Familie
Wickeltisch statt Büropult für Aargauer Beamte

Lehrer und Staatsangestellte erhalten drei Tage Vaterschaftsurlaub. Das ist zu wenig, findet die SP. Denn wie viele Tage ein Mann nach der Geburt seines Kindes zu Hause bleiben kann, hängt vom Arbeitgeber oder der Branche ab

Manuel Bühlmann
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Während der englische Prinz William in den Genuss eines zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs kommt, müssen Aargauer Lehrer und Staatsangestellte nach der Geburt ihres Kindes mit drei freien Tagen auskommen.

«Das ist zu wenig», sagt SP-Grossrätin Kathrin Scholl-Debrunner. «Eine Woche wäre das Minimum, schön wären zwei Wochen.» Deshalb hat sie zusammen mit ihrer Fraktion vor der Sommerpause im Grossen Rat eine Interpellation eingereicht.

Darin wird dem Regierungsrat unter anderem die Frage gestellt, ob er die kantonale Regelung für den Vaterschaftsurlaub zu verbessern gedenke.

Wie viele Tage ein Mann nach der Geburt seines Kindes zu Hause bleiben kann, hängt vom Arbeitgeber oder der Branche ab (siehe Box). Das Bundesrecht lässt diese Frage offen. Rund ein Viertel der grossen Gesamtarbeitsverträge regeln die Länge des Vaterschaftsurlaubs.

Ein Tag bis zwei Wochen

Die Angestellten in benachbarten Kantonen erhalten bezahlten Vaterschaftsurlaub von zwei (Bern, Solothurn) bzw. fünf Tagen (Baselland, Luzern, Zug, Zürich). Noch grösser ist die Bandbreite bei grossen im Aargau tätigen Firmen:

Migros: 2 Wochen.
Coop: 1 Woche.
AKB: 1 Woche.
NAB: 1 Woche.
Axpo: 1 Woche.
ABB: bisher 4 Tage, neu 1 Woche.
Hero: 3 Tage.
Feldschlösschen: 2 Tage.
Post: 2 Tage.
Alstom: 1 Tag.

Vorbild ist für Kathrin Scholl-Debrunner der Bund, der seinen Angestellten den Vaterschaftsurlaub per 1. Juli von einer auf zwei Wochen verdoppelt hat. Auch andere Arbeitgeber hätten dessen Bedeutung erkannt, sagt sie.

«In den ersten Tagen entsteht eine wichtige Bindung zum Kind.» Ausserdem erlaube die längere Anwesenheit des Vaters der Familie, sich besser zu organisieren. «Um ein familienfreundlicher und moderner Arbeitgeber zu sein, braucht es mehr als drei Tage Vaterschaftsurlaub.»

«Drei Tage sind nicht genug»

Unterstützung erhält die Aargauer SP von Silvia Huber, Präsidentin der Vereinigung Jugend-, Ehe- und Familienberatung im Kanton Aargau: «Ich finde das eine wunderbare Idee.» Drei Tage seien nicht genug.

«In den ersten Tagen nach der Geburt herrscht zu Hause Hektik und Chaos.» Es brauche oftmals mehrere Wochen, bis im Alltag wieder Normalität einkehre. «Mindestens eine Woche Vaterschaftsurlaub ist nötig, zwei bis drei Wochen wären ideal», sagt Huber.

«Die Kinder sollen die Chance erhalten, von Geburt an von beiden Elternteilen begleitet und betreut zu werden.» Dadurch werde die Beziehung zwischen Kind und Vater gestärkt sowie die Mutter entlastet.

Der Vaterschaftsurlaub mache durchaus auch aus Sicht der Arbeitgeber Sinn: «In der ersten Zeit nach der Geburt bringen Väter meist nicht die gewohnte Leistung. Wenn ein Kind kommt, ist das ein einschneidendes Erlebnis. Die Väter sind mit dem Kopf mehr zu Hause als bei der Arbeit», sagt Huber.

Gar kein Verständnis für die Forderung nach mehr Urlaubstagen hat SVP-Grossrat Andreas Glarner. «Absoluter Nonsens» lautet sein Kommentar.

«Den Vater braucht es nicht zum Stillen und Wickeln. Die strengste Arbeit hatte er neun Monate davor.» Der zweifache Vater sagt, er habe sich als Selbstständigerwerbender keinen Vaterschaftsurlaub gegönnt, weil er das gar nicht wollte.

Die Kosten als Knackpunkt

Drei freie Tage nach der Geburt hält Glarner für genug. «Das Geld für mehr haben wir gar nicht», sagt er. «Wie viel das genau kosten würde, kann ich nicht sagen. Aber es wäre sicher teurer als jetzt - und das ist zu viel.»

Kathrin Scholl-Debrunner hingegen hält den Aufwand mit Blick auf die Firmen und Kantone, die bereits heute eine grosszügigere Regelung kennen, für finanziell verkraftbar. Wie hoch die Kosten ausfallen würden, könne sie nicht abschätzen. Das zu klären, sei Sache der Verwaltung.

FDP-Präsident und Grossrat Thierry Burkart möchte ebenfalls keine Kostenschätzung abgeben - äussert aber Bedenken in finanzieller Hinsicht. «Die Arbeitskosten sind schon jetzt sehr hoch und sollten nicht noch mehr verteuert werden.»

Burkart lehnt deshalb die Idee der SP ab, macht im Gegenzug jedoch den Vorschlag eines Elternurlaubs: «Frau und Mann sollen die 16 Wochen Mutterschaftsurlaub flexibel untereinander aufteilen können.»

Auf diese Weise würden die Ausgaben für Arbeitgeber nicht erhöht und Frauen erhielten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil sie bei einer Elternpause nicht zwingend teurer als Männer wären, sagt Burkart.

Dazu bedürfe es jedoch einer Änderung des Bundesgesetzes. Denn zurzeit erstattet der Bund den Arbeitgebern nur für Frauen Teile der Lohnkosten zurück, nicht aber für Männer.