Ratlosigkeit herrschte: Kurz hintereinander segneten die Aargauer drei Umfahrungen in Brugg, Lenzburg und Mellingen ab, und alle warteten schon gespannt auf den Baldeggtunnel als grossen Coup. Er war in der grafisch aufbereiteten Investitionsplanung der Verkehrsinfrastruktur bereits als steile Kurve angedeutet. Doch vor einer Woche zog der zuständige Regierungsrat Stephan Attiger überraschend die Notbremse und blies die Übung ab, weil sie zu viel kosten und zu wenig bringen würde. Das ist man sich im «Autokanton der Schweiz» (az-Frontschlagzeile vom Donnerstag) nicht gewohnt.

Als die Aargauer Zeitung Anfang dieser Woche nach tauglichen Alternativen fragte, stiess sie auf eine Mauer des Schweigens. 30 Varianten waren schon geprüft worden – alle schlechter als die jetzt verworfene mit drei Kilometer langem Tunnel unter der Baldegg, Limmatbrücke und Umfahrungen von Untersiggenthal, Windisch und Brugg. Sie waren mittels einer «Nutzwert- und Kostenwirksamkeitsanalyse» nach und nach ausgeschieden worden. So steht es im Schlussbericht des Bau- und Verkehrsdepartements, dem Nachruf auf den Baldeggtunnel.

Taugliche Ratschläge kamen am Mittwoch. Sie stehen in der NAB-Regionalstudie 2013 zum Thema Mobilität und Verkehr. Die Studie weist nicht nur aus, dass die Aargauer mehr fürs Auto ausgeben als alle anderen Schweizer, was zu besagter Schlagzeile führte. Sie listet auch Lösungsansätze auf, an die der Autofahrer wohl nicht als Erstes denkt, wenn er auf einer verstopften Strasse steht:

– Verkehrsleitzentralen greifen mit Ampeln und flexiblen Tempolimits unsichtbar in den Verkehr ein.

– Smartphones orten das Fahrzeug und liefern dem Lenker via App eine Stauprognose.

– Autos werden aus Kostengründen vermehrt geliehen, und zwar nur dann, wenn man wirklich eines braucht.

– Der Aargau führt Extra-Fahrspuren für Fahrgemeinschaften ein, wie sie in den USA verbreitet sind.

– Strassenzölle in Zentren werden zugelassen, worauf mehr Leute Bus und Velo fahren würden.

– Irgendwann steuern sich Autos von selbst, was die Strassen viel effizienter auslastet. Was nach Science-Fiction tönt, testet der Internetkonzern Google seit Jahren.

Diese Vorschläge sind ebenso ungewohnt wie die abrupt gestoppte Umfahrung von Baden. Dies, weil für einmal nicht die Infrastruktur angepasst, sondern die Nutzung derselben beeinflusst wird. Die Neue Aargauer Bank kehrt die verbreitete Doktrin um: Statt nur beim Angebot (Strassen) ortet sie Verbesserungen auch bei der Nachfrage (Autofahrer). «Neue Lösungen sind gefragt!», betonen die NAB-Studienleiter, «jenseits von reinen Kapazitätsausbauten.»

Der Aargau ist zwar Autokanton, aber auch überdurchschnittlich konservativ. Ihm ist deshalb keine Pionierrolle in Sachen Car-Sharing, Car-Pooling und Road-Pricing zugedacht. Wir werden nicht so schnell zu einem Volk von «Mobility»-Kunden, Mitfahrern und öV-Liebhabern, um neue Gebühren zu sparen. Ein Megastau wie am Donnerstag allein führt noch lang nicht zu einem verbreiteten Sinneswandel. Deshalb haben es die Politiker auch nicht eilig, eine Veränderung im Verkehrsverhalten zu pushen. Das würde heute grossmehrheitlich als Bevormundung des freien Bürgers wahrgenommen.

Es ist trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis eine Mehrheit die Schnauze voll hat vom ständigen Stossverkehr. Freie Fahrt ist schon jetzt eine Seltenheit: ein Drittel mehr Verkehr als vor zehn Jahren, mehr als doppelt so viel Stau wie 2008, drei der fünf meistbefahrenen Autobahnabschnitte der Schweiz auf Aargauer Boden. In keinem anderen Kanton sind Pendler so oft im Auto unterwegs. Hinzu kommt das Wachstum einer Bevölkerung, die zunehmend mobil ist. All diese Faktoren deutet auf einen deutlich steigenden Leidensdruck hin.

Umfahrungen allein bringen die nötige Linderung nicht, wie das Beispiel Baldeggtunnel klar zeigt. Es braucht auch ein Umdenken – freiwillig. Wann es für ihn so weit ist, muss jeder Autofahrer selber wissen.