Honorarkonsul Toni Locher
Wer ist dieser Mann, der Hochuli und Feri nach Eritrea einlud?

Der Wettinger Toni Locher hat auf einer umstrittenen Reise die Schweizer Politiker-Gruppe mit der Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli durch Eritrea geführt. Wer ist dieser Mann?

Manuel Bühlmann
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Kommt das Thema Eritrea auf, kommt er zu Wort: Toni Locher. Hier bei einem Besuch in Keren für das Hilfswerk Suke 2008. Archiv/Ho

Kommt das Thema Eritrea auf, kommt er zu Wort: Toni Locher. Hier bei einem Besuch in Keren für das Hilfswerk Suke 2008. Archiv/Ho

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Selten hat eine Reise von Politikern so hohe Wellen geworfen. In den letzten beiden Wochen war die grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli in Eritrea unterwegs, später stiessen auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri und weitere Politiker dazu.

Die Kritik kam schnell und heftig: Der Besuch bringe nichts, die Politikerinnen liessen sich vom eritreischen Regime zu Propaganda-Zwecken instrumentalisieren, sie bekämen nur die harmlosen Seiten des Landes zu sehen. SP-Ständerätin Pascale Bruderer verzichtete auf die Teilnahme, weil sie sich davon kein unverfälschtes Bild der Situation versprach. Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe sagte gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Diese Reise ist etwa so glaubwürdig, wie wenn die nordkoreanische Botschaft eine Reise nach Pjöngjang organisieren würde.»

Impressionen von der Eritrea-Reise von Schweizer Politikern (2016) Dabei waren Susanne Hochuli, Yvonne Feri, Thomas Aeschi und Claude Béglé.
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Impressionen von der Eritrea-Reise
Impressionen von der Eritrea-Reise
Impressionen von der Eritrea-Reise
Foto aus Eritrea: Hier war die Reisegruppe unterwegs. Yvonne Feri/ZVG

Impressionen von der Eritrea-Reise von Schweizer Politikern (2016) Dabei waren Susanne Hochuli, Yvonne Feri, Thomas Aeschi und Claude Béglé.

Zur Verfügung gestellt

Die Kritik ist auch mit jenem Mann verbunden, der die Politiker-Gruppe durch Eritrea führte: Toni Locher. Stefan Frey sagt über den Wettinger Frauenarzt und eritreischen Honorarkonsul, er sei «seit Jahrzehnten als notorischer und fanatischer Anhänger des eritreischen Regimes bekannt».

Doch wer ist der Mann mit den langen, zum Rossschwanz gebundenen grauen Haaren und der auffälligen roten Brille? Seit über 30 Jahre praktiziert der gebürtige Walliser in seiner Gynäkologie-Praxis in Wettingen. Anfang dieses Jahres übergab er den Betrieb zwar einer Nachfolgerin, trotzdem wird er dort weiterhin Patientinnen behandeln.

In den 70er-Jahren reiste er als Student nach Äthiopien, später auch nach Eritrea. Die Region faszinierte ihn von Anfang an. Seither fliegt er Jahr für Jahr mehrmals ans Horn von Afrika – inzwischen auch, um seine drei Adoptivtöchter zu besuchen. «Ihr Vater war der eritreische Botschafter und mein bester Freund. Als er 2003 starb, übernahm ich zusammen mit dem Onkel die Vaterrolle», verriet er der «Schweizer Illustrierten».

Der 67-Jährige leistet vor Ort aber auch Entwicklungshilfe. Er ist Präsident des vor rund 40 Jahren gegründeten Schweizerischen Unterstützungskomitees für Eritrea (Suke). Wasserpumpen für die Landwirtschaft, Lehrerlöhne für die Blindenschule, Kleinkredite für kriegsverletzte Frauen und Männer – das Engagement in Eritrea ist vielfältig. «Was er in der Entwicklungsarbeit macht, verdient Respekt», sagt Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe. Im Tagesgespräch von Radio SRF sagte Locher 2014 über seine Rolle als Entwicklungshelfer: «Das bin ich sehr gerne, das ist mein Gebiet.» Die politische Angelegenheit sei immer etwas schwierig und «auch sehr kontrovers».

Trotzdem nimmt er öffentlich regelmässig Stellung – für die Regierung, der von internationalen Organisationen immer wieder Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt werden. Kaum ein Bericht über die Zustände in Eritrea, in dem Locher nicht zu Wort kommt. Er verteidigt, beschwichtigt, relativiert. Das wird im SRF-Tagesgespräch besonders deutlich. Eingeschränkte Pressefreiheit? «Man kann den ganzen Tag Radio hören und sich eine oppositionelle Meinung bilden.»

Militarisierter Staat? «Ich sehe dort praktisch nie eine Uniform.» Brutale Strafen für Dienstverweigerer? «Junge Eritreer sind nicht an Leib und Leben gefährdet, das stimmt nicht.» Seit über zehn Jahren ist der Wettinger Arzt eritreischer Honorarkonsul, den umstrittenen Präsidenten Isayas Afewerki kennt er seit fast vier Jahrzehnten persönlich.

Kaum jemand weiss in der Schweiz besser über den afrikanischen Staat Bescheid als Toni Locher. Das ist auch Politikern nicht entgangen. In der ausserordentlichen Asyl-Session vom letzten Herbst forderte Philipp Müller (FDP) Bundesrätin Simonetta Sommaruga auf: «Nehmen Sie sich diesen Locher vor! Befragen Sie ihn mit Ihren Länderspezialisten. Wir wissen alle, dass wir nichts wissen über Eritrea, darüber, was dort abgeht.»

Die Lage im afrikanischen Staat ist längst zu einem der dominierenden Themen in der Asyldebatte geworden. 2015 gingen fast 10'000 Asylgesuche von Eritreern ein – so viele wie aus keinem anderen Land. Toni Locher hat sich schon mehrmals zu den Flüchtlingen geäussert. Sie würden ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen. Er plädiert dafür, ihnen die Rückkehr zu erleichtern.

Stefan Frey sagt, Locher sei schon längere Zeit «Kronzeuge beim Eritrea-Bashing», dessen Ziel es sei, möglichst bald und ohne Garantien für deren Leib und Leben wieder Asylsuchende nach Eritrea zurückzuschicken. «Er operiert als Sprachrohr des eritreischen Regimes in der Schweiz, als Verteidiger der Interessen einer ausländerfeindlichen Partei in der Schweiz. Das ist nicht tolerierbar.»

Kurz nach seiner Rückkehr sagte Toni Locher am Samstagnachmittag am Telefon: «Ich habe schon so oft Prügel bezogen, ich kann mit Kritik umgehen. Das Problem der Menschenrechtsorganisationen ist, dass sie noch nie vor Ort waren.» Die grosse Empörung über die Reise sei eigenartig. «Ich finde es wichtig, dass sich die Schweiz über den Umgang mit der eritreischen Regierung Gedanken macht und ihr künftig auf Augenhöhe begegnet.» Dass sich nun erstmalig Politiker aller Parteien ein Bild von der Lage in Eritrea machen konnten, sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Erst heute fliegt SP-Nationalrätin Yvonne Feri zurück. Sie konnte die schriftlich gestellten Fragen wegen der schlechten Internetverbindung in Eritrea nicht beantworten. SVP-Nationalrat Thomas Aeschi, der ursprünglich eine eigene Reise geplant hatte und sich der Politiker-Gruppe nur zufällig anschloss, beschreibt Locher als ruhige Person.

«Er war zurückhaltend, drängte sich uns gegenüber nicht auf mit Informationen», sagt er am Handy aus Indien, wo er seine Reise fortsetzt. Gemeinsam mit Toni Locher, den er erst vor Ort kennen gelernt hat, und Regierungsrätin Susanne Hochuli unternahm Aeschi je einen Tagesausflug in den Süden und den Norden des Landes. Er habe ihnen gezeigt, welche Arbeit sein Unterstützungskomitee vor Ort leiste – etwa für Frauen, die an HIV erkrankt sind und ihre Männer verloren haben.

«Er ist begeistert von seinen Hilfsprojekten, das hat man gespürt. Locher sieht seine Arbeit in Eritrea darin, den Menschen zu helfen.» Natürlich sei nicht von der Hand zu weisen, dass Locher der Regierung nahe stehe. «Ich habe aber nie das Gefühl gehabt, dass er uns instrumentalisieren oder beeinflussen wollte.»

Die letzten Politiker verlassen nun Eritrea. Bereits jetzt ist klar: Ohne Folgen wird ihre Reise nicht bleiben. In einem Brief bittet die Gruppe um ein Gespräch mit Simonetta Sommaruga. Ihre Forderung: Die Schweiz soll den Dialog mit der eritreischen Regierung intensivieren.

Toni Locher ist eritreischer Honorarkonsul: Was ist das für ein Amt?

In der Schweiz sind rund 140 Honorarkonsuln gemeldet. Einige Staaten haben keine, andere gleich mehrere. Österreich etwa hat sechs Personen mit diesem Titel ausgestattet, Monaco setzt in der Schweiz auf die Dienste von fünf Honorarkonsuln. Dabei handelt es sich um einen Ehrentitel – im Unterschied zur anderen grossen Gruppe, die das Amt berufsmässig ausüben. Sie können je nach Auftrag gewisse konsularische Aufgaben übernehmen – wie Pässe oder andere amtliche Dokumente ausstellen.

Welche Rechte den Amtsträgern zukommen, ist im Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen geregelt. Dort ist unter anderem festgehalten, dass sie Immunität geniessen – allerdings nur bei Handlungen, die sie in Wahrnehmung konsularischer Aufgaben vorgenommen haben. Ob ein Staat hierzulande Konsuln einsetzen darf, entscheidet die Schweiz. 2002 ermächtigte der Bundesrat die eritreische Regierung, in Wettingen ein Konsulat einzurichten. Honorarkonsul wurde Toni Locher. Dabei handle es sich um eine ehrenamtliche Aufgabe, für die er kein Geld erhalte, betonte Locher schon mehrmals öffentlich. Auf die Frage, was ein Honorarkonsul ist, antwortete er vor vier Jahren gegenüber dieser Zeitung: «Es ist ein Ehrentitel, konsularische Funktionen übe ich nur begrenzt aus.» Auf seiner Website werden Besucher, die konsularische Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen, an die eritreische Botschaft in Genf verwiesen. (Mbü)

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