Es ist ziemlich klein, das Büro von Horst Hablitz. Es riecht angenehm. Nach ätherischem Öl, nach Orange, Zitrone oder so ähnlich. Trotzdem seltsam: Das Polizeikommando der Kantonspolizei in Aarau – ein Haus voller Polizisten und plötzlich hängt da ein Hauch Esoterik in der Luft.

Horst Hablitz ist der Polizeipsychologe der Aargauer Kantons- und der Regionalpolizeien. Er tanzt aus der Reihe. Er ist für mehr als 1000 Polizisten zuständig – er selber ist keiner. Die Polizisten nennen ihn Psycho. Horst Hablitz nennt sie Bullen. Bullen im Sinn von mutig und entschlossen.

Wer Sorgen hat, der klopft bei ihm an. Auf seinem Tisch stehen Bonbons und eine Box mit Papiertaschentüchern. Auch Polizisten weinen.

In der Polizeischule lehrt Horst Hablitz den Aspiranten, dass immer der Staat gemeint ist und nicht sie als Mensch, wenn ein Bürger ihnen ins Gesicht schreit. In seinem Büro ist das andersrum.

Hier ist immer der Mensch gemeint. Seit zehn Jahren arbeitet Horst Hablitz als Polizeipsychologe. Er hat hinter die Kulissen gesehen. «Ich verehre die Institution Polizei noch immer.» Aber diese Verehrung sei niemals blind.

Die Bombe entschärfen

Bei einem Drittel seiner Beratungen geht es um Beziehungsprobleme. «Ich weiss nicht, ob das der Spiegel der Gesellschaft oder ein Polizeiproblem ist», sagt Horst Hablitz. Er bietet intern verschiedene Kurse an, auch einen für Eheleute.

«Der kommt wahnsinnig gut an.» Horst Hablitz sagt von sich selber, dass er kein bescheidener Mensch ist. Vielleicht deswegen ist Halbitz ein besonders einnehmender und unterhaltender Mensch und ein überraschender.

Nix da Gschpürschmifühlschmi-Psychologie, aber ein Gottgläubiger sei er, das schon. Aber kein Christ, das töne so parteimässig, trotzdem gefalle ihm der Katholizismus. Horst Hablitz redet, als ob er Märchen erzählte – brutale Märchen und wahre.

Ab einer gewissen Grösse eines Schadenereignisses steht der Name des Polizeipsychologen auf der Liste. Dann rückt auch der Psycho aus. Hablitz hat sich abgewöhnt, die Leichen anzuschauen. Dafür schaue er den Polizisten tief in die Augen. «Sie machen Witze darüber. Aber in den Augen sehe ich, wenn einer ganz wirr ist», sagt er.

Sobald es möglich sei, gehe er mit dem Polizisten weg von der Unfallstelle, trinke einen Kaffee mit ihm. Hablitz nennt das: Defusing, die Bombe entschärfen, Erinnerungslücken schliessen.

Denn in Extremsituationen unterbreche die Kommunikation zwischen Gross- und Zwischenhirn. Es flackert bloss noch. Was geschieht wird nur lückenhaft abgespeichert.

Ein Beispiel: Zwischen Polizisten der Sondereinheit Argus und einem Mann, der in einem Quartier um sich ballerte, kam es zu einem Schusswechsel. Der Mann wurde getroffen.

Gleich danach fragte Horst Hablitz einen der Polizisten: «Wie viele Schüsse wurden abgefeuert?» Der Polizist antwortet: «Es wurde geschossen?» Ein Trauma kann zu Gedächtnisverlust von Sekunden bis zu Jahren führen. «Ich versuche das zu verhindern, indem ich dem Polizisten helfe sich zu erinnern, ohne dass die Gefühle ihn überwältigen.» Erinnern sei wichtig, damit es später nicht zu Flashbacks komme. Denn obwohl eine traumatische Erinnerung wie Todesangst nicht aktiv abgerufen werden könne, abgespeichert sei sie trotzdem.

Polizisten sind häufiger als andere mit ausserordentlichen Situationen konfrontiert. Hablitz erzählt von einer jungen Polizistin, die als erste am Unfallort war. Ein Kind starb, sie versuchte, es zu reanimieren. Es war das erste Mal, dass sie ein totes Kind sah. Hablitz sagt: «Ich mache der Gesellschaft keinen Vorwurf, dass sie nicht nachfragt, wie es der Polizistin geht. Aber wir müssen nachfragen.»

Trauma beim Trauma-Verhinderer

Auch Polizeipsychologen sind verwundbar. Hablitz sah die Leiche einer Frau, die mit ihrem Kind vor den Zug sprang. Da ist passiert, was er bei seinen Polizisten zu vermeiden versucht.

Er funktionierte nur noch, seine Erinnerungen: lückenhaft. Er hätte den Polizisten Trost spenden sollen. Er konnte nicht. Stattdessen weinte er mit ihnen. Später hatte er Schlafstörungen.

Nach dem Tod dieses Kindes habe er für eine Zeit den Glauben an Gott verloren. Für diese Fälle steht in der Kantonspolizei auch ein Polizeiseelsorger zur Verfügung. Der Seelsorger ist einer der besten Freunde von Hablitz und seine Zuflucht, wenn er Trost braucht.

Polizisten haben in gewissen Situationen Angst. Zugeben würden sie das nie, sagt Hablitz, nicht mal gegenüber ihm. Er selber sei früher immer in der hintersten Reihe gestanden, wenn es gefährlich wurde.

Heute nicht mehr. «Die Polizisten haben mich mutiger gemacht.» Der 56-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist gelernter Krankenpfleger, hat Psychologe studiert. Polizeipsychologe war sein Traumberuf. Er sagt von sich, dass er glücklich sei.

Rassistische Gebrauchsspuren

Was aussergewöhnlich ist: Einen Menschen zu treffen, der seinen Beruf so sehr liebt, dass er sich vor dem Tag fürchtet, an dem er pensioniert wird.

Trotz seiner Begeisterung ist Horst Hablitz aber so ehrlich, dass er sagen kann: «Rassisten? Ja da gibt es bei uns auch ein paar.» Aber er tue alles dafür, dass die schon bei der Rekrutierung ausgemustert würden.

«Die Zeit der Rambos ist vorbei, wir brauchen heute körperlich gesunde und mental starke Menschen mit sehr hoher Sozialkompetenz.» Was es auch gebe: Polizisten, die rassistische Gebrauchsspuren zeigen. Wer es immer nur mit den Afrikanern zu tun hat, die mit Kügelchen im Mund am Bahnhof stehen, bei dem trete nach einer Weile ein gewisser Generalisierungs-Effekt auf.

Wenn man die aber auf die Seite nehme und sage: «Du weisst aber schon, dass nicht alle so sind?» – dann nicken sie. Polizisten seien Profis, auch Profis in Sachen Gewalt. Die wissen genau, wann sie Gewalt einsetzen müssen, entscheiden blitzschnell, ob eine Situation Worte oder Muskelkraft erfordert. Und auch wenn der Kopf voller Adrenalin ist, stoppen sie, sobald es die Situation erlaubt. «Polizisten treten nie nach», sagt Hablitz. «Das trichtern wir ihnen in der Polizeischule ein.»

Keiner kennt das Befinden des Aargauer Korps so gut wie Horst Hablitz. Über 400 verschiedene Polizisten hat er in den vergangenen Jahren betreut. «Sehr viel im Vergleich zu anderen Korps», sagt der Unbescheidene, der mit allen Polizisten per Du ist.

Manchmal erlebt er es, dass einer durch die Tür kommt, sich hinsetzt und dann nur noch schluchzt «Das zerreisst mein Herz. Ich denke dann: Du armes Schwein, warum bist du nicht früher gekommen?» Und dann deutet er auf die Box mit den Papiertaschentüchern und sagt: «Bediene dich.»

Was Hablitz fasziniert an der Polizei: «Wir stehen immer auf der richtigen Seite, und das ist ein gutes Gefühl.» Was ihm Sorgen bereitet: Manchmal fehle die Wertschätzung innerhalb der Polizei. Es werde viel Kritik geübt intern, man habe eine Null-Fehler-Kultur. «Lob kommt vielen Vorgesetzten selten über die Lippen. Dabei leisten viele Polizisten überdurchschnittlich viel.»