Häusliche Gewalt
Wegen Familiengericht: Gemeinden zu spät informiert über Schläger

Wenn ein bekannter Schläger wegen häuslicher Gewalt frei herumläuft, wurden die Aargauer Gemeinden in den letzten zwei Jahren zu spät oder schlecht informiert. Grund war die Einführung der Familiengerichte. Nun wurde der Informationsfluss angepasst.

Fabian Hägler
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Die Polizei musste letztes Jahr soviel ausrücken wie noch nie wegen häuslicher Gewalt. (Symbolbild).

Die Polizei musste letztes Jahr soviel ausrücken wie noch nie wegen häuslicher Gewalt. (Symbolbild).

Keystone

1589 Mal musste die Polizei im Aargau letztes Jahr wegen häuslicher Gewalt ausrücken – so häufig wie noch nie. Für alle diese Fälle wurde ein Polizeibericht erstellt. Doch nicht immer kamen diese bei den Gemeinden an, wo die Betroffenen lebten.

Gemeinden schlecht informiert

Wenn es um häusliche Gewalt geht, sind aber bei Weitem nicht nur Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte involviert. Eine wichtige Rolle spielen auch die Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt des Kantons, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden und die Gemeinden. Nach der Einführung der Familiengerichte auf das Jahr 2013 gab es aber Probleme mit dem Informationsfluss, wie der Gemeindeschreiber-Verband in seinem Jahresbericht festhält. Demnach haben «mit der Einführung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden im Kanton Aargau verschiedene betroffene Akteure die für sie wichtigen Informationen zu spät oder gar nicht erhalten».

Was heisst das konkret? Hugo Kreyenbühl, Gemeindeschreiber in Niederrohrdorf, erklärt: «Früher war die Vormundschaftsbehörde bei den Gemeinden angesiedelt, die Polizeiberichte gingen dorthin.» Damit wussten Gemeinderat, Sozialdienst und andere lokale Stellen immer Bescheid über die Fälle von häuslicher Gewalt. «Mit der Einführung der Familiengerichte änderte sich dies, die Gemeinden wurden nicht mehr über alle Fälle informiert und konnten auch nicht immer reagieren», sagt Kreyenbühl. Wenn die Gemeinde orientiert sei, könne sie Betroffene «auch niederschwellig kontaktieren und einige Probleme lösen – wenn wir keine Informationen haben, geht das natürlich nicht», sagt Kreyenbühl.

Systemwechsel nach zwei Jahren

Nicole Payllier, Mediensprecherin der Aargauer Gerichte, hält dazu fest: «Seit dem 1. Januar 2013 fällen nicht mehr die Gemeinden, sondern die Familiengerichte die Entscheide im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht.» Darum habe die Polizei ihre Berichte in den vergangenen zwei Jahren dorthin geschickt. «Nachdem das Informationsbedürfnis der Gemeinden festgestellt wurde, konnte diese Lücke nun aber geschlossen werden», betont Payllier.

Tatsächlich hat sich die Kommission häusliche Gewalt einen Leitfaden erarbeitet, der seit Anfang Jahr in Kraft ist. «Neu erfasst die Kantonspolizei die Vorfälle mit einem standardisierten Formular und übermittelt sie zeitgleich elektronisch an die Anlaufstelle häusliche Gewalt und die Gemeinden », sagt Sandra Olar, Sprecherin des Innendepartements. Nur noch fünf Prozent der Polizeiberichte werden an die Familiengerichte weitergeleitet – nämlich dann, wenn Kinder gefährdet sind.

Umsetzung wird kontrolliert

Gemeinden und Anlaufstelle erhalten also die gleichen Fallmeldungen. Der Leitfaden klärt deshalb auch die Zuständigkeiten. «Die Anlaufstelle ist zuständig für Gewaltberatung von Tätern und Opfern, den Gemeinden kommt die Aufgabe der Sozialberatung zu, zum Beispiel durch Hilfe bei drohender Wohnungskündigung», sagt Olar.

Gemeindeschreiber Hugo Kreyenbühl ist zufrieden mit dem neuen System. «Es war wichtig, dass in der Begleitgruppe alle beteiligten Stellen vertreten sind, dadurch wurde ein praxistauglicher Leitfaden erarbeitet.» Kreyenbühl sitzt in einer Begleitgruppe, welche die Umsetzung des Leitfadens überwacht. Damit sollen mögliche Probleme rechtzeitig erkannt und gelöst werden.

Den Kommentar dazu lesen Sie hier

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