Coronakrise

Wegen Stillstand in der Gastronomie: Aargauer Weinbauern drohen übervolle Keller

Von der eingebrochenen Nachfrage sind die Winzer unterschiedlich betroffen. (Archivbild)

Von der eingebrochenen Nachfrage sind die Winzer unterschiedlich betroffen. (Archivbild)

Weil die Bestellungen von Wirten und Veranstaltern ausbleiben, reduzieren die Winzer die Produktionsmengen.

Gastrobetriebe sind seit Wochen geschlossen und bleiben bis zum 11. Mai zu. Wirten ist der Verdienst über Nacht weggebrochen. Betroffen sind auch Zulieferer: Bäcker und Metzger, Früchte- und Gemüseproduzenten, Getränkelieferanten – und einheimische Winzer. Es drohen Überkapazitäten, verschärfter Konkurrenzkampf und Preisdruck. Das könnte die Weinlandschaft verändern. Schuld ist nicht nur das Coronavirus. Doch dessen Folgen treffen Aargauer Weinbauern zu einem schwierigen Zeitpunkt: Vor der nächsten Ernte sind manche Keller noch voll und die Marktlage in der Schweiz ist anspruchsvoll.

Die Stilllegung der Gastronomie und das Veranstaltungsverbot haben das Problem der Weinschwemme verschärft und schlagartig erhellt. Das bestätigt der kantonale Fachspezialist Urs Podzorski. Aber man wolle jetzt vorwärtsschauen und die qualitativ hochstehenden Aargauer Weine über alternative Kanäle an die Konsumenten bringen.

Winzer beschliessen erste Mengenbegrenzungen

Die einheimischen Weine werden an Geschäftskunden wie Gastrobetriebe, Fachhandel und Veranstalter sowie im Direktverkauf ab Keller an Privatkunden vermarktet. Von der eingebrochenen Nachfrage sind die Winzer unterschiedlich betroffen, grosse Betriebe wahrscheinlich stärker als kleine. Das Weingut Hartmann in Remigen, zum Beispiel, keltert aus dem Ertrag von 16 Hektaren Reben insgesamt 20 Weine, wovon 60 Prozent an Geschäftskunden und 40 Prozent an Privatkunden gehen. Der Absatz in der ersten Sparte ist laut dem Betriebsinhaber um 90 Prozent eingebrochen.

Bruno Hartmann erörterte die Lage mit den Winzern, die ihm Trauben von 8 Hektaren Reben liefern. Um einer Überproduktion entgegenzuwirken, beschlossen sie für 2020 neue Mengenbegrenzungen bei mehreren Sorten: Müller-Thurgau 600 statt 950 Gramm Trauben pro Quadratmeter, Blauburgunder 500 statt 800 Gramm, Rotwein-Spezialitäten 600 statt 800 Gramm. Nur bei Weisswein-Spezialitäten bleibt die Menge von 800 Gramm unverändert. Die Regulierung beginnt sofort, indem frisch ausgetriebene Triebe der Reben beim «Erlesen» reduziert werden. So wird verhindert, dass im August überzählige Trauben zu Boden geschnitten werden müssen.

Die Winzerschaft reagiert derzeit noch zurückhaltend auf stärkere Mengenbeschränkungen. Schon bisher habe der Aargau die Produktionshöchstlimiten für Weiss- und Rotweine aus Qualitäts- und Absatzgründen deutlich unterschritten, erklärt Weinbaukommissar Podzorski. Über Marktmassnahmen denke man jetzt schweizweit nach, sagt Michael Wetzel vom Weingut Goldwand Ennetbaden; vielleicht sensibilisiere die Coronakrise die Konsumenten für die inländische Wertschöpfung. Winzer Daniel Fürst in Hornussen beurteilt seinen 20-prozentigen Gastro-Absatzausfall als spürbar, aber noch verkraftbar. Lukas und Sandra Baumgartner in Tegerfelden sind über ihre starke, rund 60-prozentige Privatkundschaft froh. Sie spüren neben dem 30-prozentigen Gastroabsatz auch die Absage zahlreicher Anlässe, halten jedoch im Moment weitere Mengeneinschränkungen für verfrüht.

Aargauer Weinschwemme hätte negative Folgen

In der grössten Weinbaugenossenschaft Schinznach, die keine Reben besitzt, aber 35 Winzern Traubengut abnimmt und rund 13 Prozent der Aargauer Weinmenge keltert, leisten 11 Mitarbeitende Kurzarbeit. Derzeit fehlen 50 Prozent Umsatzvolumen, immerhin sind die ersten 2018er-Weine ausverkauft.

«Nach guten Ernten müssen wir ein Produktionsgleichgewicht finden, sonst werden wir alle unter einer Weinschwemme leiden», stellt Bruno Hartmann nüchtern fest. Absatzkollaps und Preiszerfall könnte für professionelle Betriebe existenzgefährdend werden und auf nebenberufliche Winzer demotivierend wirken. Würden Rebparzellen aufgegeben, hätte das nachhaltige Auswirkungen auf die Wein- und die Naturlandschaft. Ein Vorteil mag die vielseitige Struktur des Aargauer Weinbaus sein. Mit dem Metier beschäftigen sich mehrere hundert nebenberufliche Rebbergbesitzer, ein Dutzend Rebbauvereine, rund 30 professionelle Keltereibetriebe und dazu sechs Genossenschaften. Beim Branchenverband Aargauer Wein sind 118 Mitglieder registriert.

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