Care Team
Wenn für das Care Team Aargau das Warum Tabu ist

Jeder Einsatz für das Care Team ist ein Einsatz für sich. So gibt es eine ganze Palette von Reaktionen. Nicht nur Betroffene, auch Psychologen brauchen oftmals professionelle Unterstützung. Die Aargauer Zeitung hat Care-Team-Mitarbeiter getroffen.

Adrian Hunziker
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Die Jacke des Care Team Aargau ist ein wichtiger Bestandteil der Care Giver.

Die Jacke des Care Team Aargau ist ein wichtiger Bestandteil der Care Giver.

Zur Verfügung gestellt

Kurz nach einer Tragödie, wie sie sich beispielsweise gestern im luzernischen Menznau abspielte, oder nach einem Todesfall in der Familie, haben Angehörige von Verstorbenen oft Probleme, sich im Alltag wieder zurechtzufinden. In solchen Fällen rückt ein Care Team aus.

Das Team unterstützt dabei die Betroffenen mit professioneller Hilfe bei der Wiedereingliederung. Das Care Team Aargau verzeichnete im letzten Jahr 115 Einsätze.

«Wenn wir bei den Betroffenen ankommen, gibt es eine ganze Palette von Reaktionen. So ist jeder Einsatz wieder anders», sagt Ursula Schwager, Koordinatorin des Care Team Aargau.

Auf die Bedürfnisse achten

So gibt es Betroffene, die flüchten. Sie wollen sich vom Tatort entfernen, das Ereignis nicht wahrhaben.

«Hier ist es ratsam, auf die Bedürfnisse der betroffenen Person zu achten und sogar spazieren zu gehen, falls dies gewünscht wird», erklärt Schwager.

Wichtig ist, dass niemand alleine gelassen wird.

Als weitere Reaktion existiert das «Gefrieren». Die Person erstarrt, ist in sich gekehrt und sagt nichts. Bei ihnen müsse man schauen, dass sie sich nicht verschliessen und das Ganze verdrängen würden.

Und dann sind da noch die, die aggressiv werden. «Bei diesen Personen ist es wichtig, dass man selber ruhig bleibt und mit ruhiger, souveräner Stimme spricht. Wir versuchen, die Leute zum Sitzen zu bringen», sagt Schwager.

«Bei ihnen geht ein Ventil auf, das schadet nichts. Sie machen etwas, und das ist viel dankbarer als eine Person, die nichts mehr sagt», fügt David Bürge, Kommandant des Kantonalen Katastrophen-Einsatzelements KKE, an. Das Care Team Aargau ist dem KKE unterstellt.

«Das Warum ist Tabu»

Laut Schwager gehört zu ihrer Arbeit, viel zuzuhören und auszuhalten. «Wir stellen immer wieder Fragen. ‹Warum› ist aber ein Tabu.»

Denn den Sinn dessen, was gerade passiert ist, bereits am ersten Tag zu finden, sei unmöglich. Doch in allen Fällen versuchen die sogenannten Care Giver mit den Betroffenen zu sprechen, denn Kommunikation sei der Schlüssel.

Das Ziel der Care Giver ist es, den ersten psychischen Schock mit den Betroffenen gemeinsam auszuhalten. So, dass sie trotz des Ereignisses wieder ihre eigene Selbstständigkeit leben können, sich nicht abkapseln und zurück in den Alltag finden.

«Wenn jemand uns sagen kann, wie er oder sie sich fühlt, und über das Erlebte sprechen kann, dann ist das bereits ein grosser Schritt», so Schwager.

Der Einsatz eines Care Team, das pro Ereignis normalerweise nur aus einer Person besteht, dauert im Schnitt drei bis sechs Stunden. «Wir sind nur akut auf Platz und begleiten die Betroffenen nicht weiter», sagt Schwager.

Die Care Giver bekommen viele Schicksalsschläge mit. So ist es kein Wunder, dass gewisse Care Giver belastet nach Hause gehen.

«Da braucht es eine sogenannte Seelenwäsche. Auch die Spezialisten müssen wieder Energie tanken können für einen nächsten Einsatz», erklärt Bürge.

Und Schwager fügt an: «Bei Helferberufen ist es ein wichtiges Kriterium, wie man mit sich selber umgeht.

Wenn jemand merkt, dass Unterstützung von Nöten ist, kann sie oder er sich an ein Nachbesprechungsteam wenden.» Dieses Angebot werde rege genutzt. Auch Schwager nimmt diese Hilfe manchmal gerne an.

Erneut ist dabei Kommunikation trumpf. Das gelte nicht nur für Betroffene, sondern auch für Psychologen, so Schwager.

Sie erklärt: «Wir merken selber, ob wir Hilfe brauchen. Das ist Teil unserer Grundausbildung, diese Selbsterfahrung und Selbstschutztechniken lernen wir. Daran arbeiten wir immer wieder innerhalb der Weiterbildung.»

Jacke und Erlebtes ablegen

Ausserdem ist für die Care Giver die Bekleidung ausschlaggebend. «Es ist wichtig, dass wir nach einem Einsatz unsere Jacken ablegen können», sagt Schwager. Das sei gut für die Psychohygiene.

Zusätzlich durchliefen einige Care Giver individuelle Rituale. «Sie gehen nach draussen oder werfen ein Objekt in einen Fluss. Das hilft, um abzuschliessen.»

Auch Schwager geht spazieren oder verbringt Zeit auf dem Balkon.

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