Aargau

Wettinger Klosterspiele: Ein Theaterskandal ist etwas anderes

Die Aufführung von William Shakespeares «Viel Lärm um nichts» in Wettingen ist weder obszön noch pervers, wie behauptet wird – vor allem von jenen, die gar nicht in Wettingen waren. Der Aargau hat keinen Theaterskandal.

Als der in Basel von der Theaterleitung heiss geliebte Publikumsschreck Calixto Bieito in Salzburg einst auf offener Bühne Kinder erschlagen liess (so, wie es die Handlung von Shakespeares «Macbeth» im Zwischentext verlangt), intervenierte das Publikum heftig, die Festspielleitung musste für den Abend ein Mindestalter ansetzen.

Ein paar Jahre später verliess ich in Basel zweimal Bieito-Aufführungen («Don Carlo» und «Aïda») in der Pause: angewidert von den Bildern, erschrocken vom Umgang mit dem Stoff. William Shakespeares «Viel Lärm um nichts» beim Wettinger Klosterspiel dagegen ist so harmlos, dass auch 12-Jährige ihren Spass daran haben könnten – und haben sollen. Alles verstehen werden sie allerdings nicht.

Beim Wirbel, den die Klosterspiele mit der Aufführung entfacht haben, geht es nicht um einen Skandal, sondern um falsche Erwartungen. Mit den Begriffen «Shakespeare» und «Klosterspiel» assoziiert ein Teil des Publikums, das seine Altmeister, heiligen Orte und Traditionen liebt und ehrt, eine Idylle: Schauspieler, in schöne Gewänder gehüllt, die noch viel schönere und geistreiche Verse aufsagen – ein Bühnenweihfestspiel.

Dank der romantischen Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel kam Shakespeare in den Schulbüchern der 1950er-Jahre edler daher, als ihm selbst wohl lieb gewesen wäre. Auch in der weltberühmten Hollywood-Verfilmung (1993) von Kenneth Branagh wird «Viel Lärm um nichts» zu einem poetischen Schäferspiel, wo es als erotisches Zwischenspiel höchstens mal einen kleinen Busenblitzer gibt.

Der in Wettingen agierende Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson besingt diesen «schönen» Shakespeare durchaus. Das habe ich in meiner Kritik vor einer Woche beschrieben. Schade, haben sich einige daraus bloss die «obszönen» Schlagworte gemerkt. Arnarsson feiert aber nicht nur die Verse, er zeigt eben auch, wie böse dieser Autor ist, wie nahe seine Komödie der Tragödie ist. Das Flehen nach Liebe kann ganz schön brutal sein.

Dort wo Arnarsson allerdings auf Komödie macht, haut er mächtig auf die Pauke. Die viel zitierte «Brunnen-Ejakulation» ist ein Beispiel dafür. Aber in ganz vielen Szenen spielt der Regisseur im wahrsten Sinn des Wortes mit den Theater-Elementen – und gleichzeitig mit unseren Erwartungen. Bei allem Spiel im Spiel und bei allen Ab- wie Umwegen: Arnarsson erzählt die alte Geschichte packend.

Nichts wird da um des Skandals Willen gezeigt. Obszön oder pervers ist bisweilen Shakespeare selber (sorry William, aber wenn ich an den «Sommernachtstraum», «Troilus und Cressida» oder an «Macbeth» denke, dann schauderts mich!), die Inszenierung hingegen ist es nicht. Sie verhunzt nichts, sie ist schon gar keine «vulgäre Verarschung des Shakespeare-Stoffes», wie ein Leserbriefschreiber meinte. Diese Inszenierung bringt Menschen, die sonst nicht ins Theater gehen, einen Altmeister nahe.

Dem Aargau stehen neue Theater-Überraschungen bevor – aufgepasst, liebe Murianer Osterspiel-Veteranen und Zurzacher-Verenenspiel-Liebhaber! Hier wie dort wird in den nächsten Tagen kein schönes Wandgemälde lebendig gemacht, sondern ein uralter Stoff ins Heute gebracht. Hier wie dort gehts nicht um Folklore oder nostalgische Wiederholung. Nur so ist es wohl möglich, dass ein breites Publikum wieder ins Kloster Muri kommt und die alte Osterspiel-Tradition mitlebt. Gelingt es nicht, wird erneut 20 Jahre kein Osterspiel zu sehen sein.

Eine moderne Inszenierung ist ein Gang auf einem schmalen Grat. Regisseur Arnarsson tanzt in Wettingen virtuos auf ihm. Hoffen wir, dass es in Muri und Zurzach auch klappt.

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