Das Wirtschaftswachstum ist im Aargau seit 2012 marginal. Das aargauische Bruttoinlandprodukt (BIP) hinkt deutlich hinter dem schweizerischen BIP hinterher. Das zeigt sich auch bei den Löhnen. Ein drastisches Beispiel: Im Kanton Aargau verdient eine Lehrperson mit 45 Jahren (23. Dienstjahr) gemäss Lehrerinnen- und Lehrerverband 105 200 Franken. Falls eine Lehrperson direkt nach dem Studium mit dem Unterrichten begonnen hat, ist sie im Kanton Zürich mit 45 Jahren im 23. Dienstjahr und verdient 125 600 Franken.

Infogram: Bruttoinlandprodukt pro Person Aargau und Schweiz 2000-2015

Infogram: Wachstumsrate der Exporte Aargau und Schweiz 2000-2015

Marginales Wachstum und stagnierendes BIP sind Kernaussagen zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im neusten Nachhaltigkeitsbericht der Aargauer Kantonsregierung. Untermauert wird diese Erkenntnis mit den nebenstehenden Statistiken. Der für den Aargau unbefriedigende Trend äussert sich auch in wieder steigenden Finanzausgleichszahlungen aus Bern. Doch wie ist dies zu erklären? Auch vor dem Hintergrund, dass der Aargau im Standortattraktivitäts-Rating der Credit Suisse auf Rang 3 aller Kantone thront und die Arbeitslosenrate hier leicht unterdurchschnittlich ist? Dies sind gewichtige Fragen, denn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wirkt sich massgeblich auf die Wohlstandsentwicklung und letztlich auch auf die Löhne aus.

Infogram: Arbeitslosenquote Aargau und Schweiz 2000-2016

Schliesslich hat sich die Regierung das Ziel gesetzt, dass das Aargauer BIP über den schweizerischen Durchschnitt klettern soll. Davon ist unser Kanton aber noch weit entfernt. Anzufügen ist allerdings, dass nur die wirtschaftskräftigsten Kantone, darunter Basel-Stadt, Zug, Genf und Zürich ein BIP über dem schweizerischen Durchschnitt erzielen. Gleichwohl muss der Aargau massiv aufholen. Dies zeigt auch der schon seit 2011 schwächelnde Warenwert der Exporte, der sich 2015 allerdings kräftig verbessert hat.

Die az fragte Mathias Binswanger, Volkswirtschaftprofessor an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, und Privatdozent an der Universität St. Gallen, wo es harzt.

Herr Binswanger, warum ist das Wirtschaftswachstum im Aargau seit 2012 marginal?

Mathias Binswanger: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Wachstum des BIP und dem Wachstum des BIP pro Person. Das BIP nimmt auch im Kanton Aargau weiterhin zu, wenn auch, wie im Rest der Schweiz, mit relativ geringen Wachstumsraten. Das Bruttoinlandprodukt pro Person stagniert hingegen, doch auch das ist ein gesamtschweizerisches Phänomen und kann mit der relativ starken Einwanderung erklärt werden.

Warum bleibt es trotz Super-Ratings unter dem schweizerischen Durchschnitt?

Der Zusammenhang mutet paradox an, aber eine hohe Standortattraktivität kann sich zeitlich verzögert auch negativ auf das Wachstum auswirken. Da der Standort Aargau schon relativ lange attraktiv ist, hat er in der Vergangenheit Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen angezogen. Darunter finden sich auch viele produzierende Unternehmen, die etwa zur Maschinenindustrie oder Elektrotechnik-Branche gehören. Gerade diese Unternehmen haben heute zum Teil Probleme aufgrund des starken Schweizer Frankens und aufgrund des Strukturwandels. Sie weisen in den letzten Jahren kaum positive Wachstumsraten auf. Beim Wachstum gilt aber dasselbe wie auch bei Unternehmensgewinnen: man darf nicht zu stark auf kurzfristige Entwicklungen fokussieren, schon gar nicht, wenn es um die Nachhaltigkeit geht.

Warum ist das Durchschnittseinkommen im Aargau im schweizerischen Vergleich unterdurchschnittlich?

Das geringere Durchschnittseinkommen im Aargau im Vergleich zur Schweiz hängt vor allem am Branchenmix. Die mit grossem Abstand führenden Kantone Basel Stadt und Zug erzielen ihre hohen Werte mit der Pharmaindustrie bzw. Finanzdienstleistungen und Rohstoffhandel. In diesen Branchen ist die Arbeitsproduktivität sehr hoch. Diese hohen Werte lassen sich in anderen Kantonen nicht erreichen, das wäre auch gar nicht erstrebenswert. Branchen mit hoher Produktivität schaffen heute kaum mehr Arbeitsplätze, und wenn der Kanton Aargau nur noch auf hohe Produktivität setzt, hat er bald auch eine hohe Arbeitslosigkeit. Der breit gefächerte Branchenmix ist auch eine Stärke des Kantons Aargau, der dabei hilft, die Arbeitslosenquote tief zu halten.

Inwiefern könnte man die Rahmenbedingungen verbessern?

Die wichtigsten Rahmenbedingungen lassen sich auf kantonaler Ebene nicht beeinflussen. Es geht hier um die Konjunktur im Ausland oder auch den Wechselkurs. Auf kantonaler Ebene bleiben dann üblicherweise Faktoren wie Erreichbarkeit, Steuerbelastung oder die Verfügbarkeit von Hochqualifizierten. Da der Kanton Aargau bei diesen Faktoren aber relativ gut abschneidet, sind die Möglichkeiten zur Verbesserung beschränkt. Vor allem sollte man darauf achten, die bürokratischen Hürden tief zu halten, was zwar immer betont, aber selten getan wird.

Auf welche Zukunftsbranchen sollte der Aargau setzen?

Es ist gefährlich, nur auf bestimmte Branchen setzen zu wollen. Kantone versuchen immer wieder, sogenannte «innovative Branchen» zu fördern, was zu vielen hektischen Aktivitäten aber nur selten tatsächlich zu mehr Innovationen führt. Innovation findet heute in allen Branchen statt und es geht darum zu überlegen, wie bestehende Wirtschaftsstrukturen sinnvoll weiterentwickelt werden können. Auch absolute Low-Tech Branchen wie Landwirtschaft oder das Gastgewerbe können innovativ sein, ohne dass Innovation jedes Mal mit Industrie 4.0 zu tun hat. Innovationen bestehen beispielsweise auch aus der Entwicklung neuer Konzepte, die den Verkauf von mehr diversifizierten Produkten ab dem Bauernhof fördern.