Ergänzungsleistungen

Wenn die Rente nicht reicht: Aargauerin Vreni M. (71) in Existenzangst

Wer mit den AHV-Beiträgen den Lebensbedarf nicht decken kann, erhält Ergänzungsleistungen – doch viele Bezüger müssen jede Ausgabe genau durchrechnen. Symbolbild: Shutterstock

Wer mit den AHV-Beiträgen den Lebensbedarf nicht decken kann, erhält Ergänzungsleistungen – doch viele Bezüger müssen jede Ausgabe genau durchrechnen. Symbolbild: Shutterstock

Eine AHV-Bezügerin legt ihr monatliches Budget offen und erklärt, wieso das Geld trotz Ergänzungsleistungen kaum zum Leben reicht und warum sie Arztbesuche fürchtet.

Die Briefe bewahrt sie alle in Mäppchen auf. Über 50 sind es bereits. Auf einer handschriftlichen Liste notiert sie, wem sie wann geschrieben hat. Ständeräte, Regierungsräte, Bundesräte, Bundesämter hat sie schon auf die finanzielle Not aufmerksam gemacht, unter deren Folgen AHV-Bezügerinnen wie sie leiden. Auch deshalb, weil die Ergänzungsleistungen nicht ausreichten. Die Antworten, die bei Vreni M. (Name geändert) eintrafen, brachten sie in ihrem Kampf nicht weiter. Ihr Fazit: «Niemand kümmert sich darum.»

Die 71-Jährige ist eine von rund 11 000 Personen im Aargau, die zu ihrer AHV-Rente Ergänzungsleistungen erhalten. Was vor 50 Jahren als Übergangslösung gedacht war, ist inzwischen für viele Menschen zum festen Bestandteil ihres Haushaltsbudgets geworden. 436 Franken erhält Vreni M. monatlich an Ergänzungsleistungen, zusammen mit der AHV kommt sie auf 2708 Franken. Hat sie das Geld auf die verschiedenen Kuverts mit den Ausgabenposten verteilt, bleibt kaum mehr etwas übrig. Existenzängste begleiten sie durch den Alltag. «Mit dem Geld lässt sich nicht leben.» Zum Arzt gehe sie nicht, sagt sie. Aus Furcht vor der Rechnung.

Auf ihre prekäre finanzielle Situation will sie aufmerksam machen. Deshalb legt sie ihr Budget offen, das sie akribisch aufgelistet hat (siehe unten). Das Hauptproblem findet sich ganz oben auf der Liste: die Miete. 1100 Franken sind dafür bei Bezügern von Ergänzungsleistungen vorgesehen. Seit 16 Jahren wurde der Betrag nicht angepasst, obwohl die Mieten im gleichen Zeitraum stark angestiegen sind. Die Politiker ringen um eine Anpassung.

Geld, das anderswo fehlt

Ob und wann Vreni M. von höheren Beträgen profitieren wird, ist offen. Bis dahin zahlt sie Monat für Monat 236 Franken mehr für die Miete, als ihr für das Wohnen eigentlich zugestanden wird. Geld, das anderswo fehlt. Seit über vier Jahrzehnten wohnt die AHV-Bezügerin, die zwei Kinder allein grossgezogen und ihr ganzes Leben gearbeitet hat, in der gleichen Wohnung. Die Mietzinse stiegen nicht, dafür die Nebenkosten. Doch ein Umzug sei teuer, eine günstigere Wohnung schwer zu finden. Denn ein Auto kann sie sich nicht leisten und weil ihre Beine keine langen Märsche mehr zulassen, ist sie auf die Nähe zum Bahnhof angewiesen. «Wo soll ich hin?», fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Die finanzielle Notlage bringt sie dazu, mit einem Gedanken zu spielen, der in ihrer Verfassung gar nicht aufkommen dürfte: ein Umzug ins Altersheim.

Kein realitätsfernes Szenario, wie Xaver Wittmer bei seiner täglichen Arbeit erfahren musste. Der Fachverantwortliche Sozialberatung bei der Pro Senectute Aargau sagt: «Wir sind regelmässig mit Fällen von älteren Menschen konfrontiert, die noch selbstständig wohnen könnten, aber wegen der finanziellen Situation in ein Alters- oder Pflegeheim ziehen.» Für viele sei dies die letzte Option. Nicht nur aus Sicht der Betroffenen eine unglückliche Konstellation. Die Kosten sind deutlich höher, was sich auch bei den Ergänzungsleistungen zeigt: Diese Beträge sind bei Heimbewohnern mehr als doppelt so hoch wie der kantonale Durchschnitt.

Eingeschränkte Freiheit

Vreni M. hofft, ihre Wohnung möglichst lange nicht gegen ein Zimmer in einem Pflegeheim eintauschen zu müssen und ein Stück Freiheit bewahren zu können. Eine Freiheit, die sie allerdings nur eingeschränkt nutzen kann. Sie würde gerne Ausflüge machen, mit dem Zug die Schweiz bereisen. Doch die Realität sieht anders aus. Vor jeder Fahrt muss sie sich genau überlegen, ob sie sich das Billett leisten kann. Die 9-Uhr-Tageskarte, die sie zum Einkaufen braucht, kostet für sie viel Geld.

Dazu kommen die spärlichen Besuche bei ihren beiden Söhnen, Geschwistern und Kolleginnen, die ein wenig Abwechslung in den Alltag bringen. Weil telefonieren zu teuer ist, schreibt sie lieber SMS auf ihrem alten Nokia-Handy. Smartphone, Internet, Computer könne sie sich nicht leisten, sagt sie. Bevor sie eine Salami kauft, überlegt sie zweimal, ob das nicht ein unnötiger Luxus ist. Und um bei den Stromkosten zu sparen, schaltet sie zwischendurch Licht und Fernseher aus. Dass Letzterer kaputt gehen könnte, macht ihr Sorgen. Geld für Unvorhergesehenes zur Seite zu legen, liegt nicht drin. Ferien, Kino, Konzerte, Restaurantbesuche sind für Vreni M. kein Thema – obwohl Bezüger von Ergänzungsleistungen gemäss einer Aufstellung der Pro Senectute dafür Beträge budgetieren können müssten.

Die Beträge auf der Liste mit dem Lebensbedarf entsprechen ungefähren Erfahrungswerten. «Sie stimmen nicht immer mit der Realität der einzelnen Personen überein», sagt Xaver Wittmer von Pro Senectute Aargau. «Das Budget für Ergänzungsleistungen ist auch unabhängig von der Miete äusserst eng.» Rückstellungen für grössere Anschaffungen wie beispielsweise ein Hörgerät würden für die meisten Bezüger kaum drinliegen.

Wie viel Geld zur Verfügung steht, hängt auch vom Wohnkanton ab. Die Unterschiede sind teils beträchtlich (siehe Text rechts). Das hat auch Vreni M. merken müssen; Zürcher Bekannte von ihr erhalten deutlich mehr finanzielle Unterstützung. Die Hoffnung, dass sich die Situation auch im Aargau verbessern wird, hat sie noch nicht aufgegeben. Schliesslich sind drei ihrer verschickten Briefe noch immer unbeantwortet – einer der Adressaten: Bundesrat Alain Berset.

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Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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