Abstimmung
«Wer Medikamente verschreibt, verkauft nicht»

Der Aargau ist einer der wenigen Kantone, in denen die vom Arzt verschriebenen Medikamente in der Apotheke abgeholt werden müssen. Dem Aargau garantiert dieses System ein gutes Apothekennetz. Die Apotheker-Initiative ist aber trotzdem nicht nötig.

Mathias Küng
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Im ländlichen Aargau hat sich das bisherige System bewährt.

Im ländlichen Aargau hat sich das bisherige System bewährt.

Keystone

In vielen Deutschschweizer Kantonen dürfen (Haus-) Ärzte ihren Patientinnen und Patienten die Medikamente für die von ihnen verordnete Therapie auch gleich selbst mitgeben. Das ist praktisch. Man kann sich den Weg zur nächsten Apotheke sparen. Und der Arzt bzw. die Ärztin hat ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein.

Der Aargau ist einer der Kantone, in denen verschriebene Medikamente in der Apotheke zu holen sind. Ärzte in Regionen mit zu grosser Distanz zur nächsten Apotheke können indes vom Kanton eine Genehmigung für die Medikamentenabgabe bekommen. Das wird in der Praxis auch so gehandhabt. Die Aargauer Apotheken haben einen guten Hauslieferservice aufgebaut, sodass sich eine gehbehinderte, ältere Frau für ihre Medikamente eben gerade nicht in die Apotheke ins übernächste Dorf oder in die Stadt quälen muss. Sie werden ihr nach Hause gebracht. Auch dieses Modell funktioniert.

Die Aargauerinnen und Aargauer haben am 22. September die Qual der Wahl. Sind sie mit dem jetzigen System so zufrieden, dass sie es beibehalten wollen, wie fast alle Parteien und die Regierung empfehlen? Zumal die Apothekendichte im Aargau auch im ländlichen Raum erstaunlich gut und insgesamt gut doppelt so hoch ist wie in den Nachbarkantonen Solothurn und Luzern, wo Ärzte Medikamente verkaufen dürfen?

Oder wollen sie Letzteren genau dies auch im Aargau ermöglichen? Weil es bequem ist ? Und in der Hoffnung, dass es dann etwas einfacher wird, für Landpraxen Ärzte zu finden? Oder weil sie hoffen, dass die Medikamentenkosten dank Wegfall der Beratungstaxe der Apotheken günstiger werden? Letzteres kann niemand versprechen. Studien kommen hier zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Leider ist es auch in Kantonen, in denen die Ärzte Medikamente verkaufen dürfen, nicht einfach, Landärzte zu finden. Klar ist: Die Einkommenssituation der Hausärzte ist ungenügend. Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen, gibt es auf kantonaler Ebene: Man könnte den Tarmed-Tarif noch etwas mehr nach oben anpassen - auch wenn die Versicherten dies via Krankenversicherung zahlen müssten. Es wäre ihnen dies bestimmt wert. Es muss zudem gesamtschweizerisch gelingen, den Einkommensunterschied zwischen Spezialisten und Hausärzten zu verkleinern.

In der Deutschschweiz ist der Aargau mit seinem jetzigen System in der Minderheit. In Europa gilt aber mehrheitlich dieses System. Nach dem Grundsatz «Wer verschreibt, verkauft nicht». So kann niemand in Versuchung kommen, mehr Medikamente abzugeben als nötig. Zudem kann das Vier-Augen-Prinzip, wonach die Apotheker das Rezept kontrollieren, Patienten sehr wohl zusätzliche Sicherheit bringen.

Fazit: Das jetzige System ist im stark ländlichen Kanton Aargau gut eingespielt. Nicht zuletzt dank ihm hat der Aargau ein gutes Apothekennetz. Diese Arbeitsteilung hat sich bewährt, ein Systemwechsel ist unnötig. Es gibt aber auch keinen Grund, dieses System in die Verfassung zu schreiben, wie es die Apotheker mit ihrer Initiative «Miteinander statt Gegeneinander» wollen. Auf Gesetzesstufe ist es bestens geregelt.

Heftige Abstimmungskämpfe hinterlassen Wunden. Das zeigte sich vor einigen Jahren schon bei den Zürcher Ärzten und Apothekern. Hoffentlich begraben beide Berufsgruppen nach dem 22. September - unabhängig vom Ergebnis - das Kriegsbeil und arbeiten weiter so gut zusammen wie bisher. Zum Wohl der Patienten.

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