Beni Hürzeler und Daniel Münger sitzen im Bahnhofbuffet Olten. In jenem Buffet, das seit je Nationalbeiz grosser Ideen war. Hier wurden etwa der Schweizer Alpen-Club, der Schweizer Fussballverband und der Schweizer Skiverband gegründet.

Hürzeler und Münger kümmern sich bei der Gewerkschaft Syndicom um das Transportpersonal. Die Idee, die sie in der Kunstledermappe mitgebracht haben: ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für die Berufschauffeure.

Beni Hürzeler aus Schöftland machte in den 80er-Jahren seine Lehre bei der Post. Zuerst arbeitete er in Postbetrieben, zuletzt fuhr er 20 Jahre lang Pakete und Briefe durchs Land. Sein Tag begann um drei oder vier Uhr früh. Die Zeitfenster waren eng, die Bedingungen aber fair.

Hürzeler kennt viele Kollegen, die es nicht so gut haben. Doch jetzt, 52-jährig, verteidigt er die Post nicht mehr stolz. Während der letzten Jahre verkleinerte die Post ihre Lastwagenflotte sukzessive. Und im September teilte sie mit: Da man ein Grossteil der Lastwagen über 3,5 Tonnen erneuern müsste, werde man künftig auf eine eigene Flotte verzichten. 187 Chauffeure sind betroffen, Hürzeler ist einer davon.

Kein Interesse an Verhandlungen

Er wechselte vom Fahrersitz auf den Bürostuhl, wirkt jetzt als Regionalsekretär für die Gewerkschaft Syndicom. Und sagt: «Wir sind das einzige Gewerbe in der Schweiz, das das Risiko auf den Arbeitnehmer abwälzen kann.» Bei der Tourenplanung werde die Verkehrsdichte – sprich: Stau – zu wenig einberechnet.

Stehe der Chauffeur im Stau, gehe die Wartezeit zu seinen Lasten. So würden generell zu viele Stunden am Stück gearbeitet, unter grossem Stress. Die Gewerkschafter finden: ein GAV könnte den Beruf des Chauffeurs wieder attraktiv machen. Sie fragten die Branchenverbände Spedlogswiss und Astag an, doch beide hatten kein Interesse an Verhandlungen.

André Kirchhofer, Vizedirektor des Nutzfahrzeugverbands Astag, begründet: «Gewerkschaften wie Unia und Syndicom haben im Transportgewerbe nichts verloren». Dies hatte das Berner Obergericht 2014 so entschieden. Arbeitnehmerorganisationen, die mitreden wollen, benötigen einen festgelegten Prozentsatz an Mitgliedern in der Branche. «Unia und Syndicom erreichen diesen Schwellenwert nicht», sagt Kirchhofer.

Man führe eine «ausgezeichnete Sozialpartnerschaft» mit Les Routiers Suisses. Es gebe deshalb keinen Anlass, mit einer anderen Organisation zu verhandeln. Seit 2006 besteht zwischen Astag und Routiers eine Landesvereinbarung. Sie wird laut Kirchhofer «stets weiterentwickelt»: 2014 habe man den 13. Monatslohn landesweit eingeführt, weitere Anpassungen habe man bei Spesen und Abdeckungen gemacht.

Die Vereinbarung sei «eigentlich nichts anderes als ein GAV, nur nicht allgemeinverbindlich». Heisst: Sie gilt nur, wo der Arbeitgeber Astag-Mitglied und der Chauffeur Routiers-Mitglied ist. In den meisten Astag-Firmen werde aber nicht unterschieden, ob ein Chauffeur Routier sei oder nicht, die Vereinbarung ohnehin angewendet.

Für Hürzeler und Münger geht das zu wenig weit. Sie wollen einen allgemeinverbindlichen GAV. In Fällen wie jenem der Post, die künftig ihre Transportaufträge extern vergeben wird, fürchten sie ein Jekami-Spiel. Es drängten immer mehr ausländische Spediteure ins Land. Aufgehalten werden sie vom Kabotageverbot: Ausländische Transporteure dürfen nur vom Ausland in die Schweiz oder von der Schweiz ins Ausland transportieren, nicht aber innerhalb der Schweiz.

Weil es hierzulande aber viel zu wenig Chauffeure gibt, werden immer mehr Ausländer angestellt, die, so Hürzeler, «alles mit sich machen lassen». Münger sagt, die grossen Unternehmen arbeiteten in der Regel sauber, es gebe aber schwarze Schafe. Deshalb sei ein verbindlicher GAV wichtig. Die Probleme würden oft beginnen, wenn Subunternehmer führen.

Er nennt ein Beispiel: Ein ausländischer Chauffeur soll für 20 Franken in der Stunde gefahren sein – für die Post. Post-Sprecher Bernhard Bürki sagt, man arbeite mit rund 250 externen Transporteuren zusammen. «Die Erfahrungen sind positiv.»

Man treffe sich regelmässig, «um die Qualität der Leistungen und weitere Punkte aus dem Auftragsverhältnis zu besprechen und nötigenfalls zu bereinigen.» Dabei thematisiere man auch die Arbeits- und Ruhezeitregelungen. «Wir fordern Einhaltung ein», betont Bürki, «Verletzungen können bis zur Auflösung des Auftragsverhältnisses führen.»

Genug Arbeit im Transportkanton

Astag-Vizedirektor Kirchhofer sagt, die Landesvereinbarung mit den Routiers für allgemeinverbindlich zu erklären, sei kein Ziel. «Es gibt in den Kantonen grosse Unterschiede, deshalb wollen wir den Sektionen die Möglichkeit lassen, regionale Ergänzungen machen zu können.»

Die Gewerkschafter kritisieren, die Vereinbarung gehe nicht weit über das Obligationenrecht hinaus und die Routiers seien ein «zahnloser Tiger», der «im Zweifelsfall für den Arbeitgeber entscheidet». Der Aargauer Routiers-Sektionspräsident Gian-Räto Cadonau sagt auf Anfrage, ihr Ziel sei, nachhaltig zu arbeiten.

«Mit dem Vorschlaghammer auf die Astag loszugehen, bringt nichts. Wir müssen ein Miteinander suchen.» Hans-Peter Dreier, Transporteur in Suhr und Astag-Mitglied, verweist auf die Arbeits- und Ruhezeitverordnung: «Kein Beruf hat so klare Regelungen wie wir.»

Der Aargau sei ein Transportkanton. Für einen Fahrer sei es einfach, die Stelle zu wechseln, wenn ihm die Bedingungen an einem Ort nicht passten. «Was genau soll bei einer solchen Ausgangslage ein GAV mehr bringen als der spielende Markt respektive die Landesvereinbarung?»

Die Gewerkschafter lassen sich davon kaum entmutigen. Sie trinken ihren Kaffee aus, fahren ins Büro. Grosse Ideen brauchen eben auch viel Zeit.