Wer die Krankenkassenprämien nicht bezahlt, landet auch im Aargau auf einer Schwarzen Liste und wird nur noch im Notfall behandelt. Das kann fatale Folgen haben, wie ein Fall aus dem Kanton Graubünden zeigt, den die «SonntagsZeitung» publik gemacht hat. Ein HIV-positiver Mann starb. Seine Krankenkasse übernahm die Kosten für die lebensnotwendigen Medikamente nicht, weil es sich nicht um einen Notfall handelte.

Dieser Fall hätte sich genau so auch im Aargau abspielen können. Andrée Friedl, Infektiologin am Kantonsspital Baden, behandelt derzeit drei HIV-positive Patienten, deren Namen auf der schwarzen Liste stehen. Vier weitere seien akut gefährdet, auf die Schwarze Liste zu geraten. Eigentlich dürfte die Ärztin den drei Patienten nicht helfen. Wer mit dem HI-Virus infiziert ist, befindet sich nicht in einem akut lebensbedrohlichen Zustand.

Friedl dürfte zwar die lebensbedrohliche Lungenentzündung eines Aids-Patienten behandeln, aber nicht sein Grundproblem, die HIV-Infektion. Sie tut es trotzdem. «Wenn ich das Grundproblem nicht behandle, wird es unweigerlich zu neuen lebensbedrohlichen Komplikationen kommen und irgendwann auch zum Tod. Mein Ethos als Ärztin erlaubt es mir nicht, unnötiges Leiden oder den Tod eines Patienten in solchen Situationen kampflos zu akzeptieren», sagt die Ärztin.

Kosten sind im Notfall höher

Für Friedl ist die aktuelle Situation auch «finanziell unsinnig». Denn die lebensrettende medikamentöse HIV-Therapie sei weitaus günstiger, als es wiederholte Aufenthalte im Spital wären. Sie versuche deshalb, auch HIV-positive Patienten, die auf der Schwarzen Liste stehen, medizinisch korrekt zu versorgen. Das sei nur mit freiwilliger unbezahlter Arbeit oder dank gespendeter Medikamente möglich. In diesem Zusammenhang spielt die Aids-Hilfe Schweiz eine zentrale Rolle. Sie springt oft ein, wenn die Krankenkassen nicht zahlen, und übernimmt kurzfristig die Kosten für die Medikamente. Auch im Aargau sei das schon vorgekommen, sagt Geschäftsführer Daniel Seiler. Er rät betroffenen Personen, sich an den kostenlosen Rechtsdienst der Aids-Hilfe Schweiz oder die regionale Aids-Hilfe zu wenden.

Gemeinden sensibilisieren

Im Aargau ist der Verein Sexuelle Gesundheit Aargau (Seges) die Anlaufstelle für HIV-positive Menschen. «Wir hatten letztes Jahr zwei Fälle, bei denen wir einen Eintrag auf der Schwarzen Liste in letzter Minute verhindern konnten», sagt Geschäftsleiter Michael Ganz. Aktuell unterstütze Seges einen weiteren HIV-positiven Mann. «Es gab bei diesem Klienten eine sehr kurze Zeit ohne Medikamente, bis die Krankenkasse einwilligte, wieder zu zahlen», sagt Ganz. Er wünscht sich, dass die Gemeinden für die Thematik sensibilisiert würden. Sie könnten eine Eintragung in die Schwarze Liste verhindern oder rückgängig machen. Für Ganz ist nämlich klar: «Viele landen nicht auf der Schwarzen Liste, weil sie die Krankenkassenprämien nicht bezahlen wollen, sondern weil sie nicht können.» Eine HIV-Diagnose stelle das Leben auf den Kopf. «Es kann sein, dass jemand in eine Lebenskrise gerät, seinen Job verliert und als Folge davon die Prämien nicht mehr bezahlt», sagt Ganz. «Deshalb ist es wichtig, dass die Gemeinden die Situation der Betroffenen genau abklären und so erkennen würden, falls sie Anspruch auf Sozialhilfe oder Prämienverbilligungen hätten.»

Genau diesen Ansatz verfolgt das Departement Gesundheit und Soziales. «Die Gemeinden werden aktuell geschult und sensibilisiert auf die Thematik», sagt Mediensprecherin Karin Müller. «Unter anderem lernen sie, was sie tun können, wenn jemand fälschlicherweise auf der Schwarzen Liste steht, HIV-positiv ist oder eine andere ansteckende Krankheit hat, die zwingend eine medikamentöse Therapie verlangt.» Denn nicht nur für Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben, kann die Eintragung in die Schwarze Liste tödlich enden. Im Februar berichtete die AZ von Krebspatienten, denen die Krankenkasse die Therapie nicht bezahlt und auch bei Diabetikern auf der Schwarzen Liste übernehmen Krankenkassen laut Infektiologin Andrée Friedl die Kosten für das Insulin nicht.