Die Atmosphäre in Aarau, an der Delegiertenversammlung des Aargauischen Gewerkschaftsbunds, war gewohnt kämpferisch – es ist Wahljahr. Sogar Landammann Urs Hofmann zeigte sich angriffig, zumindest bei den Eröffnungsworten, die er der Abstimmung zur EU-Waffenrichtlinie widmete: «Etwas Verlogeneres als diese Diskussion habe ich noch selten erlebt», so der Gastredner. «Die Gegner sind dieselben, die gegen das Schengen-Abkommen kämpften. Jetzt behaupten sie, diese Verträge seien nicht gefährdet, auch wenn wir zum verschärften Waffenrecht Nein sagen würden.»

Dann kam Hofmann auf sein eigentliches Thema zu sprechen: die Aargauer Wirtschaftspolitik. Die Entwicklung zum Industriestandort verdanke der Kanton dem bernischen Manufakturmandat aus dem Jahre 1719. «Die Berner, die den Berner Aargau beherrschten, lebten von den Zinsen», führte der SP-Politiker aus. «Als die Industrialisierung einsetzte, und man merkte, dass man die Mühlen nicht nur zum Mahlen, sondern auch zum Betreiben von Maschinen verwenden kann, ging es darum, wer dies denn überhaupt dürfe.» Die Berner selbst wollten das nicht, sie verdienten gut genug. Mit dem Manufakturmandat liberalisierten sie die aufkommende Kleinindustrie.

Flüchtlinge bauten Fabriken

«Es waren oftmals Flüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten, die im Textilgewerbe aktiv waren und die ersten Fabriken aufgebaut haben», sagte Hofmann. In den katholischen Gebieten dagegen, etwa in Baden, habe es damals noch keine Fabriken gegeben.

Der SP-Regierungsrat, der mit seinem geschichtlichen Rückblick eine Lanze für den Liberalismus brach, wies aber auch darauf hin, dass es den Staat brauche, damit sich die Aargauer Unternehmen weiterhin behaupten könnten. «Das geht nur, wenn sie technologisch weiterhin zur Spitze gehören.» Die Herausforderungen zeigten sich in der heutigen Zeit auch bei den Patrons, die ihre Firmen an die nächste Generation weitergeben müssen: «Für viele ist es schwierig, einen Nachfolger zu finden.» Am schlimmsten seien aber die Leute, die nicht aufhören könnten, so der Landammann, und setzte zu einem kleinen Seitenhieb gegen Maximilian Reimann (SVP) an: «Das ist in der Politik dasselbe – wir sehen es ja momentan bei Leuten, die ihre eigene Liste gründen.»

Aber auch, wenn die Innovationskraft verloren ginge, sei das Ende eines Unternehmens praktisch besiegelt. Hofmann führte als Beispiel die Brugg Cables an, wo letzte Woche bekannt wurde, dass bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Stellen gestrichen und ein Verkauf oder Teilverkauf geprüft werde: «Dies trotz des Booms der erneuerbaren Energien – Stromkabel für lange Strecken sind weltweit gefragt wie noch nie.» Im Aargau setze sich die Regierung deshalb dafür ein, Unternehmen zu vernetzen und den Austausch zwischen Forschung und Wirtschaft zu fördern.

Gegen das Rahmenabkommen

An der Delegiertenversammlung war nicht nur die Aargauer Wirtschaftspolitik Thema. SP-Ständeratskandidat Cédric Wermuth argumentierte rhetorisch gekonnt gegen das geplante Rahmenabkommen mit der EU und schoss ab und an eine böse Bemerkung in Richtung FDP und SVP. Philipp Müller habe den Vertrag nur aus juristischer Sicht betrachtet, verkenne aber, was damit politisch bewegt werde. «Wer für Europa ist, der muss Nein sagen. Bei einer Annahme fällt der Lohnschutz, den Dumping-Löhnen werden Tür und Tor geöffnet – dann gewinnt die SVP, wenn die Bilateralen Verträge das nächste Mal aufs Tapet kommen.» Selbstkritisch räumte er auch ein, die Gewerkschaften hätten es nicht geschafft, in den vergangenen Jahren den Leuten zu erklären, wie der Lohnschutz genau funktioniere. Und Kurt Emmenegger von der Unia erklärte: «Es geht nicht nur um die 8-Tage-Regel.» Es seien eine Reihe von Massnahmen, die wegfallen würden, etwa die Kaution, die momentan die Unternehmen hinterlegen müssen, für den Fall eines Verstosses.