Vordemwald

Wenn Demenzkranke aus dem Pflegeheim ausbüxen

Dass Leute aus Altersheimen weglaufen und deshalb die Polizei ausrücken muss, kommt im Kanton Aargau wöchentlich – teilweise mehrfach, vor. (Symbolbild)

Dass Leute aus Altersheimen weglaufen und deshalb die Polizei ausrücken muss, kommt im Kanton Aargau wöchentlich – teilweise mehrfach, vor. (Symbolbild)

Das Pflegeheim Sennhof in Vordemwald setzt verschiedene Hilfsmittel ein, um Demenzerkrankte am Weglaufen zu hindern.Doch auch die besten Sicherheitsvorkehrungen sind keine Garantie dafür, dass die Bewohner in jedem Fall wieder gefunden werden können.

Nicht nur im Roman von Jonas Jonasson steigen Hundertjährige aus dem Fenster und verschwinden aus dem Altersheim, sondern auch in der Realität. «Sennhof»-Bewohnerin Martha Müller* ist zwar noch keine 100, aber an diesem Mittwochmorgen fehlt von ihr jede Spur.

Ausgerechnet an einem Tag, an dem das interne Sicherheitssystem wegen einer technischen Störung kurz unterbrochen war. Bei 13 elektronischen «Schranken», die über das gesamte Areal verteilt sind, kann für jeden Bewohner auf dem Computer individuell festgelegt werden, ob er einen Bereich passieren darf oder nicht (siehe Karte).

Für jeden Bewohner kann festgelegt werden, welche Bereiche er im «Sennhof» passieren darf oder nicht. Bei «Rot» wird Alarm ausgelöst.  ZVG

Für jeden Bewohner kann festgelegt werden, welche Bereiche er im «Sennhof» passieren darf oder nicht. Bei «Rot» wird Alarm ausgelöst. ZVG

Dieses System entwickelte der Sennhof vor einigen Jahren mit einer externen Firma. Beim unerlaubtem Übertreten wird bei den Bewohnenden, welche eine entsprechende Uhr tragen, via Signal ein Alarm ausgelöst. Dieser geht direkt auf die Handys der jeweiligen Wohnbereiche und damit erhalten die Pflegenden die Information, wo sich der Bewohnende zuletzt aufgehalten hatte. Nicht aber an diesem Mittwochvormittag.

Eines ist Urs Schenker wichtig: «Wir überwachen die Bewohnenden nicht, wir wollen im Notfall nur die Gewissheit haben, dass alle zurückfinden.» Dass die Leute weitere Strecken zurücklegen als vereinbart, komme ab und an mal vor, doch dank des Systems sei dies im Normalfall eigentlich kein Problem.

Renata Muff, Leiterin Pflege und Betreuung, hält fest: «Autonomie ist für uns zentral, das bedeutet Lebensqualität für die Bewohner.» Allerdings sei dies stets mit einem Restrisiko verbunden, dass Leute ausbüxen.

Biografische Aspekte zentral

Sobald im Pflegeheim Sennhof jemand vermisst wird, sind die Mitarbeitenden angehalten, die Augen offen zu halten. «In 99 Prozent der Fälle befinden sich die Bewohner lediglich in einem anderen Bereich des Heims», erklärt Schenker.

Deshalb schauen die Verantwortlichen zuerst im und ums Gebäude nach. Ist die Suche erfolglos – wie bei Martha Müller – werden die Angehörigen informiert. «Oft kennen diese beliebte Plätze und können dadurch wichtige Hinweise geben», ergänzt Renata Muff. Auch biografische Aspekte müssen einbezogen werden. So beispielsweise der erlernte Beruf.

Urs Schenker erklärt, dass es im «Sennhof» ein bis zwei Mal pro Jahr vorkomme, dass mit Polizeieinsatz nach Menschen gesucht werde. Und auch im Fall von Martha Müller ist es jetzt so weit. Die Heimleitung hat sich entschieden, die Polizei zu alarmieren.

Bei der Aargauer Kantonspolizei sind solche Vorfälle keine Seltenheit. Gemäss Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, rückt die Polizei wöchentlich und teilweise sogar mehrfach wegen weggelaufenen Bewohnern aus verschiedenen Altersheimen aus. «Bevor die grosse Suchaktion gestartet wird, gehen wir auf jeden Fall vor Ort und prüfen, ob sich die vermisste Person nicht in einem anderen Zimmer aufhält», erklärt Bernhard Graser.

Es dauert auch an diesem Vormittag nicht lange, bis die Patrouillen von Kantonspolizei und Regionalpolizei, die über Funk über das Verschwinden der Bewohnerin informiert wurden, beim Pflegeheim Sennhof vorfahren. Nebst der Suche vor Ort werden nun auch nochmals Abklärungen bei Angehörigen gemacht.

Gemäss Graser werde in gewissen Situationen mittels Personensuchhunde die Fährte aufgenommen. Schwierig sei es vor allem in der Nacht oder bei Nebel. «Eine weitere Massnahme wäre, an die Öffentlichkeit zu gelangen.» Doch bevor es so weit ist, kommt an diesem Mittwochmittag die Entwarnung: Bewohnerin Martha Müller wurde in Balzenwil heil gefunden.

Mit GPS-Sender ausgerüstet

Aufatmen im Pflegeheim Sennhof. «Wenn die Leute zurückkehren, schauen wir, dass sie durch verschiedene Methoden – auch Validation – zur Ruhe kommen», erklärt Renata Muff. Anschliessend wird der Vorfall im Team besprochen.

«Wenn Bewohner das Bedürfnis haben, weitere Strecken zu laufen und es der gesundheitliche Zustand erlaubt, versuchen wir mit den Angehörigen eine Lösung zu finden», erklärt Renata Muff.

So sind beispielsweise seit einiger Zeit zwei Heimbewohner mit einem GPS-Sender ausgerüstet und können sich dadurch und auch dank der Lage des «Sennhofs» uneingeschränkt bewegen. In einem grösseren Dorf oder in einer Stadt wäre dies wohl eher unmöglich, ist Heimleiter Schenker überzeugt.

«Manchmal haben diese Bewohner die Orientierung, manchmal nicht. Deshalb vereinbaren wir mit ihnen eine gewisse Abwesenheitszeit», erklärt die Leiterin Pflege und Betreuung. Das sei eine ideale Art, um möglichst hohe Autonomie zu gewähren.

Sofern der Bewohner nach der vereinbarten Zeit nicht zurückkehrt, werde er mittels GPS-Signal lokalisiert und zurückgeholt. Heimleiter Urs Schenker betont, dass diese Variante in jedem Fall mit den Angehörigen vorgängig besprochen werde und er unterstreicht: «Freiheit ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden.»

*Name von der Redaktion geändert

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