Die kleine Freiheit trägt die Kurs-Nummer 135. Es ist ein Montagmorgen, und das Postauto ab Aarau Bahnhof, nach Frick Bahnhof, fährt ab. Die Frau mit dem regenbogenfarbenen Wollschal liest in einem Buch, auf dessen Deckel steht: «Ein neuer Fall für die Kultkommissarin».

Der Asylsuchende mit der «Snowlife»-Skijacke hat die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen. Der Mann mit der «Rukka»-Arbeiterjacke wippt zur Musik aus seinen grossen Kopfhörern. Und am Kiosk verkündet das «Blick»-Plakat: «Post-Chefin Ruoff: Ich trete nicht zurück!»

Das Postauto hat seit ein paar Tagen ein Problem: Der Fakt, dass seine Vorgesetzten versuchten, mehr Geld für seine Leistungen zu erhalten, als ihm zugestanden hätte, hat Kratzer in seinem Lack hinterlassen. Bleibt es bei einem reparablen Karosserieschaden oder verliert das Postauto seinen Heiligenschein?

Was macht diesen aus, und wie geht es in diesen Tagen seinen Fahrern? Wo könnten diese Antworten eher zu finden sein also am Ort des Geschehens: unterwegs im Postauto, kreuz und quer durch den Aargau.

Einfach winken

Beim Einbiegen in die Aarauer Altstadt winkt der Chauffeur von Kurs 135 einem Senior zu, der Senior winkt zurück. Winken ist das wichtigste Kommunikationsmittel des Postautofahrers. Nicht der Funk, nicht das Natel, nicht das Horn. Einfach das Winken.

Wenn ein Autofahrer dem Postauto den Vortritt lässt; wenn ein Baggerfahrer seine Arbeit unterbricht, damit das Postauto passieren kann; oder wenn Kurs 135 an der Haltestelle in Herznach an Kurs 139 vorbeizieht und «Ihr Fahrer Z. Ajruloski», wie das Schild neben seiner Kabine verrät, auf Höhe des Fahrerfensters ein bisschen langsamer wird, um kurz seinem Kollegen im anderen Bus zu winken.

Flüchtige Freundlichkeit

Kaum sonst wo liegen die eidgenössische Korrektheit und Sehnsucht nach Unabhängigkeit so nah beinander wie im «Poschti». An der Scheibe hinter dem Fahrer kleben zwei Embleme: Rauchen verboten, Videoüberwachung. Vier Zentimeter darunter: «Mit PostAuto ab ins Weisse! Winterspass in der Nordschweiz.»

Das Plakat zeigt zwei Männer, der eine hält einen Davoserschlitten, der andere bewirft ihn mit Schnee, sie lachen. Im Hintergrund strahlt ein Postauto aus der Landschaft. Freiheit mit Retourbillett.

Die Staffelegg ist gezuckert an diesem Februarmontag. Im Postauto macht man es sich bequem, aber nicht zu sehr. Schal und Kappe zieht man aus, die Jacke behält man an. Es hat keine Haken, wie etwa im Intercity. Das Postauto besteigt man selten, um zu reisen, sondern um anzukommen.

In Herznach steigt ein älterer Herr zu. In jeder Hand einen Nordic-Walking-Stock, murmelt er «Guete Morge», Fahrer Ajruloski grüsst zurück. Eine Station später steigt der Herr aus. «En Schöne» – «Danke gliichfalls». Es ist eine weitere Hauptzutat des Erfolgsrezepts: Flüchtige Freundlichkeit. 

Ajruloski ist auf Kurs. Das zeigt das Display rechts neben ihm. Liegt er im Fahrplan, ist die Zeitangabe grün, hat er Verspätung, ist sie rot. Hat ein Zug Verspätung, schicken die SBB ihm aufs Display automatisch eine Meldung, wie viel die Verspätung beträgt und ob er, Umsteigezeit eingerechnet, noch warten darf oder abfahren muss, um die nächsten Anschlüsse zu gewährleisten.

Manchmal sagt das Display auch: Warten nach eigenem Ermessen. Es ist das System Schweiz: Der einfache Mann soll das letzte Wort haben.

Ankunft Frick Bahnhof. Er müsse Pause machen, sagt Ajruloski, habe drum leider keine Zeit zum Reden. Die Pause habe er sich verdient, sagt der Reporter. «Jawohl», lächelt der Fahrer, geht durch den Wagen, liest Fötzeli auf, wirft sie in einen Abfallkübel, verschwindet in einer Metalltür zwischen Damen-WC und Selecta-Automat.

«So, jetzt gohts wieder»

Wenige Minuten später treten drei andere Chauffeure aus der Metalltür. Einer sagt: «Also, i mues! Gueti Fahrt!» Die anderen bleiben stehen, beobachten den Reporter, wie er ihre Wagen fotografiert, nicken freundlich zu. «So, gits öppis?» Die Finanzaffäre habe schon für Diskussionen im Pausenraum gesorgt.

 «Mer wärde jo jetzt aghaue, nit die z’Bärn obe, wos gmacht hän!» Da habe wohl einer einfach gemerkt, dass man etwas mehr verdienen könne. «Mir probieres mit äme Lächle z’neh. Aber dass das nit rächt isch, wüsse mer alli.»

Doch der Skandal betreffe sie nicht direkt, sind sich die beiden Fahrer einig. Im Moment ist Ferienzeit, weniger Fahrgäste, keine Schüler. «Jetzt isch agnähm.» Sie steigen in ihre Postautos, grüssen ihre Passagiere mit einem Lächeln, fahren los. Und winken dem Reporter zu.

Kurs 137, 10:54, ab Frick Bahnhof, nach Brugg AG Bahnhof/Zentrum. Eine Dame kann ihr Billett nicht abstempeln, meldet es dem Chauffeur. «Ihr Fahrer R. Poschmann» springt aus dem gefederten Sitz, öffnet den orangen Automaten, hantiert, klappt ihn zu. Ein Piepston. «So, jetzt gohts wieder.»

Auch das gibt es wohl nur in der Schweiz: Wer sein Billett nicht entwerten kann, meldet das freiwillig. Vielleicht ist das Postauto auch deshalb eine Art Nationalheiligtum geworden, wie die Rega eines ist oder die Swissair eines war: Es verkörpert das, was gute Schweizer von einem guten Schweizer erwarten.

Es ist zuverlässig und theoretisch für alle da, aber mit Prinzipien – es hat eine tragende Funktion, will sich aber nicht zu wichtig nehmen. Beim «Frohsinn» in Bözen kommen zwei Reiterinnen entgegen. Sie verlangsamen ihren Trab, Poschmann verlangsamt die Fahrt. Man winkt sich zu.

Fertig mit dem grossen Zahltag

Kurs 374, 11:52, ab Brugg Bahnhof/Zentrum nach Mönthal, Unterdorf, und zurück. «Ihr Fahrer F. Meier», Vorname Fabian, 34, wollte schon immer Postautochauffeur werden. Früher habe man zuerst Lastwagenfahrer werden müssen, heute könne man auch von einem Autobillett aus die Ausbildung und Prüfungen absolvieren, «es choscht eifach en Huufe».

Die Finanzaffäre mache ihn betroffen, sagt Meier. Ein Fahrgast habe ironisch gemeint: «So, jetz isch de fertig mit em grosse Zahltag.» Andere hätten ernstere Worte fallen gelassen. Ihm mache das nichts aus. «Ich bin nach wie vor stolz, Postautochauffeur zu sein, und bereit, 100 Prozent Postautoqualität zu geben.»

Für ihn heisst das: nicht nur freundlich, sondern zuvorkommend zu sein. Eine Frau, die in Brugg einsteigt und «es Halbs retour» löst, klärt er darüber auf, dass zwei Einfache günstiger seien, wenn man wirklich nur zwei Fahrten mache und keine Tageskarte brauche. Sie dankt ihm.

Er könne sich nach wie vor keinen schöneren Beruf vorstellen, sagt Meier. «Ich mache es für die Fahrgäste. Einfach, weil ich Freude habe!» Der Verkehr habe von Jahr zu Jahr zugenommen, das sei etwas mühsam. «Aber do müemer dure!» Er lobt die Autofahrer, die auf die Postautos Rücksicht nähmen. Ob er sich vorstellen könnte, anderswo Postauto zu fahren? «Könnte ich schon. Aber ich würde vermutlich nicht lange bleiben. Der Aargau ist mein Zuhause.»

Weiter geht es über Mellingen Heitersberg nach Wohlen, und von da mittels Trickserei (im BDWM-Zug) nach Bremgarten. Umsteigen auf Kurs 444, 15:05, ab Bremgarten AG Bahnhof, nach Zürich Enge, Bahnhof/Bederstrasse. Der Schnellbus kommt zwei Minuten zu spät, holt dafür im Üetliberg-Tunnel auf. Wie der Fahrer heisst, ist nicht angeschrieben.

Ob es speziell sei, diesen Kurs zu fahren, mit der Autobahn und der Stadt Zürich. «Nicht speziell», sagt er: «Solange wir keine Baustelle haben. Schöne Namittag!» Alle müssen aussteigen. Die kleine Freiheit schliesst ihre Türen mit einem Zischen und rollt davon.

Die Geschichte von Postauto in ein paar Klicks: