Die Debatte über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) beschäftigte die Politiker in Bern über drei Jahre hinweg. Im letzten Dezember rang sich das Parlament mit dem sogenannten Inländervorrang light zu einer Kompromisslösung durch. Es geht grundsätzlich darum, dass Bewerber aus der Schweiz bei Stellenbesetzungen einen Vorrang gegenüber Ausländern zu gewähren ist. Eine Pflicht besteht aber nicht. Seit der Bundesrat Ende Juni die Vernehmlassung über die Verordnung eröffnet hat, sind nun auch die Eckwerte klar: Freie Stellen in Berufen mit einer landesweiten Arbeitslosenquote von mindestens fünf Prozent müssen den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. Das betrifft etwa das Baugewerbe, das Service- und Küchenpersonal oder die PR-Branche. Die Arbeitsämter haben dann drei Tage Zeit, um dem Arbeitgeber qualifizierte Kandidaten für die offenen Stellen vorzuschlagen.

Die Krux: Die neuen Regelungen sollen bereits Anfang nächsten Jahres in Kraft treten. Und dies stellt die Arbeitsvermittlungszentren in der ganzen Schweiz vor eine Herkulesaufgabe. Gemäss einem Artikel in der «SonntagsZeitung» soll es den Ämtern an Know-how und zeitgemässer Software für eine effiziente Personalvermittlung fehlen.

Auch im Aargau macht man sich deshalb ernsthafte Sorgen, ob und wie die sieben RAV-Zweigstellen die Mehrbelastungen bewältigen können. Thomas Buchmann, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit beim Kanton Aargau, befürchtet gar einen möglichen Kollaps. Er formuliert es dann aber diplomatischer: «Wenn der Inländervorrang light mit den Vorgaben der Vernehmlassung tatsächlich im Frühjahr in Kraft tritt, sind die Aargauer Arbeitsvermittlungszentren mit Sicherheit überlastet.»

Verfünffachung droht

Buchmann geht von einer extremen Zusatzbelastung für die RAV-Mitarbeiter aus, die sie ohne ausreichende Vorlaufzeit «unmöglich» bewältigen könnten. Die Berechnungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) untermauern seine Bedenken: Mit der neuen Meldepflicht werden die Arbeitgeber schweizweit etwa 218'000 offene Stellen melden, das sind rund 180'000 mehr als noch 2016. Buchmann: «Unsere RAV im Aargau könnten zurzeit höchstens mit einer Verdoppelung leben, aber sicher nicht mit einer Verfünffachung.»

Um die Flut an Meldungen bewältigen zu können, die sich anbahnt, werden in der gesamten Schweiz 270 neue Stellen geschaffen. Im Aargau sind gemäss Buchmann 30 neue RAV-Arbeitsplätze geplant. Bis jetzt sind die Stellen trotz des straffen Zeitplans aber weder besetzt noch ausgeschrieben worden. Da die definitiven Rahmenbedingungen erst im Januar 2018 durch den Bundesrat festgelegt werden, könne man noch nicht viel Konkretes unternehmen, erklärt Buchmann.

Bis die neuen RAV-Mitarbeiter rekrutiert sind, dauert es also mindestens noch bis Anfang Jahr. Deren Ausbildung, die Weiterbildung des bestehenden Personals und die Ausarbeitung neuer Arbeitsabläufe wird zusätzliche Zeit verschlingen. Zeit, die die Arbeitsämter eigentlich nicht haben. «Wenn wir den Arbeitgebern geeignete Kandidaten vorschlagen wollen, dann brauchen wir genügend Zeit bis zur Inkraftsetzung», fordert Buchmann. Ansonsten drohe ein Qualitätsverlust, was bei den Unternehmen überhaupt nicht gut ankommen würde. «Die RAV-Stellenvermittlung würde einen massiven Imageschaden erleiden, das muss um jeden Preis verhindert werden.»

Ungenaue Trefferliste

Ein weiteres Problem ist die veraltete Software. Der Basler Regierungsrat Christoph Brutschin sagte in der «SonntagsZeitung», dass Anpassungen bei der IT zwingend seien. Auch Thomas Buchmann sieht in der Informatik Handlungsbedarf. Das Hauptproblem sei, dass der Abgleich von Bewerberprofilen und den offenen Jobs nicht automatisiert ist. Die RAV-Mitarbeiter können lediglich Schlagwörter eingeben und müssen sich dann durch eine lange Trefferliste kämpfen, um die Arbeit der Suchmaschine zu überprüfen. Nebst den fehlenden Mitarbeitern und der veralteten Software gibt es im Aargau noch ein weiteres Problem, das Buchmann Kopfschmerzen bereitet. In den sieben RAV-Zweigstellen gibt es kaum Ausbaumöglichkeiten. Wo sollen die neuen Mitarbeiter also arbeiten? «Das wissen wir noch nicht», sagt Buchmann. Man sei daran, entsprechende Szenarien zu prüfen.

Wie und ob die RAV-Zweigstellen im Aargau tatsächlich schon im Frühjahr den Inländervorrang light umsetzen müssen, entscheidet sich erst im Januar 2018. Bis dahin bleibt wohl auch die Kostenfrage ungeklärt. Insgesamt sollen sich die Kosten auf 40 bis 60 Millionen Franken belaufen. Die Kantone fordern, dass der Bund vollumfänglich dafür aufkommt. In Bern hält man sich deswegen noch bedeckt.

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