Hochwasser-Sicherheit
Wegen Hochwasser: Kanton will 21 000 Kubikmeter Kies aus der Reuss holen

Zur Sicherheit vor Hochwasser sollen in der Reuss im Januar und Februar 21 000 Kubikmetern Kies ausgelagert werden. Wegen den über 400 Pflanzen- und Tierarten gestaltet sich der Eingriff als schwierig.

Hans Lüthi
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Reuss-Bagger am 12. Januar 2006 bei Rottenschwil. Die neu geplanten Baggerungen erfolgen von den Sandbänken am Ufer aus. MZM/Archiv

Reuss-Bagger am 12. Januar 2006 bei Rottenschwil. Die neu geplanten Baggerungen erfolgen von den Sandbänken am Ufer aus. MZM/Archiv

Januar und Februar sind die idealen Monate, um überschüssigen Kies aus der Reuss im Freiamt zu entfernen. Ein neues Konzept zur Bewirtschaftung des Geschiebes sieht vor, die Kiesfracht mit Baggern und Lastwagen abzuführen.

Im Durchschnitt sind das 21 000 Kubikmeter jährlich. Viel weniger Material bringt der Fluss in trockenen Zeiten. 50 000 Kubikmeter sind es bei Hochwasser-Ereignissen – wie sie seit 1994 öfters aufgetreten sind.

Ein natürlicher Fluss könnte seine Kiesfracht selber bewirtschaften, aber seit dem Bau des Kraftwerks Bremgarten-Zufikon 1975 funktioniert das nicht mehr. Der Fluss ist auf 7 Kilometer Länge eingestaut.

Fazit: Oberhalb von Bremgarten hat es zu viel Kies, unterhalb besteht ein für die Ökologie gravierender Mangel. Darum werden 5000 Kubikmeter unterhalb Bremgartens der Reuss zurückgegeben.

Sorgfältige, flexible Eingriffe

Baggerungen sind immer starke Eingriffe, in der Reuss leben über 400 pflanzliche und tierische Arten. Das mit den kantonalen Fachstellen und den Anrainerkantonen Zug und Zürich abgesprochene Konzept sieht minimale Eingriffe vor.

Die heikle Flusssohle wird nicht angetastet, die Entnahme erfolgt jetzt im Winter bei Tiefwasser. Bei der Halbtrocken-Baggerung wird auf den bestehenden Kiesbänken das landseitige Material zuerst entnommen.

Zum Fluss hin bleibt ein Damm bestehen, der erst am Schluss geöffnet wird. Dank dieser Methode kommt es nur zu einer geringen Trübung des Wassers. Entnahmestellen sind der Beugerank und das Zollhaus bei Sins, Rickenbach, Obfelden und das Werderhölzli.

An jedem Standort sollen die Bagger nur alle zwei Jahre aufkreuzen. «Der Aargau benötigt ein bedürfnisorientiertes und ökologisch verträgliches Konzept zur Bewirtschaftung des Geschiebes», schreibt Sebastian Hackl von der Abteilung Landschaft und Gewässer im Kantonsheft Umwelt Aargau. «Auf Änderungen im Oberlauf sollte man unkompliziert und variabel reagieren können», so Hackl.

Das ganze Geschiebe kommt nicht aus dem Abfluss des Vierwaldstättersees in die Reuss, sondern immer von der Kleinen Emme. Der normalerweise kleine Fluss aus dem Entlebuch hat ein grosses Einzugsgebiet und verursacht primär die Höchstpegel der Reuss.

Seit dem Jahrhundert- oder Jahrtausend-Hochwasser von Ende August 2005 sind an der Kleinen Emme und der Reuss, ebenso beim Zusammenfluss, mehrere Projekte für Hochwasserschutz und Revitalisierung geplant worden.

Die Umsetzung der Dutzende Millionen Franken teuren Pläne «wird wahrscheinlich noch 10 bis 20 Jahre in Anspruch nehmen», schreibt Sebastian Hackl.

Sonderaushub vor sieben Jahren

Die Flut um den 20. August 2005 überstieg alle Vorstellungen: In fünf Tagen fielen an der Station Entlebuch 299 und im Eigenthal 344 Millimeter Regen. Bei Mühlau wurde ein Rekord-Höchstwert gemessen, mit 900 Kubikmetern pro Sekunde, über 80 Prozent kamen von der Kleinen Emme.

Gemäss der Regel «je grösser der Abfluss, desto mehr Geschiebe», führte der Fluss gigantische Mengen Kies, Sand und Holz mit sich.

Die Angst vor einer neuen Flutwelle und der Hochwasserschock bewirkten eine schnelle Reaktion im Aargau: Von Januar bis März 2006 wurden im Raum Rottenschwil-Jonen 130 000 Kubikmeter Kies ausgebaggert.

Auf dem rechten Reussdamm fuhren täglich bis zu 350 Lastwagen für den Abtransport. Trotz Verkauf des Kieses kostete die Aktion den Aargau unter dem Strich 2,5 Millionen Franken.