Körperverletzung

Wer hat den wilden Tänzer verprügelt? Türsteher aus Mangel an Beweisen freigesprochen

Vor zwei Jahren hiess der Club noch «Don Paco»: Hier kam es im April 2017 zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen einem Türsteher und einem Gast.

Vor zwei Jahren hiess der Club noch «Don Paco»: Hier kam es im April 2017 zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen einem Türsteher und einem Gast.

Was sich in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2017 im Wohler Nachtclub «Don Paco» genau zugetragen hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Fest steht einzig, dass der Kläger heftig zusammengeschlagen und durch mehrere Schläge gegen Kopf und Hals mittelschwer verletzt wurde.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte den Tathergang und fand auch den möglichen Täter in der Person des Türstehers. Gegen den Mazedonier wurde Anklage wegen eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung erhoben. Ein Schuldspruch hätte für den Mann schwerwiegende Folgen gehabt, wäre er doch für zehn Jahre des Landes verwiesen worden.

Türsteher bestreitet Vorwürfe

Einig waren sich Staatsanwalt und Verteidiger in der Schilderung der Ausgangslage: Das spätere Opfer war alkoholisiert und fiel durch sein provozierendes Tanzverhalten auf. Der Mann sprach fremde Personen an, die Stimmung auf der Tanzfläche wurde aggressiv, es kam zu gegenseitigem Zerren, Stossen und Schubsen. Rund 20 Personen waren beteiligt. Der Türsteher, der an diesem Abend alleine für die Sicherheit zuständig war, griff ein. Vor Gericht erklärte er, solche Einsätze sei er sich gewohnt, sie seien nicht aussergewöhnlich.

Die Fortsetzung der Ereignisse wurde dem Gericht in zwei Versionen präsentiert. Gemäss der Anklage verpasste der Türsteher dem alkoholisierten Tänzer einen wuchtigen Faustschlag gegen den Kopf, sodass dieser benommen zu Boden ging. Dann packte der Türsteher den angeschlagenen Tänzer an Kopf und Kragen und schleifte ihn in einen Nebenraum. Als der Mann langsam wieder bei Sinnen war, fragte er den Türsteher, ob er jetzt gehen dürfe. Doch der Türsteher gab keine Antwort, sondern schlug nochmals drei- oder viermal heftig mit der Faust gegen den Kopf des Opfers.

Die mittelschweren Kopfverletzungen, die dem alkoholisierten Tänzer zugefügt worden waren, machten zwei Spitalaufenthalte nötig. Der beschuldigte Türsteher habe mit gegen den Kopf gerichteten Faustschlägen bewusst in Kauf genommen, dass er dem Opfer lebensgefährliche Verletzungen zufüge und es damit in Lebensgefahr bringe. Damit habe sich der Türsteher der eventualvorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Das von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafmass: eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren, eine Busse von 2000 Franken, Landesverweisung für zehn Jahre.

Ganz anders die Version des Türstehers. Er bestritt, den aufdringlichen Tänzer geschlagen zu haben. Als es zum Tumult auf der Tanzfläche gekommen sei, habe er eingegriffen. In der aufgeheizten Stimmung habe er den Mann, den er als Ursache der Aufregung vermutete, am Arm von der Tanzfläche in einen Nebenraum geführt. Die Situation auf der Tanzfläche habe sich sofort beruhigt. Er habe den Mann weder geschlagen noch sonst misshandelt, sondern sofort wieder gehen lassen.

Beweise reichen nicht aus

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten unter dem Vorsitz von Lukas Trost sagte ein Zeuge der Verteidigung aus, dass er keine Schläge gesehen habe, auch weil es im Club meist ziemlich dunkel sei. Ein zweiter Zeuge der Verteidigung erschien nicht vor Gericht; im Laufe der Verhandlung stellte sich heraus, dass er im Gefängnis sitzt.

Auch der in Deutschland lebende Kläger reiste nicht nach Bremgarten an die Verhandlung, ebenso wenig wie die Zeugen der Anklage. Ihre schriftlichen Aussagen brachten auch keine Klarheit. Zudem handelt es sich um den Bruder und einen Kollegen des Tänzers, die, wie der Verteidiger vermutete, immer wieder die gleiche Geschichte hörten, bis sie sie endlich auch selber glaubten. Gesehen hätten auch diese Zeugen nichts. Zum einen war es zu dunkel im Club, zum andern waren sie nicht im Nebenraum zugegen.

Im Polizeirapport äusserte ein Polizist die Vermutung, die Verletzungen könnten zumindest teilweise durch einen Sturz entstanden sein. Zwei medizinische Gutachten gehen indes davon aus, dass die Verletzungen durch Schläge entstanden sind. Der Pflichtverteidiger erklärte, der heftigste Schlag habe die linke Gesichtshälfte getroffen. Der Beschuldigte aber sei Linkshänder; wer mit der linken Faust schlage, könne wohl kaum beim Gegner die rechte Gesichtshälfte treffen.

Der beschuldigte Türsteher versicherte nochmals, dass er den Tänzer nicht geschlagen habe. Ein Landesverweis von zehn Jahren würde ihn hart treffen, da er seit vielen Jahren mit seiner Familie in der Schweiz lebe, hier als Polymechaniker arbeite und keinen Kontakt mehr nach Mazedonien habe. Der Job als Türsteher war für ihn bloss eine Nebenbeschäftigung am Wochenende, die er aber nach dem Vorfall im «Don Paco» aufgegeben habe.

Das Bezirksgericht Bremgarten sprach ihn durch Mehrheitsentscheid frei. Die Version, welche die Anklage präsentiert habe, sei zwar eine durchaus mögliche Variante. «Aber die vorliegenden Beweise reichen für einen Schuldspruch nicht aus», erklärte Gerichtspräsident Lukas Trost. So habe der Beschuldigte keinerlei Spuren an den Händen aufgewiesen; und solche müssten doch nach so heftigen Schlägen nachzuweisen sein.

Der Mazedonier darf in der Schweiz bleiben, die Kosten gehen zulasten der Staatskasse. Ungeklärt bleibt, wer den alkoholisierten Tänzer in jener Aprilnacht 2017 spitalreif geschlagen hat.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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