Platznot
Wegen steigender Schülerzahl: «Wir brauchen eine neue Mittelschule»

Thomas Dittrich, Präsident des Mittelschullehrervereins, fordert Mut und Weitsicht. Auf die akute Platznot an den Kantonsschulen möchte er mit einem neuen Gymnasium im Fricktal oder in der Kantonsmitte reagieren.

Hans Fahrländer
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Mag keine Halbheiten mehr: Der «oberste Mittelschullehrer» Thomas Dittrich an seinem Arbeitsort, der Kantonsschule Baden. Alex Spichale

Mag keine Halbheiten mehr: Der «oberste Mittelschullehrer» Thomas Dittrich an seinem Arbeitsort, der Kantonsschule Baden. Alex Spichale

Wie kann man der steigenden Zahl von Studierenden an aargauischen Mittelschulen Herr werden. Anbauen? Ausbauen? Zumieten? Die Wirtschaftsmittelschule aussiedeln? Nun macht der «oberste Mittelschullehrer» einen neuen Vorschlag: Er fordert einen weiteren Kanti-Standort.

Herr Dittrich, die aargauischen Mittelschulen platzen aus allen Nähten. Der akuten Platznot konnte an den Kantonsschulen von Aarau, Baden und Wohlen nur mit Pavillons begegnet werden.

Thomas Dittrich: Ja, das stimmt. Und die Zahl der Schülerinnen und Schüler wird weiter ansteigen. Denn die Zuwanderung aus anderen Kantonen und dem Ausland wird anhalten, vor allem auch die Zuwanderung von qualifizierten Spezialisten mit ihren Familien, zum Beispiel für die Firmen ABB und Alstom oder das PSI. Damit steigt auch die Nachfrage nach höherer Bildung.

Dazu kommt, dass der Aargau heute jährlich 450 Jugendliche aus dem Fricktal nach der Bezirksschule in die Gymnasien von Basel und Muttenz schickt.

Das ist eine unbefriedigende Situation. Denn Kantone mit einer rekordverdächtigen Maturquote wie Basel-Stadt sind bekannt dafür, dass dort die Anforderungen für Maturandinnen und Maturanden eher niedrig sind.

Kann man das zu erwartende Wachstum beziffern?

Aus einer Studie, welche das Bildungsdepartement letztes Jahr durch die Planungsfirma Metron erstellen liess, geht hervor: Bis 2035 wird die Zahl der Studierenden an Aargauer Mittelschulen auf 7000 steigen. Heute stehen wir bei 5500, das entspräche einem Zuwachs von 1500 Studierenden oder 27 Prozent.

Der Kanton arbeitet an einem Raumkonzept für die Sekundarstufe II. Einige Berufsschulen sind zu gross. Man könnte die Wirtschaftsmittelschulen (WMS), heute an den Kantis Aarau und Baden angesiedelt, zu den Berufsschulen zügeln. Würde dies die Platznot beheben?

Bevor wir über Zahlen reden, müssen wir uns fragen: Ist es eine gute Idee, die WMS in den Berufsschulen anzusiedeln?

Der Abschluss der WMS wurde kürzlich geändert: Sie führt nicht mehr zum Diplom, sondern zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis Kaufmann/Kauffrau und zur Berufsmatur. Damit ist die WMS in die Nähe der Berufslehre gerutscht.

Trotzdem. Die WMS ist nicht einfach eine Berufsschule. Berufsschule findet in aller Regel an einem Wochentag statt, für Berufsmaturschüler an zwei, die WMS aber an fünf. An einer Kantonsschule gibt es zahlreiche Freifächer, Theatergruppen, Chor, Sportlager etc. Dies alles würde für WMS-Studierende wegfallen, wenn man sie bei der Berufsschule ansiedelt. Ich finde es falsch, die Frage des «richtigen» Ortes für die WMS auf die Raumfrage oder den Abschluss zu
reduzieren. Man sollte vielmehr pädagogische Aspekte – also die Schülerbedürfnisse – höher gewichten.

Zu viel Platz haben vor allem die Berufsschulen an der Peripherie. Für Aarau und Baden, die Standorte der WMS, gilt das aber nicht.

Das kommt noch dazu: Die Gedankenspiele des BKS gehen geografisch nicht auf. Die Mehrzahl der WMS-Schüler stammt aus dem Mittelland-Speckgürtel. Wir können sie nicht einfach in die Berufsschulen nach Rheinfelden oder Reinach schicken. Das gilt übrigens auch für die Zuteilung innerhalb der Mittelschulen: Selbst wenn die Kanti Zofingen noch Platz hat, können wir die Jugendlichen aus der Agglomeration Baden-Wettingen nicht nach Zofingen verfrachten. Es bleibt ein Domino: Die WMS an die Berufsschulen in Baden und Aarau verlagern, KV-Berufsschullehrgänge von Baden und Aarau an die Peripherie. Die Frage ist: Will der Aargau das wirklich?

Man könnte auch einfach die bestehenden Kantonsschulen in Aarau und Baden erweitern.

An der Kanti Baden, wo ich unterrichte, gehen heute täglich rund 1500 Menschen ein und aus, über 1200 Studierende und 220 Lehrkräfte, dazu die übrigen Mitarbeitenden. Für mich und die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen ist damit eine kritische Grösse überschritten. Wir werden immer mehr zu einer anonymen Anstalt,

Was also ist der ultimative Ausweg aus der Platznot?

Wir brauchen im Aargau eine neue Mittelschule.

Ein radikaler Vorschlag! Sie meinen nicht: eine Aussenstelle einer bestehenden Schule, sondern echt eine neue Schule?

Beides wäre denkbar, das zweite wäre aber die zukunftsträchtigere Lösung. Denken wir an den Anstieg auf 7000 Studierende ...

Ein heisses Politikum – und eine Kostenfrage.

Ja. Für das Bildungsdepartement ist die Variante «neue Mittelschule» des Teufels, wegen der Kosten. Ich bin aber nicht sicher, ob ständige Provisorien mit Ausbauten und Zumietungen funktionieren werden.

Wo wäre denn die neue Kantonsschule zu bauen? Im Fricktal? Der Standort Stein stand ursprünglich sogar im Schulgesetz. Doch die Kanti Stein wurde nie gebaut.

Ein Standort im Fricktal könnte den Abfluss nach Muttenz und Basel dämpfen. Aber er löst das Problem im Speckgürtel Mittelland nicht. Wie erwähnt besteht der grösste «Überhang» an Jugendlichen in den Regionen Aarau und Baden-Wettingen.

Also gehört «die Neue» in die Mitte – nach Brugg?

Zum Beispiel. Auch Lenzburg käme infrage. In Brugg bestünde immerhin eine Lösungsmöglichkeit ohne Neubau auf der grünen Wiese und damit mit überschaubaren Kosten: Der Campus an der Baslerstrasse, wo früher das Kindergärtnerinnen-Seminar und dann die Pädagogische Hochschule beheimatet war, wird frei, weil die PH in den Campus nach Windisch zieht.

Gibt es dafür nicht schon einen anderen Plan? Die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales (BFGS) soll dorthin ziehen, sie platzt auch aus allen Nähten.

Ja, diesen Plan gibt es. Für die BFGS wäre dieser Raum aber zu knapp, sie würde weiterhin auf verschiedene Orte aufgesplittert bleiben. Für eine mittelgrosse Kanti wäre es dagegen eine perfekte Lösung.

Die Idee ist geboren. Wie geht es nun weiter?

Der Vorstand des Mittelschullehrerverbands steht einstimmig hinter der Idee. Wir sind in einer Begleitgruppe zur Erarbeitung des Standort- und Raumkonzeptes des Kantons vertreten. Dort bringen wir uns ein. Dann zählen wir insbesondere auf den Grossen Rat. Es darf nicht sein, dass Fragen dieser Tragweite ohne eine weitsichtige, mutige bildungspolitische Grundsatzdiskussion der Parlamentsroutine zum Opfer fallen.