Mit Hochwasser hat der Aargau leider viel Erfahrung. Die letzten gar als Jahrhunderthochwasser empfundenen Ereignisse mit Riesenschäden liegen nicht weit zurück: 1994, 1999 und 2005. Seither wurden Dämme erhöht, weitere bauliche Massnahmen realisiert, die Wasserabfluss-Koordination mit dem Nachbarkanton Bern massiv verbessert usw. 

Drohnenaufnahmen zeigen Überschwemmungen 2015 beim Wasserschloss.

Was passiert beim Worst-Case?

Doch was ist bei einem Extremhochwasser, das alle 10000 Jahre drohen könnte? Welche Folgen könnte dies für die an der Aare liegenden AKW Gösgen vor den Toren von Aarau, für die beiden Beznau und die umliegende Bevölkerung haben? Was hiesse es für Stauwehre? Das will der Bund jetzt ganz genau wissen. Deshalb startet das Bundesamt für Umwelt (Bafu) mit anderen Bundesstellen eine Studie. Ziel ist, die Gefährdung solcher flussnaher Anlagen durch extreme Hochwasserereignisse an der Aare besser beurteilen zu können. Davon profitieren können sollen dann natürlich auch Agglomerationen bzw. die ganze Bevölkerung im betroffenen Gebiet. In einer zweiten Phase soll auch das Risiko am Rhein unterhalb des Zusammenflusses von Aare und Rhein beurteilt werden.

Dafür braucht es auf den neuesten Methoden beruhende einheitliche Gefahrenszenarien. Die Ergebnisse sollen in zwei Jahren vorliegen. Der Kanton Aargau ist selbst auch in die Studie involviert. Norbert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer im kantonalen Bau- und Umweltdepartement, vertritt den Kanton in der Begleitgruppe der Verantwortungsträger während der Hauptstudie.

Kräuchi begrüsst denn auch das Vorhaben, einheitliche Grundlagen für die Beurteilung der Hochwassergefährdung bei seltenen bis sehr seltenen Ereignissen an Aare und Rhein zu schaffen: «Dies ist sehr wertvoll – insbesondere auch unter Miteinbezug der erwarteten Klimaänderung, welche ja bekanntermassen zu einer Zunahme von Extremereignissen führen wird.» Integrale und ganzheitliche Studien wie die vorliegende Exar-Studie könnten dazu beitragen, die Hochwassergefährdung in Zukunft noch besser zu beurteilen und vorsorgliche Massnahmen zu treffen. Entsprechend wichtig erachtet er daher den gewählten Ansatz, die Gefahrenbeurteilung nicht durch einen Zusammenzug bestehender Studien, sondern durch eine in sich stimmige und wissenschaftlich erhärtete Methodologie vorzunehmen. Er ist überzeugt: «Die Studie wird sicherlich dazu beitragen, die Gefahrenbeurteilung zu verbessern – auch für häufigere 100 – 300 jährige Ereignisse.»

Wie mit dem Risiko umgehen?

Die wahre Herausforderung sieht Kräuchi jedoch im Umgang der Gesellschaft mit den Begriffen Risiko und Unsicherheit. Denn das Wissen um eine mögliche oder sehr wahrscheinliche Gefahr ist kein Garant für eine rasche und konsequente Umsetzung der notwendigen Massnahmen zur Minimierung der Risiken. Kräuchi: «Dies zeigt sich ganz aktuell am Beispiel des Klimawandels.»

Von der Studie verspricht er sich eine Neubeurteilung der Risikosituation der Bauten und Anlagen entlang von Aare und Rhein. Denn nach Abschluss des Projekts werden die verschiedenen beteiligten Behörden anhand der erarbeiteten Gefahrenszenarien die Gefährdung durch extreme Hochwasserereignisse für rund 15 Stauwehre und für die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen sowie Beznau I und II neu beurteilen.