Notruf

Wer soll den Rettungs-Heli aufbieten? Zwischen Rega und Air Ambulance schwelt ein Streit

Die Rega ist die berühmteste Retterin des Landes. (Archivbild)

Die Rega ist die berühmteste Retterin des Landes. (Archivbild)

Im Aargau bietet die kantonale Notrufzentrale im Bedarfsfall den nächstverfügbaren Rettungsheli auf. Die Alpine Air Ambulance mit dem gelben Heli findet dieses System genau richtig. Demgegenüber möchte die Rega alle Rettungshelis über ihre Zentrale aufbieten.

Wenn die Rega in den Aargau zum Einsatz muss, kommt meist der Heli aus Dübendorf. Meist ist aber der seit 2013 im Birrfeld stationierte Rettungshelikopter «Lions 1» der Alpine Air Ambulance (AAA) näher. In einer AZ-Reportage sagte Rega-Mediensprecherin Karin Hörhager, die Rega fliege im Aargau immer noch über 100 Einsätze jährlich, doch werde man nur aufgeboten, wenn der AAA-Heli «nicht verfügbar ist oder nicht über die geeignete Ausrüstung verfügt». Die Rega sei im Aargau oft Lückenbüsser, so Hörhager.

Die Rega versteht nicht, dass der Aargauer Rettungsheli nicht ins Rega-Dispositiv eingebettet ist. Hörhager verwies auf einen Heli der AAA in Balzers, der von der Rega aufgeboten wird. Wenn jemand «mit diesem von uns aufgebotenen Heli gerettet wird, greift unser Gönnerversprechen. Im Aargau will die Politik das anscheinend nicht». Luftrettung kenne keine Kantonsgrenzen, sagte sie, darum sei es «die beste Lösung, wenn alle Rettungshelikopter von einer nationalen Zentrale aufgeboten und koordiniert werden».

AAA: transparente Aargauer Notrufzentrale

Das bringt Jürg Fleischmann auf den Plan, Pilot, Gründer und CEO der AAA, die den Heli im Birrfeld und in Balzers betreibt. Die Disposition des Helis in Balzers über die Regazentrale «funktioniert einseitig für die Rega», sagt er. Er könne «zahlreiche Fälle belegen, die auch den Notrufzentralen 144 bekannt sind, wo in den Kantonen St.Gallen und Graubünden die Rega ihre eigenen Helis geschickt hat, obwohl unser Heli in Balzers näher am Einsatzort war».

Das Hauptproblem liege im System begründet, sagt er: «Wenn St.Gallen und Graubünden einen Heli brauchen, wenden sie sich an die Rega und geben den Einsatz an deren Einsatzzentrale weiter. Die Rega schickt dann einen ihrer Helikopter zum Einsatzort oder gibt den Auftrag weiter, weil sie ihn selbst nicht erfüllen kann oder unser Heli näher ist.» Diese zusätzliche Einsatzzentrale bewirke Zeitverzögerungen von mehreren Minuten. Dabei zähle etwa bei einem Herzinfarkt oder einem Hirnschlag jede Sekunde. Es mache keinen Sinn, zwischen kantonalen oder interkantonalen Notrufzentralen und den jeweiligen Einsatzmitteln eine Zentrale wie die der Rega zwischenzuschalten, so die AAA.

Oft ist eine Bodenambulanz besser

Im Gegensatz dazu sei die Notrufzentrale im Kanton Aargau «völlig transparent. Sie bietet die Rettungsmittel direkt auf. Alle Einsatzkräfte sehen genau, wann der Anruf kam, und wann, welches Rettungsmittel ergänzend zur bodengebundenen Ambulanz disponiert wurde». Dieses System sei das richtige, abgesehen davon, «dass die Schweiz das einzige Land in Europa ist, in dem ein Mitbewerber (die Rega) andere Luftrettungsanbieter disponiert».

Gibt das kein Durcheinander, wenn jeder Kanton die Helis direkt aufbietet? Das sei im Digitalzeitalter kein Problem, sagt Fleischmann: «Mit dem rescuetrack können die Sanitätsnotrufzentralen 144 jederzeit alle Rettungsmittel und deren Verfügbarkeit auf dem Bildschirm sehen – Ambulanzen und Helis aller Anbieter. Viele Zentralen übernehmen diese Informationen aus dem rescuetrack in ihr Einsatzleitsystem, sodass dem Disponenten automatisch das nächstverfügbare Mittel vorgeschlagen wird.» Dies sei nicht immer ein Helikopter, oft sei eine Bodenambulanz besser.

«Versicherung kann nicht ausschlaggebend sein»

Die Notrufzentralen könnten so sofort nach dem Next-best-Prinzip aufbieten und es gehe keine Zeit verloren: «Diesen Prozess haben die Notrufzentralen kantons- und landesgrenzen-übergreifend auch schon für die Bodenambulanzen bestens im Griff. Wieso braucht es also für die Luftrettung eine separate Zentrale, die keinen Überblick über die Rettungskette hat?»

Es ärgern sich aber oft Regagönner, wenn sie nach einer Rettung durch den gelben Heli eine Rechnung bekommen? Auch die Rega stelle für Ihre Einsätze Rechnung an die Versicherungen, wie alle anderen Rettungsdienstleister auch, sagt die AAA. Sie könne bei Gönnern einfach die ungedeckten Kosten übernehmen. «Wie jemand versichert ist, kann bei einer Luftrettung nicht ausschlaggebend sein», sagt er. Wer sich umfassend versichere, etwa mit einer Rettungskarte, dem könne es egal sein, wer ihn aus der Luft oder am Boden rettet: «Nicht gedeckte Einsatzkosten einer bodengebundenen Ambulanz, die bei Rettungseinsätzen ja auch aufgeboten werden, übernimmt die Gönnerschaft der Rega auch nicht und wenn jemandem in einem anderen Land etwas passiert, kommt auch nicht die Rega. Es kann sogar in der Nordschweiz passieren, dass der Heli aus Villingen-Schwenningen kommt, wenn die nächstliegenden Schweizer Helis besetzt sind.»

Zusammenarbeit der Crews sei hervorragend

Fleischmann: «Wenn es um Sekunden geht, sind 99 Prozent der Leute froh, dass sie schnellstmöglich gerettet werden. Da spielt die Farbe des Helis keine Rolle.» Angesichts der Situation in Balzers suche er das Gespräch mit St.Gallen und Graubünden, sagt er. Sein Ziel, ist, dass diese wie der Aargau und Zürich künftig den Heli direkt aufbieten. Eine Rettungskarte kostet übrigens 60 Franken jährlich für eine Person, und 90 Franken für Paare/Familien.

Das tönt sehr angriffig. Kann man es nicht zusammen, beide Unternehmen wollen doch nur retten? Die AAA relativiert: «Die Zusammenarbeit der Crews von unseren Helis und der der Rega ist hervorragend. Uns liegt nichts an Konflikten mit der Rega. Es gibt genug Einsätze und die Rega wird zudem von ihren Gönnergeldern zusatzfinanziert.» Deshalb sehe er die Rega im Aargau auch nicht als Lückenbüsserin.

Aber der «Lions 1» im Birrfeld hat ohne Rettungswinde wirklich einen Nachteil? Das sieht Fleischmann nicht so: «Im Mittelland macht so eine Winde für mich keinen Sinn. Man braucht sie vielleicht einmal im Jahr, dafür müsste man 60 bis 70 Flugstunden trainieren. Unser Heli in Balzers, der oft in die Berge muss, hat selbstverständlich eine Rettungswinde.»

Rega: grundsätzlich der nächste, geeignete Heli

Rega-Sprecherin Karin Hörhager antwortet der AAA, man disponiere «in der ganzen Schweiz grundsätzlich immer den nächsten, geeigneten Helikopter». Davon weiche man dann bewusst ab, wenn der nächstgelegene Heli für einen Einsatz nicht ausgerüstet oder die Crew nicht ausgebildet sei (fehlende Ausrüstung wie Rettungswinde oder Inkubator für Frühgeborene, Instrumentenflugzulassung, Zusammenarbeit mit der Alpinen Rettung Schweiz etc.)

Der Vorwurf, die zusätzliche Einsatzzentrale (Rega) bewirke Zeitverzögerungen von mehreren Minuten, wenn sie den Auftrag an andere weitergeben müsse, weist Hörhager zurück: Die Rega sei keine «zusätzliche» Einsatzzentrale. Sie koordiniere 95 Prozent aller in der Schweiz durchgeführten Rettungshelikoptereinsätze: «Dabei ist jede Alarmierung anders und es kann sein, dass zusätzliche Abklärungen (Wetter, Einsatzort, benötigte zusätzliche Einsatzmittel wie etwa Bergretter etc.) nötig sind, damit dem Patienten überhaupt geholfen werden kann.» Die schnellste Alarmierung sei die Alarmierung via Rega-App, weil einsatzkritische Informationen direkt an die Crew übermittelt werden.

Versicherung via Rettungskarte

Zum Vorhalt, die Regazentrale habe keinen Überblick über die Rettungskette, sagt Hörhager, die Rega kenne diese aus mehr als 500'000 Einsätzen in den letzten 70 Jahren sehr wohl: «Dass die Rega gerade auch in der aktuellen Krise von Bund und Kantonen um Unterstützung angefragt wurde und eine schweizweit koordinierende Funktion einnimmt, zeigt, dass diese Kompetenz auch anerkannt wird.»

Aber bei einer Rettung spielt die Heli-Farbe doch keine Rolle? Man kann sich ja via Rettungskarte versichern. Bei dieser Karte handle es sich um ein kommerzielles Versicherungsprodukt der Firma AAA, wie es viele andere auch gibt, sagt Hörhager. Eine Gönnerschaft hingegen sei eine Spende. 3,5 Millionen «Spender» machten es möglich, dass eine gemeinnützige Stiftung für die Schweiz die medizinische Versorgung aus der Luft sicherstellen könne. Für eine Einzelperson kostet eine Gönnerschaft 30 Franken jährlich, für eine Familie 70 (Kleinfamilie 40). Hörhager: «Als Dank für die Unterstützung können dem Spender die Kosten für einen durch die gemeinnützige Stiftung organisierten Einsatz erlassen werden.»

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