Grenzserie (1)
Wenn die Grenze verschwimmt: Blick über den Rhein mit zwei Wirten

Das Restaurant Rheinischer Hof in Waldshut von Barbara Kramer-Schleith ist bei Gästen aus der Schweiz beliebt. Und: Franz Dominik Brogle wirtet seit 17 Jahren auf der «Pinte» in Sisseln. Blick über den Rhein mit 2 Wirtsleuten: Auftakt der Grenzserie.

Susann Klatt-D'Souza und Thomas Wehrli
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Franz Dominik Brogle und Barbara Kramer-Schleith: Er ist Wirt auf der «Pinte» in Sisseln, sie ist Chefin des Restaurants Rheinischer Hof in Waldshut.

Franz Dominik Brogle und Barbara Kramer-Schleith: Er ist Wirt auf der «Pinte» in Sisseln, sie ist Chefin des Restaurants Rheinischer Hof in Waldshut.

AZ

Schweizer und Deutsche haben einen ähnlichen Geschmack

Das Restaurant Rheinischer Hof in Waldshut ist bei Gästen aus der Schweiz beliebt. Chefin Barbara Kramer-Schleith sagt: Deutsche und Schweizer
haben viele Gemeinsamkeiten. Ein Unterschied: Die Schweizer bevorzugen Wein aus der Region.

Chefin Barbara Kramer-Schleith steht gerne selber in der Küche und bereitet die Rösti zu. Auch die deutschen Gäste lieben die Schweizer Spezialität.

Chefin Barbara Kramer-Schleith steht gerne selber in der Küche und bereitet die Rösti zu. Auch die deutschen Gäste lieben die Schweizer Spezialität.

Susann Klatt-D'Souza

Die Stadt Waldshut-Tiengen steht bei den Schweizer Nachbarn hoch im Kurs. Egal ob aus dem Aargau, Zürich oder Schaffhausen – viele kommen nicht nur zum Einkaufen an den Hochrhein, sondern sie verbinden ihren Ausflug auch oft mit einem Abstecher in die Gastronomie. Beliebt ist bei den Gästen jenseits des Rheins auch der «Rheinische Hof», eine gutbürgerliche Gaststätte am Unteren Tor in der Innenstadt von Waldshut.

Die Autorin

Susann Klatt-D’Souza ist Redaktorin beim Südkurier und hat im Gespräch erfahren, dass es im Gebäude der Volksbank einmal das Hotel Kaiser gab.

«Etwa 50 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Nachbarland», schätzt Barbara Kramer-Schleith, Chefin des Restaurants. Spezielle Gerichte für die Schweizer Kunden gebe es aber nicht. «Sie mögen wie unsere deutschen Kunden vor allem Speisen aus der Region und saisonale Produkte. Die stehen bei uns sowieso auf der Karte», sagt Kramer-Schleith. «Beide Nationen haben einen ähnlichen Geschmack.»

Wechselkurs wirkt sich aus

Laut der 56-jährigen Wirtin gibt es zwischen deutschen und Schweizer Gästen nur geringe Unterschiede. «Eine kleine Differenz ist vielleicht, dass die Schweizer Weine aus der Region bevorzugen und öfter hochwertigere Gerichte bestellen, wie zum Beispiel Chateaubriand.» Das liege daran, dass das Gericht für rund 72 Euro für zwei Personen wesentlich günstiger sei als in der Schweiz, wo es etwa bei 120 bis 130 Franken liege. Hinzu komme der für die Schweizer günstige Wechselkurs. Auch das habe sich ein wenig auf die Kundschaft ausgewirkt, wenngleich nicht so stark wie vor drei Jahren im August. «Nach dem Wegfall des Mindestkurses Anfang des Jahres kamen ein paar mehr Kunden aus der Schweiz, allerdings bei Weitem nicht so viele wie vor drei Jahren», erinnert sich Barbara Kramer-Schleith an einen früheren Frankenboom.

Preisbeispiel Deutschland

Gemischter Salat: 4.80 Euro

Schnitzel paniert mit Pommes frites und Salat: 12.80 Euro

Entrecôte mit Teigwaren und Gemüse: 23.80 Euro

Coupe Dänemark: 5.80 Euro

Café Crème: 2.20 Euro

Mineral, 0,3 Liter: 2 Euro

Bier, 0,3 Liter: 2.30 Euro

(bei den Preisen handelt es sich um Durchschnittspreise)

Vorurteile gegenüber deutschen Geschäftsleuten, sie würden Schweizer bevorzugt behandeln, widerspricht die Geschäftsfrau vehement. «Für uns sind alle Kunden gleich wichtig», so die gelernte Hotelfachfrau. «Das weiss auch mein Personal. Wir haben ja auch viele Gäste, beispielsweise von örtlichen Vereinen, die wir sehr schätzen.»

Auch beim Trinkgeld gebe es zwischen beiden Nationen keinen Unterschied, sagt Kramer-Schleith. «Beide geben in der Regel zwischen fünf und zehn Prozent», weiss Barbara Kramer-Schleith. Auffällig sei jedoch, dass Franzosen und Italiener in der Regel nichts geben würden.

Viele Gäste blieben treu

Barbara Kramer-Schleith führt den «Rheinischen Hof» mittlerweile seit 18 Jahren. Eigentlich wollte sie damals mit ihrem Mann das Geschäft gemeinsam übernehmen, doch dann kam die Trennung. Also hat Barbara Kramer-Schleith sich über dem Geschäft eine Wohnung eingerichtet, damit sie Betrieb und Familie als Alleinerziehende unter einen Hut bekommt. «Das war nicht immer einfach, aber ich habe es geschafft.» Ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau hat die Waldshut-Tiengenerin im ehemaligen Hotel und Restaurant Schwanen absolviert. Anschliessend arbeitete sie für fünf Jahre im ehemaligen Hotel Kaiser in Waldshut, bevor sie sich mit ihrem heutigen Ex-Mann in Hohentengen selbstständig machte.

«Das Geschäft haben wir dort gemeinsam 16 Jahre geführt. Es war eine wirtschaftliche Entscheidung, nach Waldshut zu kommen.» Viele der Schweizer Kunden aus Hohentengen blieben der Gastronomin treu und kommen regelmässig in den «Rheinischen Hof».

«Von der Grenze spüren wir nichts»

Franz Dominik Brogle wirtet seit 17 Jahren auf der «Pinte» in Sisseln. Die Nähe zu Deutschland und damit zu den günstigeren Preisen in den Restaurants nimmt er gelassen. Sein Rezept: Qualität, Kontinuität, Atmosphäre, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis «und viel Einsatz».

«Ich habe einen tollen Job. Aber er erfordert auch extrem viel Einsatz von mir und meiner Frau»: Franz Dominik Brogle beim Zapfen eines Biers.

«Ich habe einen tollen Job. Aber er erfordert auch extrem viel Einsatz von mir und meiner Frau»: Franz Dominik Brogle beim Zapfen eines Biers.

Thomas Wehrli

Die Grenze?», wiederholt Franz Dominik Brogle die Frage, nippt an seinem Espresso, schüttelt den Kopf. «Nein», sagt er dann, «von der Grenze spüren wir absolut nichts.» Wir, das sind er und seine Frau Carmen, die seit 1998 das Restaurant zur Pinte in Sisseln führen. Bereits sein Vater, Franz Josef, wirtete gut 40 Jahre auf der «Pinte» und machte sie zu dem, was sie bis heute ist: Ein über die Region hinaus bekanntes Speiserestaurant, gutbürgerliche Küche, nicht abgehoben, ein Ort, an dem «jeder das bekommt, was er will», der eine einen Wurst-Käse-Salat, der andere ein Chateaubriand.

Der Autor

az-Ressortleiter Thomas Wehrli hat bei der Recherche festgestellt: Wer Qualität zu einem fairen Preis bietet und ein guter Gastgeber ist, hat seine Kundschaft.

Dieses «jeder Kunde ist uns gleichermassen willkommen» ist für Brogle die Basis zum Erfolg – man kann auch sagen: das Salz in der Suppe. Die Suppe selber, das sind Qualität, Kontinuität, Atmosphäre, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und viel Einsatz. «Wer auswärts essen gehen will, geht dahin, wo es die besten Speisen und Getränke gibt – und wo er sich wohlfühlt», sagt Brogle. Und wenn er immer wieder kommt, wenn er zum Stammgast wird, «dann habe ich meinen Job gut gemacht.»
Für Brogle ist der Satz «bei dir ist es wie vor 20 Jahren» nichts Negatives, sondern im Gegenteil: ein Kompliment.

Dass es nicht allen Schweizer Gastronomen entlang der Grenze so gut geht wie ihm, weiss er. «Ob und wie sehr man die Grenze spürt, ist stark standortabhängig.» In den Ortschaften, die einen Grenzübergang direkt vor der Haustüre haben, «ist das Problem sicher akzentuierter».

Früher war es umgekehrt

Grollt er, der Gastronom, Leuten, die nach Deutschland fahren, um dort billiger zu essen? «Sicher nicht», sagt Brogle, «dazu habe ich kein Recht.» Wenn eine Familie eng durchmüsse, hat er für den Deutschland-Trip sogar Verständnis. Mehr Mühe bereiten ihm die Top-Verdiener, die ihren Lohn von Schweizer Unternehmen bekommen – und ihr Geld lieber in deutsche Gaststätten tragen. Aber eben: «Das muss jeder selber wissen.» Früher sei es ja auch schon mal umgekehrt gewesen, erinnert er sich. «Zu D-Mark-Zeiten assen viele Deutsche bei uns.» Dies sind, das weiss Brogle, tempi passati – wohl für immer oder dann doch für ziemlich lange.

Preisbeispiel Schweiz

Gemischter Salat: Fr. 9.50

Schnitzel paniert mit Pommes frites: Fr. 22.00

Entrecôte mit Teigwaren und Gemüse: Fr. 36.00

Coupe Dänemark: Fr. 9.50

Café Crème: Fr. 4.00

Mineral, 0,3 Liter: Fr. 4.00

Bier, 0,3 Liter: Fr. 4.00

Tiefpreisstrategie ist gefährlich

Die Versuche einzelner Gastronomen in der Schweiz, mit den tiefen Preisen der deutschen Kollegen zu konkurrieren, hält Brogle für falsch. «Wir haben in der Schweiz eine ganz andere Kostenstruktur», sagt er. Waren, Löhne, Nebenkosten – «alles ist viel teurer».

Für Brogle bedeutet ein gut geführtes Lokal auch ein in wirtschaftlicher Hinsicht gut geführtes Lokal. «Tiefpreis-Versuche können nicht funktionieren.» Er sagt aber auch: «Die Preise müssen fair sein.»

Der Druck auf die Gastronomie hat sich, das bestätigt Brogle, in den letzten Jahren verschärft – nicht nur entlang der Grenze. Rauchverbot, niedrigere Promillegrenze, verändertes Konsumverhalten. All das hat dazu beigetragen, dass manch ein Wirt zu kämpfen hat. Oder aufgibt. Von einem Beizensterben mag Brogle dennoch nicht sprechen. «Es gibt nicht den einen Grund, wenn es nicht klappt. Jede Schliessung hat einen anderen Hintergrund.» Mal funktioniert das Konzept nicht, mal findet sich kein Nachfolger, mal wird schlecht gewirtet.

«Ich habe einen tollen Job», so Brogle. «Aber er erfordert auch extrem viel Einsatz von mir und meiner Frau.» In der Gastronomie gelte der alte Spruch eben doppelt: ohne Fleiss kein Preis.

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