Leserbriefe-Rückblick 2014: Teil 1

«Wer weiss, wer der nächste Depp sein wird»

Beim Jahresrückblick haben die Leserinnen und Leser das Wort. Wir haben für jeden Monat eine Zuschrift zu einem Thema ausgesucht, das für Gesprächsstoff sorgte und erzählen, wie die Geschichte weiterging. Teil 1: Januar bis April.

Januar: «Wer weiss, wer der nächste Depp› sein wird»

Die Nachricht: Am Montagmorgen, den 13. Januar erlangt eine Nebenbrücke im Aargau nationale Berühmtheit. Kurz vor 8.30 Uhr touchiert ein Bagger die 4,50 Meter hohe Brücke, die bei Birmenstorf über die A1 führt. Grosse Brocken der Betonkonstruktion lösen sich und stürzen auf die Autobahn. Alle sechs Spuren werden gesperrt, die Hauptverkehrsader des Mittellandes kommt zum Erliegen.

Der Leserbrief vom 16.1:
«Sind wir doch dankbar, dass es weder Verletzte noch Tote gegeben hat. Fehler sind menschlich. Wer etwa im Büro arbeitet, kann nicht allzu teure Fehler vielleicht wieder korrigieren! Der Lastwagenchauffeur kann seinen «krassen» Fehler leider nicht rückgängig machen. Er wird wahrscheinlich den Knall und die Bilder jede Nacht präsent haben und schweissgebadet aufwachen. Dazu wird er von Gesetzes wegen zur Verantwortung gezogen. Von einigen Medien und Menschen wird der betreffende Chauffeur als Depp bezeichnet. Man denke daran, dass täglich mehrere Verkehrsunfälle passieren! Wer weiss, wer der nächste «Depp» sein wird. Ich wünsche dies niemandem! Geschätzte LKW-, öV-Bus- und Carchauffeure, ich wünsche euch allzeit gute und unfallfreie Fahrt und vielen Dank für euren täglichen Einsatz.»
Joe Suter, Fahrwangen

So ging es weiter:
Stahlgerüste sicherten die beschädigte Brücke. Zur Sicherheit galt das ganze Jahr über Tempo 80 bei der Unglücksstelle. In der Nacht auf den 10. Dezember wurde die Brücke schliesslich abgerissen. Ab Sommer 2015 wird dann eine neue, 4,5 Millionen Franken teure Stahl-Beton-Brücke über die A1 bei Birmenstorf führen.

Mit dem Postauto in den TNW-Kampf: Herbert Lützelschwab aus Zeiningen.

Mit dem Postauto in den TNW-Kampf: Herbert Lützelschwab aus Zeiningen.

Februar: «Schüler, Lehrlinge und Umsteiger werden bestraft»

Die Nachricht: Die Fricktaler müssen um verbilligte Zug- und Busabos zittern. Die FDP, die SVP und der Gewerbeverband beantragen den Austritt aus dem Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW). Der Kanton würde mit einem Austritt jährlich rund 900 000 Franken sparen.

Der Leserbrief vom 17.2:
«Der Sparvorschlag aus dem Tarifverbund auszusteigen, ist eine Ohrfeige für den öffentlichen Verkehr und das Fricktal. Das U-Abo, das Erfolgsprodukt des TNW, wird mit 25 Franken pro Monatsabonnement subventioniert. Zieht sich der Kanton zurück, müssen die Gemeinden die Kosten tragen – oder die Kunden, Schüler, Lehrlinge, Personen ohne Auto und Umsteiger werden bestraft. Mit dieser kurzsichtigen Sparmassnahme wird nur Schaden angerichtet und gar nicht wirklich gespart. Von der Regierung erwarte ich, dass diese Massnahme nicht ins Sparpaket aufgenommen wird. Sie steht in krassem Gegensatz zum Grundsatz, den öffentlichen Verkehr im Interesse einer nachhaltigen Umwelt-, Energie und Siedlungspolitik zu fördern.»
Regula Bachmann-Steiner, Rheinfelden

So ging es weiter:
Die CVP-Grossrätin und Aargauer WWF-Präsidentin blieb nicht allein mit ihrer Empörung. Alle 17 Fricktaler Grossräte kämpften geschlossen für die Subventionierung des Tarfiverbunds. Auch die Fricktaler Bevölkerung engagierte sich und sammelte 6546 Unterschriften gegen die Sparpläne. Das Lobbying zahlte sich aus: Mit 81 gegen 53 Stimmen lehnte es der Grosse Rat im Dezember trotz Spardrucks ab, den jährlichen Kantonsbeitrag von 900 000 Franken an den Tarifverbund Nordwestschweiz zu streichen.

Eine Greenpeace-Aktivistin protestiert im März beim AKW Beznau

Eine Greenpeace-Aktivistin protestiert im März beim AKW Beznau

März: «So schnell wird man ein Blödelverein»

Die Nachricht: Etwa hundert Greenpeace-Aktivisten besetzen das Gelände des Atomkraftwerks Beznau und fordern die Stilllegung des 45-jährigen und damit ältesten AKWs der Welt. Beznau sei ein Sicherheitsrisiko.

Der Leserbrief vom 8.3:
«Es mag ja «lustig» sein, die Absperrungen von Beznau in einer Nacht- und-Nebel-Aktion mit Leitern zu überklettern und damit zu zeigen, dass die äussere Absicherung verbessert werden sollte. Das war offenbar auch keine Kunst und damit wäre ein Zweck der Übung erfüllt gewesen. Was mich aber nervt, ist die Tatsache, dass sich die Leute offenbar kindisch rund 12 Stunden dort oben hängen liessen, nur um die Polizei und Feuerwehr so lange zu beschäftigen. So hat diese «Besetzungsaktion» für mich leider eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was auf der Krim passiert: Einfach einen Überfall auf einen nicht bis auf die Zähne bewehrten Gegner. Ausgerechnet dort, wo Greenpeaceleute wegen einer – dort sicher mutigen Aktion – inhaftiert waren. So schnell kann aus einer mutigen Gruppe ein Blödelverein werden. Schade.»
Bernhard Spörri, Gränichen

So ging es weiter:
Die Axpo verurteilte die Aktion und weist Sicherheitsprobleme zurück. Die Atomaufsichtsbehörde Ensi reichte bei der Bundesanwaltschaft Strafanzeige ein. Die Atomkraftwerke blieben 2014 auch auf der politischen Agenda wichtig. In der Wintersession stieg der Nationalrat auf die geplante Energiewende ein. Im Fall von Beznau hat das Parlament das Maximalalter auf 60 Jahre beschränkt; Experten gehen aber eher von einer Laufzeit von 50 Jahren aus. Das würde eine Stilllegung rund um das Jahr 2019 für Beznau I und 2021 für Beznau II bedeuten. Das Volk entscheidet zudem über eine Ausstiegsinitiative der Grünen, die alle AKW spätestens nach 45 Jahren stillgelegen will. Beznau I müsste dann schon ein Jahr nach Annahme der Initiative vom Netz.

So soll das neue Aarauer Stadion aussehen

So soll das neue Aarauer Stadion aussehen

April: «Eine unerträgliche Verhinderungsstrategie»

Die Nachricht: Einsprachen blockieren den Stadion-Neubau in Aarau. Die Klubchefs drohen mit Rücktritt, sollte die Baubewilligung bis zur GV im Mai nicht vorliegen.

Der Leserbrief vom 4.4:
«Es ist unglaublich, was der VCS – für mich der Verhinderer-Club Schweiz – in Bezug auf das neue Stadion in Aarau aufführt. Gezielt folgten immer wieder neue Einwände. Es reicht jetzt. Aber auch die Damen und Herren aus der Politik sollten endlich mehr Durchsetzungskraft an den Tag legen. Es reicht nicht aus, jeweils auf der Haupttribüne die sehr guten Leistungen unseres FC Aarau zu beklatschen. Der FC Aarau, seine Führung, Spieler und Betreuer, aber auch sämtliche langjährigen Investoren haben jetzt endlich als Belohnung ihrer beharrlichen Arbeit, die umgehende Erteilung der Baubewilligung für das neue Stadion verdient. Alles andere ist unerträglich, wie der VCS und seine ewige Verhinderungsstrategie.»
Roland Schmid, Kölliken

So ging es weiter:
Am gescholtenen VCS sollte es nicht liegen. Der «Verkehrs-Club der Schweiz» zog seine Einsprache gegen das neue Stadion Torfeld Süd zurück. Trotzdem ist das Stadion-Projekt bis heute blockiert. Die Wut der Fussballfans richtete sich neu auf einen Anwohner, der in letzter Minute Beschwerde gegen die Baubewilligung einreichte. Im Herbst sammelten FCA-Anhänger Unterschriften für eine Petition, um Druck zu machen und die Klubverantwortlichen drohten abermals mit Rücktritt, falls es mit dem Stadion und dem geforderten 3-Millionen-Kredit für eine Rasenheizung nicht vorwärts gehe.
Auch fussballerisch liefs nicht rund. Nach einem gelungenen Saisonstart verlor der Klub gegen Ende Jahr Spiel um Spiel und überwintert auf dem drittletzten Platz. Für den Tiefpunkt sorgte ein brutales Foul von Sandro Wieser am FCZ-Spieler Gilles Yapi. Wieser wurde für sechs Spiele gesperrt und hat eine Strafanzeige wegen Körperverletzung am Hals.

Lesen Sie auch Teil 2 und Teil 3.

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