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Wenn die Bewertung zur Beschimpfung wird: «Die Anonymität enthemmt – man traut sich mehr»

Heutzutage gibt es für vieles Bewertungsplattformen – auf Kununu können Arbeitnehmer eine Note für ihren Chef abgeben. (Symbolbild)

Heutzutage gibt es für vieles Bewertungsplattformen – auf Kununu können Arbeitnehmer eine Note für ihren Chef abgeben. (Symbolbild)

Rechtsexpertin Nathalie Glaus über die teils massive Kritik, die online geäussert wird – und deren Folgen.

Wann ist die Grenze erreicht, an der die Bewertung zur Beschimpfung wird? Eine Frage, mit der sich Nathalie Glaus eingehend beschäftigt hat. Die Rechtsanwältin und Dozentin aus Uznach SG hat ihre Masterarbeit über private Bewertungsportale geschrieben. Im Interview erklärt sie, wann sich Betroffene wehren sollten und wieso letztlich die Plattformbetreiber oft am längeren Hebel sitzen.

Frau Glaus, Sie haben sich in Ihrer Masterarbeit mit Bewertungsplattformen beschäftigt. Warum?

Nathalie Glaus: Weil mit den Bewertungsportalen eine neue Form von «Konsumentenberichterstattung» entstanden ist. Und weil mich die Frage interessierte, ob und inwieweit betroffene Firmen Rechtsschutz erhalten.
Auf Onlineportalen wie Kununu können Arbeitgeber anonym beurteilt und kritisiert werden.

Inwiefern ist dies ein Problem?

Problematisch ist vor allem, dass die Anonymität enthemmt – man traut sich mehr. Und für die Kritisierten ist es schwieriger, sich gegen Vorwürfe zu wehren, weil die Kritiker nicht identifiziert werden können. In diesen Fällen sind Betroffene darauf angewiesen, dass der Portalbetreiber interveniert.

Die Plattform könnte als Pranger missbraucht werden?

Diese Gefahr besteht. Neben dem enthemmenden Effekt der Anonymität lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten: Die Mitglieder einer Gruppe können sich gegenseitig hochschaukeln. Sie überbieten sich mit Kritik oder animieren sich gegenseitig, dem Chef über Kununu eins auszuwischen. Jene Mitarbeiter, denen der Arbeitsplatz gefällt, geben hingegen seltener eine Bewertung ab.

In Ihrer Arbeit stellten Sie fest, dass Arbeitgeber auf kaum tolerierbare Weise verunglimpft werden. Inwiefern können sich Unternehmen dagegen wehren?

Die Unternehmer können direkt beim Portalbetreiber die Löschung verlangen. Oft ist es so, dass die Betroffenen eine Bewertung als nicht tolerierbar empfinden, welche aber juristisch als «zulässige Kritik» zu qualifizieren ist.

Die Verantwortlichen von Kununu haben in den letzten Jahren einiges investiert, damit extreme Schmähschriften gar nicht erst veröffentlicht werden. Ob ein Beitrag gelöscht wird, liegt letztlich im Ermessen der Plattformbetreiber – es sei denn, ein Gerichtsurteil liegt vor.

Drei besonders heftige Beispiele, die online zu finden sind: «Die SVA fährt komplett gegen die Wand»; «Atmosphäre von Hass, Neid und Intrigen zerstört»; «Empfehle den Jungen, einen Bogen um diese Firma zu machen. Man wird null gefördert.» Wie beurteilen Sie diese Aussagen aus rechtlicher Sicht?

Meines Erachtens sind die Kommentare wohl gerade noch zulässig. Ob das ein Gericht als zulässige sachliche Kritik oder unzulässige Schmähschrift qualifizieren würde, hängt aber vom Gesamtkontext der jeweiligen Einträge ab. Doch klar ist auch: Eine Firma muss sich eine gewisse Kritik gefallen lassen.

Sie raten auch dazu, juristisch gegen rufschädigende Bewertungen vorzugehen. In welchen Fällen?

Ich würde gegen eine beweisbare Falschaussage eher aktiv werden, als gegen ein Werturteil. Ein rechtlich unzulässiger Bewertungs-Kommentar wäre zum Beispiel: «1000 Personen wurden kaltblütig entlassen», obwohl nachweislich nur einige wenige Stellen abgebaut wurden.

Gibt es Beispiele von Unternehmen, die sich vor Gericht gegen negative Äusserungen auf einem Bewertungsportal gewehrt haben?

In der Schweiz sind mir keine Gerichtsfälle bekannt. Vor dem deutschen Bundesgerichtshof wurde 2014 die Forderung eines Arztes abgewiesen. Er hatte die Löschung seiner Daten auf einem Bewertungsportal gefordert.

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