Ersatzwahl

Wer darfs denn sein? Erleben Sie die Aargauer Regierungsratskandidaten im Schlagabtausch

Wer darfs denn sein? Erleben Sie die Aargauer Regierungsratskandidaten im Schlagabtausch

Gaben sich mehrheitlich diplomatisch und angepasst: die fünf Kandidaten der Regierungsratsersatzwahlen vom 20. Oktober beim Talk im AZ-Newsroom.

Am 20. Oktober wählt die Aargauer Stimmbevölkerung die Nachfolge der zurückgetretenen SVP-Regierungsrätin Franziska Roth und damit die künftige Führung des Departements Gesundheit und Soziales. Im Rahmen eines TV-Talks für Tele M1 hat Rolf Cavalli, Chefredaktor der Aargauer Zeitung, den Kandidaten auf den Zahn gefühlt. Eine gute Gelegenheit, sich ein Bild zu machen von den fünf Politikern.

«Wir haben uns diesen Zeitpunkt ja nicht ausgesucht», sagt Yvonne Feri gleich zu Beginn des rund 20-minütigen Talks. Die Wettinger SP-Nationalrätin wollte sich am 20. Oktober ursprünglich in den Ständerat wählen lassen, unterlag aber bei der Nomination dem parteiinternen Mitstreiter Cédric Wermuth – und kandidiert nun stattdessen für den Regierungsrat. 

Nicht zum ersten Mal. Bereits vor drei Jahren ist Feri angetreten. Das Rennen machte Franziska Roth, SVP-Politikerin, ehemalige Brugger Bezirksgerichtspräsidentin und schliesslich stets umstrittene Regierungsrätin – bis sie in diesem Frühjahr erst aus ihrer Partei ausgetreten und im Juni dann auch von ihrem Regierungsratsamt zurückgetreten ist.

Die Profile

Drei Frauen und zwei Männer haben sich beworben für den freien Regierungsratssitz und damit den Platz an der Spitze des Departements für Gesundheit und Soziales, kurz DGS: Doris Aebi (Grünliberale), Jeanine Glarner (FDP), Severin Lüscher (Grüne), Jean-Pierre Gallati (SVP) und eben: noch einmal Yvonne Feri (SP). 

«Wollen Sie um jeden Preis einen neuen Job?», fragt sie Rolf Cavalli, Chefredaktor der Aargauer Zeitung und Moderator des Talks zu den Regierungsratswahlen, der am Dienstagabend auf Tele M1 ausgestrahlt worden ist. Nein, sagt Yvonne Feri und relativiert: Dass sie nun für den Regierungsrat kandidiere, sei Zufall – den Zeitpunkt der Ersatzwahl hätten weder sie noch ihre Partei beeinflusst. Fakt ist: Man sei man sei auf sie zugekommen mit der Frage, ob sie es noch einmal versuchen wolle. «Für mich war klar: Ja selbstverständlich interessiert mich dieser Job immer noch.» 

Warum sollte es dieses Mal klappen? Feri zählt ihre Kompetenzen auf: «Ich habe elf Jahre Exekutiv-Erfahrung, habe gelernt über den Schatten zu springen und ein Gespür dafür entwickelt, was politisch möglich ist. Gesundheit und Soziales gehören seit Jahrzehnten zu meinen Steckenpferden.»

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums positioniert sich SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati. Stets als scharfzüngiger Kritiker der Regierung, wie Rolf Cavalli es formuliert. «Werden sie nun versuchen, möglichst viel zu ändern?», fragt er also. Gallati zeigt sich diplomatisch: «Die Rolle eines Regierungsrats ist eine völlig andere als die eines Parlamentsmitglieds. Hier gilt das Kollegialitätsprinzip. Wenn ein Beschluss gefällt worden ist vom fünfköpfigen Regierungsrat, dann gilt der für alle, auch für jene, die nicht einverstanden sind.»

Doris Aebi, Unternehmerin aus Schöftland, war zwar bis ins Jahr 2000 für die SP Solothurn im Kantonsrat. «Aber die Politiklandschaft im Aargau ist für Sie total neu», unterstellt ihr Rolf Cavalli. «Da haben Sie etwas übersehen in meinem Lebenslauf», widerspricht Aebi. «Ich lebe jetzt 20 Jahre im Aargau und war im Führungsausschuss der Fachhochschule Nordwestschweiz. Das heisst, ich bin es sehr wohl gewohnt, mit der Regierung zu verhandeln.» 

Sie sei zwar nicht parteipolitisch aktiv gewesen in letzter Zeit – jetzt gehört sie den Grünliberalen an – dafür sachpolitisch. «Das ist es auch, was es jetzt braucht in der Regierung – jemanden aus der Mitte, der sachpolitisch argumentieren und Mehrheiten bilden kann.» Zudem komme ihr für das Amt der Regierungsrätin ihre Führungserfahrung zugute: «Dieses Departement zählt 400 Mitarbeiter, diese gilt es zu führen, Ruhe hineinzubringen, Schlüsselstellen richtig zu besetzen, eine gesundheitspolitische Planung zu machen. Dieses Know-how bringe ich mit.»

AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli fühlt Yvonne Feri (SP), Severin Lüscher (Grüne), Doris Aebi (GLP), Jeanine Glarner (FDP) und Jean-Pierre Gallati (SVP) auf den Zahn (von links nach rechts).

AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli fühlt Yvonne Feri (SP), Severin Lüscher (Grüne), Doris Aebi (GLP), Jeanine Glarner (FDP) und Jean-Pierre Gallati (SVP) auf den Zahn (von links nach rechts).

FDP-Grossrätin und Kommunikationsspezialistin Jeanine Glarner ist 35 Jahre jung. «Ich glaube, ich bin wirklich das Küken in dieser Runde», gibt sie zu. Dass sie deswegen zu wenig Erfahrung für den Regierungsrat hat, lässt sie aber nicht gelten: «Entscheidend ist nicht das Alter, sondern, was man im Rucksack hat.» Und dieser sei bei ihr trotzdem «sehr gut gefüllt.» Nach über sieben Jahren im Grossen Rat sei sie bestens vernetzt, kenne die Regierungstätigkeit und wisse, «was es bedeutet, in einem Kollegium zu argumentieren, zu überzeugen und zu entscheiden.» 

In der FDP politisiert sie eher rechts, darum fragt Cavalli: «Kann man dann nicht gleich Gallati wählen, wenn man bürgerlich wählen will, und bekommt dafür mehr Erfahrung?» Glarner kontert: «Wirtschaftspolitisch haben wir sehr ähnliche Positionen, aber gesellschaftspolitisch bringe ich doch ein sehr anderes Profil mit, da habe ich auch Schnittmengen mit der linken Seite.» Und auch «im Stil» unterscheide sie sich vom SVP-Kandidaten.

Die Frauenfrage

Severin Lüscher ist Hausarzt und kommt wie Doris Aebi aus Schöftland. Er ist laut Cavalli allseits beliebt, hat aber ein Problem: «Sie sind ein Mann.» Und wie soll er als Linksgrüner die Wahl in ein Gremium schaffen, das bereits aus vier Männern besteht, wenn sich vor allem das linksgrüne Lager eine Frau wünscht? Severin Lüscher stellt eine Gegenfrage: «Geht es ums Regieren oder geht es um das Foto von diesem Regierungsrat?» Aus seiner Sicht gehe es in erster Linie um Menschen und nicht ums Geschlecht, auch wenn ihm bewusst sei, «dass gemischte Teams anders funktionieren, als reine Männer-Teams». 

So sieht das auch Doris Aebi: «Die Vielfalt ist wichtig – in der Wirtschaft und in einer Regierung – doch zuerst müssen Erfahrung und Kenntnisse stimmen.»

Für Yvonne Feri gibt es in der Genderfrage keinen Kompromiss: «Wir können uns keine reine Männerregierung erlauben.» Auch Jeanine Glarner äussert sich dazu erst klipp und klar: «Ich bin gegen Quoten, das ist zutiefst unliberal.» Schiebt dann aber Werbung in eigener Sache nach: Nichtsdestotrotz «würde es dem Kanton gut anstehen, wenn auch Frauen und die junge Generation im Regierungsrat vertreten wären». Doch «die Bevölkerung soll mich nicht wählen, weil ich jung und weiblich bin, sondern, weil ich ein Gesamtpaket mitbringe, das diese Regierung brauchen kann.» 

Was es jetzt braucht

Jean-Pierre Gallati stellt die Lösung der aktuellen Probleme über die Genderfrage: «Das DGS ist in einem schlechten Zustand und es geht nur um eine Frage: Wer übernimmt dort mit schneller Wirkung die Führung?» Die Möglichkeit, «zwei oder drei Frauen» in die Regierung zu wählen, bekomme die Bevölkerung noch mit den Gesamterneuerungswahlen 2020.

Seine Strategie, um das Departement wieder auf Kurs zu bringen: «Stabilisieren, rekrutieren, motivieren», auch über das Departement hinaus. «Und nicht nach zweijähriger Einarbeitungszeit, das muss man nach zwei, drei Monaten schon können.»

Severin Lüscher sieht genau da seine Stärken: «Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich von den Sachthemen her sehr schnell loslegen und dort aufholen könnte, wo in den vergangenen zirka drei Jahren nichts gegangen ist.» Er unterstreicht zudem seine Führungserfahrung – «Chefarzt eines Spitals mit 180 Leuten» –, aber auch als Hausarzt müsse er kommunizieren, motivieren, entscheiden, strategisch planen. Und «sich dabei nicht in Konzepten verlieren», sondern auch an den Patienten denken.

Wer jetzt dieses Department übernimmt, der muss laut Jeanine Glarner auch «mit Freude und Leidenschaft vorangehen» können. Und: «Es braucht jetzt jemanden, der Ruhe hineinbringt, die Leute motiviert und auch hinstehen kann.»

Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» vom Dienstagabend mit den Aargauer Regierungsratskandidaten in voller Länge:

TalkTäglich zu den Regierungsratswahlen im Aargau

Doris Aebi würde als erstes «die vakanten Schlüsselstellen neu besetzen». Yvonne Feri spricht von «Lust, diesen desolaten Zustand aufzuräumen». Dafür brauche es «sehr viel Energie» und die Bereitschaft «voll und ganz für dieses Department da zu sein». 

Und noch etwas brennt Yvonne Feri unter den Nägeln: Dass es in diesem Departement nicht nur um Gesundheit, sondern auch ums Soziale gehe, um Asyl, Alter und Familie beispielsweise. Für diese Bereiche bringe sie die Kompetenzen mit. Jeanine Glarner hängt gleich mit ein: «Da schadet es sicher nicht, wenn man die Erfahrung im Bereich Soziales aus dem Gemeinderat einbringen kann.» (smo)

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