Die Menschen, die heute in Alters- und Pflegeheimen leben, prägten einst das gesellschaftliche Leben. Nun sind sie auf Menschen angewiesen, die für sie sorgen.

Was Pflegemitarbeiterinnen im Alltag erleben, schildern der az hier zwei junge Frauen*.

Am Ende bleibt die Frage: Welche Pflege erwarten wir für uns und unsere Angehörigen, wenn wir einmal darauf angewiesen sind - und was sind wir als Gesellschaft bereit, dafür zu bezahlen?


Hier erzählt eine Fachfrau Gesundheit (25):

«Ich wusste schon immer, dass ich in die Medizin will. Ein Bürojob wäre nichts für mich. Also machte ich nach der Schule ein Praktikum in einem Altersheim, das war vor sechs Jahren. Jetzt arbeite ich als Fachfrau Gesundheit (FaGe).

Wenn mich jemand fragt, was ich als FaGe mache, frage ich: ‹Was denkst du?› Die meisten sagen dann: Den Alten das Füdli waschen, essen eingeben und Sabber abputzen.

Das stimmt, ich mache das, und es macht mir nichts aus. Aber ich habe auch Verantwortung für Menschen, ich muss ihre Vorlieben und ihr Krankheitsbild kennen, ich telefoniere mit Ärzten und tausche mich mit meinem Arbeitskollegen aus und vieles mehr. Viele Leute wissen gar nicht, was es bedeutet, alte Menschen zu pflegen. Sie denken, es gehe nur ums Füdliwaschen.

Ich habe alte Leute gern. Dort, wo ich jetzt arbeite, gefällt es mir super. Das Altersheim, in dem ich die Ausbildung machte, war weniger toll.

Personalmangel und Wechsel hatten wir immer. Die Leute sind gekommen und gegangen. Die Pflege war relativ happig. Und wir Auszubildenden hatten nie Lernbegleitung, mussten aber trotzdem sechs bis acht Bewohner betreuen.

Im Schnitt hatten wir zwanzig Minuten Zeit am Morgen, um die Leute zu waschen, anzuziehen und in den Speisesaal zu bringen.

Ich bin mir manchmal vorgekommen wie eine Fliessbandarbeiterin. Ein Beispiel: Die Leute sind die ganze Nacht allein, dann kommst du rein und sie wollen mit dir reden, dann musst du sagen: ‹Entschuldigung, ich habe keine Zeit, ich muss zum Nächsten.›

Zum Teil mussten wir auch unseren ‹Grind durestiere›, so böse das jetzt tönt. Wir hatten zum Beispiel eine Frau, die wollte nie ihre Stützstrümpfe anziehen, obwohl sie musste.

Die Pflegerinnen zogen ihr die Strümpfe dann einfach an. Sie waren zu zweit, eine hielt das Bein der Frau, die andere zog die Strümpfe an.

Ich finde, man könnte der Frau auch jeden Tag fünf Minuten erklären, warum sie die Strümpfe braucht. Ich habe das einmal gemacht, dann war es kein Problem, die Dinger anzuziehen.

Die Kommunikation zwischen Pflegerinnen und Bewohnern litt extrem unter dem Zeitdruck. Wenn du weisst, dass schon der nächste Bewohner aufstehen will, hast du keine Zeit und machst zack, zack und fertig.

Ich fühlte mich schlecht in solchen Momenten. An dem Ort, wo ich jetzt arbeite, kann ich mir Zeit nehmen für die Leute, wenn Bewohner nicht essen wollen, müssen sie nicht essen, und wer ausschlafen will, darf im Bett bleiben.

Wenn es zu wenig Personal hat, wird weniger geduscht. Man macht dann nur noch Intimpflege, Katzenwäsche, wie wir sagen. Oft haben wir auch das Frühstück auf die Station bestellt, damit wir nicht extra mit jedem Bewohner runter in den Speisesaal gehen mussten. Die Bewohner sitzen dann halt allein im Zimmer und essen. In allen vier Altersheimen, die ich kenne, haben die Bewohner wenig Kontakt untereinander.

Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht, warum sie kaum miteinander reden. Ein anderes Beispiel: Wenn jemand Schmerzen in den Beinen hat und für eine Strecke von zehn Metern eine Viertelstunde braucht, dann wurde er in den Rollstuhl gesetzt und fertig. Ich hatte wirklich keine Zeit, zu warten. Wegen dieser Erlebnisse habe ich mich entschlossen, mich bei der Unia im Bereich Pflege zu engagieren.

Es gibt aber auch viele schöne Momente. Immer, wenn dir jemand Danke sagt. Oder, wenn jemand verschwitzt ist und du ihn wäschst und er danach wieder frischer aussieht.

Ich überlege mir oft, wie ich es gerne hätte? Hätte ich es gern, wenn am Morgen jemand reinkommt und sagt: Ciao, guten Morgen, und mir dann die warme Decke wegreisst? Solche Gedanken mache ich mir oft.»

Hier erzählt eine andere Fachfrau Gesundheit (25):

«Ich würde mich in einer solchen Situation auch schämen»

«Ich hatte nie Probleme mit den Bewohnern - nur mit der Leitung. Schwierig finde ich, wenn die Stationsleitung immer nur im Büro ist. Das war so in dem Altersheim, in dem ich arbeitete. Wir sahen die Stationsleitung kaum. Wochenweise kam sie dann plötzlich auf die Station und nahm jemanden in die Mangel. Das war schlimm.

Kam dazu, dass wir zu wenig Leute waren. Immer wieder wurden neue Leute von Personalvermittlungsagenturen angestellt. Die blieben meist nicht lange. Für uns war das ein grosser Aufwand: Wir mussten die Neuen immer wieder einarbeiten. Diese Zeit fehlte uns dann für die Bewohner.Ich arbeitete auf der Demenz-Abteilung. Dort ist es doppelt schlimm, wenn man keine Zeit hat. Zu Beginn waren wir noch mehr Leute. Die Bewohner haben es genossen, wenn wir mit ihnen getanzt oder gebastelt haben.

Am Abend zogen wir den Leuten das Pyjama an und sassen vor dem Schlafengehen noch gemeinsam am Tisch und gaben ihnen Guetzli - das war mega schön. Aber das ging mit der Zeit einfach nicht mehr, weil wir zu wenige waren. Also zogen wir den Leuten das Pyjama an und sie mussten sofort ins Bett.

Irgendwann konnten wir nur noch das Wichtigste machen. Die Bewohner merkten das und reagierten darauf. Vor allem die Dementen. Sie waren aggressiver und auch gelangweilt. Einfach ganz anders. Wenn man etwas mit ihnen macht, sind sie irgendwie lebensfreudiger.

Weil wir so wenige waren, tauschte die Leitung auch einfach die Dienste, wenn jemand krank war. Egal, ob es uns passte oder nicht. Sie fragten uns gar nicht. Manchmal hatte ich Nachtdienst und am nächsten Tag gleich wieder Frühdienst. In dieser kurzen Zeit kann sich doch niemand erholen. Jetzt arbeite ich im Spital. Ich habe dort mindestens zwei Tage frei nach einem Nachtdienst.

Ich finde es wichtig, dass es in jedem Team auch Männer hat. Männer tun einem Team gut.

Ein anderes Thema ist der Umgang mit Fehlern. Fehler passieren. Ich habe es immer angesprochen im Team, wenn etwas falsch lief. Zum Beispiel, wenn die Bewohner falsche Medikamente bekommen haben. Manche sagten dann zu mir: ‹Tu nicht so schwierig.› Andere stritten ab, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Warum man Medikamente falsch gibt? Das hat schon auch damit zu tun, dass man zu wenig Zeit hat. Oft gehen deshalb auch Termine vergessen, Zahnarzttermine zum Beispiel.

Der Umgang der Pflegerinnen mit den Bewohnern ist unterschiedlich. Es gibt solche, die einer dementen Bewohnerin die Hosen einfach abziehen und das Pyjama anziehen, auch wenn die Bewohnerin sich wehrt. Ich finde es wichtig, dass man Mitgefühl hat. Ich würde mich auch schämen, wenn mir jemand einfach die Hose ausziehen würde. Eine Lösung zu finden mit den Bewohnern, das braucht Zeit. Manchmal dauert es eine halbe Stunde. Oft hat man keine Zeit dafür - manchmal auch keine Nerven.

Die meisten Pflegerinnen, die ich kenne, leiden darunter, dass sie den Leuten zwar gerecht werden wollen, aber einfach nicht genügend Zeit haben. Schon klar: Man kann den Bewohnern nicht alle Wünsche erfüllen. Aber das kann es doch auch nicht sein, wenn es in der Pflege einfach nur noch um das Minimum geht, oder? Für mich ist es wichtig, die Leute so zu behandeln, wie ich selber auch behandelt werden möchte.

Ich bin froh, dass ich jetzt in einem Spital arbeite. Dort ist alles viel geregelter und die Leute besser qualifiziert. Wenn ich einmal Kinder habe, könnte ich mir vorstellen, wieder in einem Altersheim zu arbeiten. Aber nur, wenn die Arbeitsbedingungen dann besser sind.»

*Die beiden Frauen bleiben anonym, weil sie nach wie vor in der Pflege arbeiten. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt. Ihre Arbeit in der Pflege bezeichnen sie grundsätzlich als Traumjob.