Rekrutierung
Wegen Zivildienst: Schweizer Armeechef kritisiert Aargauer Regierungsrat

Armeechef Philippe Rebord bang um den Bestand seiner Armee. Ihm fehlt der Nachwuchs. Darum ist es ihm ein Dorn im Auge, dass der Kanton Aargau Archäologiestudenten als Zivildienstler rekrutieren will. Der Armeechef hat der Aargauer Regierung jetzt einen bösen Brief geschrieben. der Regierungsrat kontert und verteidigt die Ausschreibung der Stellen an Universitäten

Fabian Hägler
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Armeechef Philippe Rebord hat keine Freude, dass der Kanton Aargau Zivis für die Kantonsarchäologie anlocken will.

Armeechef Philippe Rebord hat keine Freude, dass der Kanton Aargau Zivis für die Kantonsarchäologie anlocken will.

KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Motiviert und selbstständig sollen die Studenten sein, die ab August ihren Zivildienst bei der Aargauer Kantonsarchäologie absolvieren. Dies steht in einem Flyer mit dem Titel «Zivis gesucht», der seit Ende Mai an mehreren Universitäten am schwarzen Brett hängt. Hauptaufgaben für die Archäologiestudenten im Zivildienst seien «das Umpacken und sachgerechte Einlagern von Objekten unserer bestehenden Sammlung sowie das Waschen von Funden aus aktuellen Grabungen», heisst es auf dem Flyer. Bei Bedarf würden die Zivis das Team der Kantonsarchäologie auch im Tagesgeschäft unterstützen. Und weiter: «Durch Deinen Einsatz hilfst Du beim Bewältigen wichtiger Routinearbeiten und erhältst dabei Einblick in den Alltag der Kantonsarchäologie.»

Ausschreibung gesetzeswidrig?

Was auf den ersten Blick unspektakulär aussieht, hat eine Intervention auf höchster Ebene ausgelöst. Die az weiss: Armeechef Philippe Rebord hat den Aargauer Landammann Stephan Attiger kürzlich in einem Brief darauf hingewiesen, dass es ungesetzlich sein könnte, einem Archäologiestudenten eine Zivildienststelle bei der Kantonsarchäologie anzubieten. Zwar sieht das Zivildienstgesetz explizit Einsätze zur Kulturgütererhaltung vor, doch es gibt eine gewichtige allgemeine Einschränkung. «Nicht erlaubt sind Einsätze, die primär privaten Zwecken der zivildienstpflichtigen Person, insbesondere der Aus- oder Weiterbildung, dienen», heisst es unter Artikel 4.

Rebord ist dem Zivildienst gegenüber kritisch eingestellt. Schon bei seiner Vorstellung als neuer Armeechef im September 2016 zeigte sich dies. Weil der Zivildienst beliebt sei, fehlten der Armee Milizsoldaten, erklärte er. «Wir brauchen eine gewisse Anzahl Soldaten, dass das System alimentiert werden kann. Momentan haben wir ein Problem, weil der Zivildienst boomt.» Der Zivildienst sei scheinbar zu attraktiv, kritisierte der Armeechef.

Der Armee fehlen zunehmend Rekruten. Ist der Zivildienst zu attraktiv? Vergangenes Jahr fielen 1213 angehende Rekruten beim Sicherheits-Check durch. Foto: Keystone/Martin Rütschi

Der Armee fehlen zunehmend Rekruten. Ist der Zivildienst zu attraktiv? Vergangenes Jahr fielen 1213 angehende Rekruten beim Sicherheits-Check durch. Foto: Keystone/Martin Rütschi

Schweiz am Wochenende

In dem Brief, den neben Attiger auch Militärdirektorin Franziska Roth und Kulturdirektor Alex Hürzeler erhalten haben, kritisiert Rebord weiter, die Art und Weise der Ausschreibung der Stellen für Zivis stehe einer kantonalen Institution nicht gut an. Zudem möchte Rebord wissen, ob mit dem Einsatz der Zivildienstleistenden allenfalls fixe Stellen ersetzt werden sollen. Er sei gerne für ein klärendes Gespräch mit der Aargauer Regierung bereit, hält der Armeechef am Ende seines Schreibens fest.

Regierung widerspricht Rebord

Dazu ist es laut Regierungssprecher Peter Buri nicht gekommen, allerdings hat Regierungsrat Alex Hürzeler, der für die Kantonsarchäologie zuständig ist, dem Armeechef schriftlich geantwortet. Hürzeler habe Rebord den Hintergrund der zusätzlichen Ausschreibung an archäologischen Instituten der Universität erklärt. Die Flyer wurden demnach aufgehängt, weil sich «trotz dringlichem Bedarf in den nächsten Monaten» noch keine Interessenten für den Zivildienst bei der Kantonsarchäologie Aargau gemeldet hätten. Die entsprechenden Stellen seien auf der Website der Vollzugstelle Zivildienst seit längerem ausgeschrieben.

Regierungssprecher Buri betont, der Einsatz von Zivildienstleistenden bei der Kantonsarchäologie habe «keinen fachlichen aus- oder weiterbildenden Charakter» und sei deshalb gesetzeskonform. «Die eingesetzten Zivildienstleistenden helfen, saisonale Belastungsspitzen zu brechen und Arbeiten zu erledigen, die aufgrund fehlender oder ungenügender Ressourcen nicht erledigt werden könnten», erläutert Buri. All diese Tätigkeiten könnten nicht nur Archäologiestudenten, sondern auch Zivildienstleistende mit einem anderen beruflichen Hintergrund problemlos übernehmen. Voraussetzung sei einzig, dass sie Interesse und Einsatzbereitschaft zeigen, sagt der Sprecher.

Werbung an Unis schon früher Buri ergänzt, die Kantonsarchäologie respektiere die Vorgaben der Zivildienst-Vollzugsstelle zu Einsatz und Ausschreibung vorbehaltlos. Er hält fest, bei der Institution würden keine Festanstellungen substituiert. Vielmehr würden die Zivis «Arbeiten gemäss den bewilligten Pflichtenheften für zivildienstleistende Personen» ausführen. Die Kantonsarchäologie sei seit 1997 ein anerkannter Einsatzbetrieb für Zivildienstleistende. Aktuell biete sie vier Plätze für Zivis an. In den verganenen 20 Jahren habe man bei dringendem Bedarf vereinzelt Ausschreibungen an archäologischen Instituten gemacht. «Im Schnitt geschah dies etwa alle drei bis vier Jahre einmal», sagt Buri.

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