Flurnamen-Serie

Wenn die Mülliger tschämbelen, beinelen sie bis nach Windisch

Schämbele in Mülligen, Tschämbele in Windisch: Auf dem Wanderweg kann man auch gemütlich gehen.

Schämbele in Mülligen, Tschämbele in Windisch: Auf dem Wanderweg kann man auch gemütlich gehen.

Tschämbele weist auf steiles Gelände hin, wo Leute mit kurzen Beinen (französisch «Jambes») rasch gehen müssen. Auch wenn der Flurname in verschiedenen Gemeinden eine unterschiedliche Schreibweise hat, ist das Gleiche gemeint.

Schweizerdeutsche Dialekte sind eine erfeuliche Sammlung unterschiedlicher Ausdrücke für einen bestimmten Begriff. Dass dabei vielerlei Formen zusammenkommen, die die Fortbewegung auf seinen eigenen Beinen beschreibt, war zu erwarten. Dass einzelne auch Eingang in die Flurnamenlandschaft fanden, höchst erfreulich.

Beispielsweise stolpert man in Jonen und Mülligen über den Flurnamen Schämbele sowie im benachbarten Windisch über Tschämbele. Auch wenn sich unterschiedliche Schreibweisen zeigen, ist das Gleiche gemeint. Das beweist auch die historische Schreibweise Tschembele zum Mülliger Namen. Ebenso zeigt ein Blick auf historische Karten, dass sich der Geltungsbereich des Namens erst in jüngerer Zeit bis in die Gemeinde Windisch erweitert hat. Der Ursprung des Namens liegt auf Mülliger Boden in einem steilen Waldstück an der Grenze zu Hausen.

Ableitungen von Substantiven

Im Schweizerdeutschen Wörterbuch findet sich der Begriff «tschambele(n)» mit der Bedeutung (mit kurzen Schritten) gehen, als Synonym zu «beinelen». Beim genauen Hinhören der Namensaussprache klingt französisches «jambe» für Bein deutlich mit. Tschämbele ist ein Verb, das wie viele andere in unserem Wortschatz auf -(e)le endet, wie beispielsweise brösmele, chüüderle, duudele, gstürchle, stoggele oder ummebängle, um nur wenige zu nennen. Allesamt sind sie Ableitungen von Substantiven.

Brösmele zu Brosme «Brotkrümel», stürchle zu mittelhochdeutsch stürchel im Sinne von Stumpf, Strunk oder stoggele zum schweizerdeutschen Stogg «Stock». Die Endung -(e)le bildet einen wiederholenden, iterativen Vorgang ab. Wer stoggeled kommt wie ein Stock daher, wer brösmeled lässt Brotkrümel fallen, wer tschämbeled, muss seine Beine rasch bewegen.

In Jonen hiess die Örtlichkeit einst Schempelenmatten, sodass ein anderer Namensursprung anzunehmen ist, wohl ein Besitzverhältnis zu einer Person namens Schemp oder Jean-Pierre, eingedeutscht eben Schemp oder (T)schämp. So wie dies auch in der Tschämpeholde in Zunzgen BL der Fall ist.

Steile Stellen, kurze Schritte, oder beinförmiges Gelände

Ein Blick in die Landschaft zeigt auf der Aussenseite des Reussbogens zwischen Mülligen und Windisch tatsächlich ein steil ansteigendes Waldstück. Die darin angelegten Wege verlaufen heute weniger steil als einst. Gut möglich also, dass man sich hier nur in kurzen Schritten hat fortbewegen können. Wer kurze Beine hatte, musste also ganz schön «beinelen», wenn er im Tempo mithalten wollte.

Nicht ganz ausgeschlossen werden kann ein Bezug zur Topografie, möglicherweise zu einem beinförmigen Geländestück. Die Topografie beeinflusste eine grosse Anzahl Flurnamen. Ein weitverbreiteter Name ist Strick für einen schmalen, langgezogenen Geländeteil, aber auch Wege und Pfade. Ein Strick liegt in Wegenstetten, Mellikon oder Full-Reuenthal. Ebenso verbreitet ist Stich, beispielsweise in Küttigen oder Murgenthal. Ein Stich verweist auf abschüssige Örtlichkeiten und steile Anstiege. Beides Orte, an denen die Fortbewegung gehemmt oder erschwert werden kann. Dann muss man halt ein wenig «tschämbele».

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