Politduell in Zofingen
Wermuth: «Ich will, dass Christoph Blocher mehr Steuern bezahlt»

Grosser Polit-Showdown mit den Nationalräten Blocher (SVP) und Wermuth (SP) in Zofingen. Wohin geht die Schweiz, wohin soll sie gehen? Einen Konsens gab es in keinem einzigen Moment der Debatte. Und doch waren am Ende beide zufrieden.

Beat Kirchhofer
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Mehr als 600 Personen wollten das Duell Christoph Blocher gegen Cédric Wermuth in Zofingen sehen.

Mehr als 600 Personen wollten das Duell Christoph Blocher gegen Cédric Wermuth in Zofingen sehen.

Siggi Bucher

Vor einem Jahr, in der heissen Phase des Grossratswahlkampfs 2012, wäre das undenkbar gewesen: SP und SVP des Bezirks Zofingen organisieren gemeinsam einen Politanlass. Zu tief waren die Gräben zwischen den beiden Parteien. Eingeladen wurden drei Leute, die polarisieren. Als Diskussionsteilnehmer die Nationalräte Christoph Blocher (SVP/ZH) und Cédric Wermuth (SP/AG), als Moderator «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel, ein Journalist, der es geniesst, mit seinen Artikeln, Kommentaren, aber auch seinen Worten anzuecken. «Versteht jemand im Saal unseren Dialekt nicht? Ich werde die Diskussion dennoch in Mundart führen.»

Blocher gegen Wermuth und in der Mitte Köppel: eine Affiche, welche mehr als 600 Personen (darunter sehr viele junge Leute im Sog Wermuths) trotz schönstem Spätsommerabend und Qualifikationsspiel für die Fussball-WM in die Aula des Bildungszentrums Zofingen lockte. Die Stimmung, die war wie bei einem Fussballmatch. Es standen sich nicht nur auf dem Podium zwei Kontrahenten gegenüber. Auch das Publikum bestand grossmehrheitlich aus zwei klar abgegrenzten Lagern, die sich mit Zwischenrufen bei gegnerischen Voten und Applaus für den eigenen Mann in nicht gerade konsensdemokratischer Art und Weise bemerkbar machten.

Kein Konsens auf dem Podium

Einen Konsens, den gab es auch auf dem Podium nicht. Einstiegsfrage Köppels an Wermuth: «Stimmt es, dass das Kommunistische Manifest Ihr Lieblingsbuch ist?» Er habe das in Facebook so geschrieben. «Die Idee, der Gedanke hinter dem Manifest ist interessant und vieles auch heute noch aktuell.» Blocher: «Ich habe den Schunken auch gelesen. Er ist für mich kein Referenzwerk. Ich stütze mich lieber auf mich selbst.» Was hat die beiden «politisiert»? Wermuth: Die 18-Prozent-Initiative, mit der Philipp Müller (inzwischen Nationalrat und FDP-Parteipräsident) den Ausländeranteil plafonieren wollte. «Diese grobe Ausgrenzungsinitiative hat mich schockiert.» Blocher: «Ich war in den 60er-Jahren als Werkstudent an der Uni. 90 Prozent der Studenten waren links und stammten meist aus sehr guten Häusern.»

«Wohin geht der Weg der Schweiz?» hiess das eigentliche Thema. «Schadet oder nützt der Schweiz ein EU-Beitritt?», wollte Köppel wissen? Für Wermuth war die Frage falsch gestellt. «Europa existiert. Doch welches Europa wollen wir? Jenes der Finanzoligarchen oder ein Europa der Politik, der Demokratie?» Und: «Die Schweiz ist bereits eine Mustereuropäerin. Es gibt kein EU-Land, das so rasch EU-Recht umsetzt und dennoch nichts zu sagen hat.» Köppel an Blocher: «Ist die Unabhängigkeit der Schweiz nicht ein Mythos? Faktisch ist kaum möglich, EU-Recht nicht zu übernehmen.»

«Beamte wollen in EU»

Blocher: «In Bundesbern werden EU-Gesetze wortwörtlich in Schweizer Recht übernommen, weil unsere Beamten in die EU wollen.» Aber unser Land bleibe ein Sonderfall, «weil bei uns die betroffenen Bürger über ein Gesetz entscheiden». Das gebe es in der EU nirgendwo. Die Schweiz ist für Wermuth keine Musterdemokratie, das zeige das Beispiel der Unternehmenssteuerreform, bei der man dem Volk falsche Zahlen vorgelegt habe. «Die Demokratie ist von innen, durch die bürgerliche Mehrheit bedroht.»

Die 1:12-Initiative. Wermuth will die Umverteilung. Nicht nur mit dieser Initiative. «Die Reichen haben sich in den letzten 20 Jahren schamlos weiter bereichert.» Der Wert der Demokratie habe auch einen materiellen Gehalt. Für Blocher ist der Ansatz der «1:12-Initiative falsch. Er will das Eigentum der Aktionäre vor raffgierigen Managern schützen. Aber der Eigentümer und nicht der Gesetzgeber soll entscheiden, was ihm das Management wert ist.

Geld zurück ans Volk verteilen?

Wermuth findet, dass Unternehmensvermögen und -gewinne zum Volkseigentum gehören. «Wir müssen das Geld zurück an die Gesellschaft verteilen.» Bei den Salären sei es «pervers», zu welch tiefen Löhnen das Pflegepersonal arbeiten muss. «Wir benötigen gesetzliche Mindestlöhne.» Davor warnt Blocher. Mit gesetzlichen Lohngarantien habe sich Frankreich seine aktuellen Schwierigkeiten eingehandelt. «Mit Mindestlöhnen würden wir auch in der Schweiz Berufseinsteigern die Jobsuche massiv erschweren.»

Und zum Schluss: Wermuth will das Ausländerstimmrecht. Es helfe, Migrationsprobleme zu lösen. Blocher: «Darüber entscheidet zum Glück das Volk.»

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