Vortritt
Wer den weissen Stock ignoriert, wird gebüsst

Was viele nicht wissen: Wer ohne Begleitung mit dem weissen Stock unterwegs ist, hat grundsätzlich und überall Vortritt.

Jörg Meier
Merken
Drucken
Teilen
Wenn eine blinde Person ihren Blindenstock ausstreckt, ensteht ein unsichtbarer Fussgängerstreifen. Autofahrer müssen anhalten.

Wenn eine blinde Person ihren Blindenstock ausstreckt, ensteht ein unsichtbarer Fussgängerstreifen. Autofahrer müssen anhalten.

Keystone

Blinde und sehbehinderte Fussgänger brauchen klare Regeln, damit sie sich sicher auf Strassen und Trottoirs bewegen können. Allerdings kennen längst nicht alle sehenden Verkehrsteilnehmenden diese Regeln.

Zum Beispiel diese: Überall, wo eine betroffene Person am Trottoirrand steht und mit ausgestrecktem Arm den weissen Stock zeigt, bedeutet dies, dass genau dort auf der Strasse quasi ein unsichtbarer Fussgängerstreifen entsteht. Konkret heisst dies: Sehbehinderte und Blinde sind jederzeit und überall vortrittsberechtigt. Die schweizerische Verkehrsregelverordnung hält dies so fest: «Unbegleiteten Blinden ist der Vortritt stets zu gewähren, wenn sie durch Hochhalten des weissen Stockes anzeigen, dass sie die Fahrbahn überqueren wollen.»

Zwei Drittel halten nicht an

Dass dieses Wissen tatsächlich noch längst nicht bei allen Autofahrerinnen und Autofahrern in der Schweiz angekommen ist, belegt der Test, den die Schaffhauser Kantonspolizei vor einigen Tagen durchgeführt hat.

Von 128 Lenkerinnen und Lenkern haben nur gerade 45 angehalten, um einem Blinden mit dem weissen Stock, der die Fahrbahn überqueren wollte, den Vortritt zu gewähren. 83 Lenker sind weitergefahren, ein Autofahrer übersah sogar die Person mit dem weissen Stock, die sich bereits auf der Fahrbahn befand. Der fehlbare Autolenker wurde angezeigt. Die Nicht- beachtung des Vortrittsrechts kann zu einer hohen Busse führen. Denn das Ignorieren des weissen Stocks wird nicht mehr durch den Ordnungsbussenkatalog abgedeckt. Es wird stattdessen mit einer schriftlichen Verzeigung und einem Strafverfahren geahndet.

Einfach loslaufen sollten aber auch Blinde mit dem weissen Stock in der Hand nicht. Vielmehr müssen sie den Autofahrern eine Chance geben, vernünftig anhalten zu können.

Wichtig ist andererseits, dass man als Autofahrer Geduld hat und den Personen, welche die Strasse überqueren, genug Zeit gibt. Losfahren sollten Autolenker erst wieder, wenn alle auf dem Trottoir angekommen sind. Der Schweizerische Blindenbund hat für Sehende Tipps bereit, wie sie gegenüber blinden Verkehrsteilnehmenden möglichst viel Klarheit schaffen.

Motor nicht abstellen

So sollte man relativ dicht vor der Person mit dem weissen Stock anhalten, aber den Motor keinesfalls abstellen. Denn wenn ein Fahrzeug zu weit entfernt hält oder der Motor ausgeschaltet wird, ist es akustisch plötzlich verschwunden. Und das führt zu Verunsicherung. Auch Hupen ist falsch, denn das gilt als Warnsignal. Zu winken oder das Betätigen der Lichthupe ist sinnlos, was aber hilft, ist Geduld.

Auch Velofahrerinnen und Velofahrer sind verpflichtet, anzuhalten. Es ist auch nicht erlaubt, noch schnell vor oder hinter der Person mit dem weissen Stock durchzuflitzen.

So orientieren sich Sehbehinderte mit ihrem Blindenstock: