5650 junge Menschen besuchten im Schuljahr 2014/15 die sechs aargauischen Tagesmittelschulen. Rund 800 von ihnen waren Ausländer, das sind 14 Prozent. Der Ausländer-Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt mit 22 Prozent um die Hälfte höher. Über den Status der ausländischen Mittelschüler – Migranten, Niedergelassene, Ausländer der ersten oder zweiten Generation – gibt die Statistik keine Auskunft.

Hingegen lässt sich ablesen, dass die Deutschen mit 233 Jugendlichen mit Abstand die grösste Gruppe darstellen, gefolgt von den Italienern mit 95. Unter den osteuropäischen Ländern stellen die Türkei und Kosovo mit 58 bzw.

41 Jugendlichen die grössten Gruppen. Unter den aussereuropäischen Ländern stehen Indien und Sri Lanka mit 17 bzw. 16 Jugendlichen an der Spitze. Aus Brasilien stammen 7. Der Rest aus Asien und Lateinamerika sowie ganz Arabien und Afrika erscheinen in der Statistik bloss gesammelt unter «Andere».

Kurt Wiedemeier, Rektor der Kantonsschule Wettingen (Gymnasium und Fachmittelschule), bestätigt: «Unter unseren Schülerinnen und Schülern hat es tatsächlich nur wenige aus Osteuropa und den anderen Kontinenten. An der Fachmittelschule ist ihr Anteil leicht höher als am Gymnasium.»

In Zürich gibt es «Chagall»

Im Zürich gibt es ein Programm mit dem Namen «Chagall». Die Abkürzung steht für «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn». Jährlich bereitet «Chagall» jugendliche Migrantinnen und Migranten auf die Mittelschule vor und unterstützt sie auch während der Gymi-Zeit.

Lanciert wurde «Chagall» am Gymnasium Unterstrass. Könnten sich aargauische Mittelschulen nicht auch bei «Chagall» «anhängen» und damit einen Beitrag zur Förderung ausländischer Exzellenz leisten?

Simone Strub, Leiterin Kommunikation im Bildungsdepartement, relativiert: «Erstens ist Unterstrass ein privates Gymnasium; an Privatschulen sind solche Programme einfacher zu realisieren als an staatlichen.

Zweitens versuchen in Zürich viele gut situierte Familien, ihre Kinder mit Nachhilfe fürs Gymnasium fit zu trimmen; weniger gut verdienende Familien mit Migrationshintergrund können da nicht mithalten. So entstand ‹Chagall›. Es ist auf die Zürcher Vorgaben für einen Übertritt ins Gymnasium abgestimmt.»

Auch Kurt Wiedemeier nennt einen Unterschied Zürich/Aargau: «Die Zürcher kennen das Langgymnasium mit dem Untergymnasium. Im Aargau haben wir nur ein vierjähriges Gymnasium. Diese Zeit genügt in den meisten Fällen nicht, um junge Migranten so weit zu bringen, dass sie die Matura bestehen. Der Schlüssel für ihre Integration ist die deutsche Sprache.

Ihre Förderung kann nicht erst mit 16 beginnen. Wollen wir im Aargau eine entsprechende Förderung realisieren, muss sie in Zusammenarbeit mit den Bezirksschulen entstehen. Denn dort, zwischen 12 und 16, werden die entscheidenden Weichen für eine spätere akademische Laufbahn gestellt.»

Rektoren sollen sich engagieren

Simone Strub ist überzeugt, dass es dem dreigliedrigen Oberstufensystem im Aargau mit seiner Durchlässigkeit in vielen Fällen gelingt, Talente bei den jungen Ausländern zu erkennen und zu fördern.

Die entscheidende Rolle komme dabei den Lehrkräften zu. An der Pädagogischen Hochschule FHNW würden die Lehrpersonen auf die Förderung von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sensibilisiert. Strub: «Derzeit wird am Zentrum für Lernen und Sozialisation eine Studie vorbereitet, die zeigen soll, wie die Lehrpersonen im Umgang mit dieser Aufgabe gestärkt werden können.»

Rektor Wiedemeier hat das Modell Chagall studiert. Es lasse sich nicht einfach kopieren, biete aber viele Anregungen für ein eigenes Modell. «Wir haben in Wettingen viel für die Förderung der Spitzentalente getan. Nun ist es an der Zeit, auch etwas für die Chancengerechtigkeit ausländischer Jugendlicher zu tun. Und das heisst eben prioritär: talentierte Jugendliche aus bildungsfernen Häusern mit Migrationshintergrund zu erkennen und zu fördern.»

Wiedemeier will bei seinen Kollegen anregen, dass man sich demnächst mit den Bezirksschulleitern trifft, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. «Die Integration des ersten Schubs von Ausländern, vornehmlich Italiener, ist vollumfänglich gelungen. Ich bin sicher, dass wir es auch bei den neueren Ausländergruppen aus Osteuropa und anderen Kontinenten schaffen. Aber es braucht ein bisschen Zeit.»