Die Fachstelle Seges in Aarau informiert Menschen im Aargau, unabhängig von Nationalität und Religion, kostenlos zu den Themen Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten. Sibylle Ming hat als Fachfrau für sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung mit den unterschiedlichsten Menschen und Geschichten zu tun.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass SVP-Grossrätin Martina Bircher aus Aarburg die Sozialhilfe für Grossfamilien deckeln will?

Sibylle Ming: Ihre Forderung widerspricht unseren Grundsätzen. Wir orientieren uns an den sexuellen Rechten. Darunter fällt, dass alle so viele Kinder haben dürfen, wie sie wollen. Bei der Familienplanung beim Portemonnaie anzusetzen, ist der falsche Ansatz. Wir setzen stattdessen auf Bildung und Information.

Was heisst das konkret?

In der Beratung habe ich mit vielen Frauen zu tun, die ein Kind erwarten oder gerade eines geboren haben und auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind. In solchen Gesprächen spreche ich die Themen Familienplanung und Verhütung immer an. Aber ohne Warnfinger. Es ist nicht meine Aufgabe, einer Frau von weiteren Kindern abzuraten.

Was sagen Sie den Frauen?

Ich frage sie, wie es mit der Familienplanung aussieht, was sie über Langzeitverhütungsmethoden denken oder ob sie mit ihrem Partner über Verhütung und weitere Kinder sprechen können.

Wie reagieren die Mütter?

Viele sind froh, dass sie im geschützten Rahmen über das Thema sprechen können. Ich höre auch oft, dass sie sich eine Spirale oder eine Unterbindung wünschen würden, sich diese aber nicht leisten können.

Wie lösen Sie dieses Problem?

Wir organisieren die Finanzierung. Bei Menschen, die von der Sozialhilfe leben, nehmen wir Kontakt mit der Wohngemeinde auf. Bei Flüchtlingen, für die noch der Kanton zuständig ist, mit dem kantonalen Sozialdienst. Wir haben auch die Möglichkeit, über Stiftungen an Geld zu kommen.

Frauen, die keine Sozialhilfe erhalten, bezahlt auch niemand die Verhütung. Warum sollten Gemeinden also grosszügig sein?

Es gibt viele Aargauer Gemeinden, die bereit sind, diese Kosten zu übernehmen. Gerade mit Aarburg arbeiten wir gut zusammen. Ich verstehe nicht, warum einer Mutter, die sich beispielsweise nach dem vierten Kind eine Unterbindung für 1500 Franken wünscht, diese nicht finanziert wird. Ein fünftes Kind kostet die Gemeinde ein Vielfaches an Sozialhilfe.