. So arbeitet die Giroflex seit den 1970er-Jahren mit der ETH Zürich zusammen, um die Ergonomie ihrer Modelle zu verbessern und das dynamische Sitzen zu erforschen.

Letzteres sei unbestrittenermassen die gesündeste Sitztechnik, sagt Walpen: «Die beste Sitzposition ist sozusagen immer die nächste.» Giroflex experimentiere deshalb mit impulsgebenden Zonen auf der Sitzfläche – eine Gratwanderung, da zu viel Bewegung die Konzentrationsfähigkeit stört. Gleiches gilt für Umgebungsgeräusche.

Eine kürzlich bei der Fachhochschule Nordwestschweiz in Auftrag gegeben Studie soll aufzeigen, wie diese Geräusche optimal absorbiert werden können, zum Beispiel mittels Schalensystemen.

Auch das Thema Elektrifizierung treibt Walpen um. Die wachsende Zahl von elektronischen Geräten werde die Stühle verändern, ist er überzeugt.

Auch wenn die Firma mit der Zeit geht: Dass sie auf eine bald 150-jährige Geschichte zurückblicken kann, liegt wohl nicht zuletzt an der Eigentümerstruktur. Etwa die Hälfte des Umsatzes machen die Koblenzer im Euroraum. Entsprechend stark trifft sie die Euroschwäche.

«Wären wir ein börsenkotiertes Unternehmen, dann hätte man auf den Frankenschock mit Entlassungen und einer Produktionsverlagerung reagiert», vermutet Walpen.

Andere Kompetenzen gefragt

Je nach Modell liege der Schweizer Wertschöpfungsanteil heute bei bis zu 70 Prozent, sagt er. Dass dies so bleibt, kann der CEO natürlich trotz Heimatverbundenheit der Firmeninhaber nicht garantieren – «nicht nur aus Kostengründen, sondern auch weil es zunehmend schwierig wird, hier Handwerker wie zum Beispiel Meisterpolsterer zu finden.»

In zehn Jahren, vermutet Walpen, werde Giroflex in Koblenz zwar nicht weniger Mitarbeitende beschäftigen, aber die Kernkompetenzen dürften andere sein. Das kann heissen: mehr Beratung und Service, dafür differenziertere Produktion.

Und die Suche nach dem perfekten Stuhl wird in Koblenz natürlich weitergehen. Abgeschlossen sei dieser Prozess nie, ist Walpen überzeugt, denn auch die Arbeitsumgebung verändere sich ja dauernd. «Falls etwa die Texteingabe künftig nicht mehr über eine Tastatur, sondern über Spracherkennung erfolgt, werden wir am Arbeitsplatz auch anders sitzen.»

Neben dem Produkt hat sich über die Zeit auch die Vermarktung verändert. Diese sei anspruchsvoller geworden, sagt Walpen. «Der Konsument will heute eine Story rund ums Produkt.» Für ein Fotoshooting hat er im Frühling 2014 deshalb einen Bürostuhl zur Walliser Monte-Rosa-Hütte – «die ebenso wie Giroflex Hightech und Ästhetik verkörpert» – hochgeschleppt. Der Weg in die Zukunft ist also kein Spaziergang. Auch wenn man eine Traditionsmarke hinter sich weiss.

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