G. R.* (56) aus Turgi ist auf sein Auto angewiesen: «Ich ziehe damit meinen Imbisswagen und brauche das Auto auch für den Einkauf der Lebensmittel», sagt R., der von den Philippinen stammt und seit rund 30 Jahren in der Schweiz lebt. 2005 und 2007 musste er den Führerausweis zweimal abgeben.

Beim ersten Mal für einen Monat wegen übersetzter Geschwindigkeit, beim zweiten Mal für ein halbes Jahr wegen Rechtsüberholen auf der Autobahn. Seither hat sich R. nichts mehr zuschulden kommen lassen – bis zum 8. Juli 2013. Damals kam es an einer Tankstelle in Baden zu einer Auseinandersetzung mit einem anderen Autofahrer. R. sagt, dieser habe an der Tanksäule gedrängelt.

Ausweis einen Monat entzogen

Zwischen den beiden gab es einen heftigen Wortwechsel, worauf R.s Frau dazwischenging und unglücklich stürzte. «Ich habe gedacht, der andere habe meine Frau geschlagen», erzählt der 56-Jährige.

Deshalb sei er aggressiv geworden und habe mit einem Stein den Spiegel des anderen Autos beschädigt. Die Kantonspolizei nahm ihm den Führerausweis ab und zeigte ihn wegen Tätlichkeiten, Sachbeschädigung und Beschimpfung an.

Das Strassenverkehrsamt gab ihm den Ausweis am 13. August zurück, ordnete aber zugleich ein verkehrspsychologisches Gutachten an. Die Behörde ging laut dem Dokument, das der Aargauer Zeitung vorliegt, davon aus, «dass Herr R. eine sehr hohe Impulsivität und Aggressionsneigung aufweist sowie über keine reife Konfliktverarbeitung verfügt».

Daher müsse «die charakterliche Eignung von R. zum Führen eines Motorfahrzeuges in Zweifel gezogen werden», befand das kantonale Strassenverkehrsamt.

Die Gutachter des arbeits- und verkehrspsychologischen Instituts Solothurn (AVI) kamen indes zu einem völlig anderen Resultat: «Herr R. verfügt über genügend Impulskontrolle, hat bezüglich seines Verkehrsverhaltens eine gesunde Tendenz zur Vermeidung hoher Risiken und weist eine hohe Stressresistenz auf», ist im AVI-Gutachten nachzulesen.

Zudem attestierten ihm die Verkehrspsychologen eine «eher geringe Aggressionsneigung» und hielten fest, R. übernehme «die alleinige Verantwortung für seine Fehler». R.s Erklärung, dass «Stress und zu wenig Schlaf die Kurzschlusshandlung an der Tankstelle ausgelöst hätten», ist für die Gutachter nachvollziehbar.

In der Gesamtbeurteilung hält das AVI fest: «Wir erachten Herrn R. als charakterlich geeignet, ein Motorfahrzeug zu lenken.»

Fahrcoaching für 1200 Franken

Dennoch empfahlen die Gutachter, sechs Fahrcoaching-Sitzungen zu verordnen, «da Herr R. eine vorübergehende private und geschäftliche Krise durchläuft».

Das Strassenverkehrsamt übernahm die Empfehlung und teilte R. mit, sein Ausweis würde eingezogen, wenn er das Coaching nicht absolviere. Einen Antrag seiner Anwältin, auf die Auflage zu verzichten, lehnte das Amt ab.

Für R. ist dies unverständlich: «Ich habe alle Tests beim Verkehrspsychologen bestanden, was soll ein Fahrcoaching bringen?» Er habe kein Problem im Strassenverkehr und auch keine private Krise.

«Als ich zum Gutachter musste, wütete auf den Philippinen der Taifun Haiyan. Ich wusste lange nicht, wie es meiner Mutter und meiner Nichte ging, das hat mich belastet», sagt er. Geschäftlich laufe es tatsächlich schlecht, der Umsatz seines Imbisswagens sei eingebrochen, sagt R. «Aber daran kann ein Fahrcoaching auch nichts ändern, mir entstehen nur zusätzliche Kosten von 1200 Franken.»

Strassenverkehrsamt wehrt sich

Samuel Helbling, Leiter Kommunikation beim Departement Volkswirtschaft und Inneres, verteidigt den Entscheid des Strassenverkehrsamts. «Die Administrativbehörde darf nicht ohne triftige Gründe von den Empfehlungen eines Gutachtens abweichen.» Helbling ergänzt, das Gutachten des AVI sei eingehend geprüft worden und erfülle die Anforderungen an Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit und Schlüssigkeit.

Es sei «in Kenntnis aller Akten über den automobilistischen Leumund des Betreffenden erstellt» worden und beruhe auf allseitigen Untersuchungen. Er räumt aber ein: «Psychiater, Psychologen, Amts- und Vertrauensärzte geben nur Empfehlungen ab.» Die Entscheidung liege beim Strassenverkehrsamt, «das alle eingehenden Berichte und Gutachten prüft».

*Name der Redaktion bekannt