Mit dem Zug durch die Schweiz fahren, in Stockbetten schlafen, zusammen kochen, Entdeckungstouren unternehmen – Klassenlager sind für viele Schülerinnen der Primar- und der Oberstufe das Highlight des Jahres. Doch nun sind solche Lager plötzlich infrage gestellt.

Grund dafür ist ein kürzlich veröffentlichtes Bundesgerichtsurteil. Darin wird vorgeschrieben, dass Eltern einen maximalen finanziellen Beitrag von 80 Franken pro Woche für obligatorische Schullager ausgeben müssen. Anstoss für den Entscheid gab ein Streit an Thurgauer Schulen und die Richter bezogen sich auf das Recht der unentgeltlichen Ausbildung. Daher sollen Eltern nur das Geld bezahlen, das bei der Abwesenheit des Kindes gespart wird.

Im Aargau steuern die Eltern im Schnitt rund 160 Franken pro Woche bei. «Mit dem Beitrag finanzieren wir die Unterkunft, die An- und Rückreise und die Verpflegung», erklärt Georg Ziffermayer, Leiter der Oberstufe im Badener Schulhaus Pfaffechappe. Hier zahlen Eltern sogar 200 Franken – mehr als das Doppelte des vom Bundesgericht festgelegten Betrages. 

«Sollte sich das Urteil für einen Fall im Thurgau landesweit durchsetzen, ist ein Klassenlager kaum mehr machbar. Allein das Zugbillett kostet ja schon fast 80 Franken», betont Ziffermayer. Der Schulleiter ist mit seiner Sorge nicht allein. Auch andere Aargauer Oberstufen stünden vor neuen, finanziellen Hürden. Noch hat der Bundesgerichtsentscheid keine Konsequenzen für die Aargauer Schulen – bis jemand auch hier klagt wegen der Höhe der Elternbeiträge.

Lager werden immer teurer

Laut Simone Strub, Mediensprecherin des Departements Bildung, Kultur und Sport, sei keine Aargauer Schule zur Durchführung von Klassenlagern verpflichtet. Unterrichtsmaterialien und Kosten für Schulanlässe würden die Gemeinden tragen. «Diese beteiligen dann die Eltern mit kleineren Beiträgen für Schulreisen und -lager.»

Damit wolle man den Kindern mehr bieten, als mit dem normalen Schulbudget möglich sei. Jede Schule habe also die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie ein Lager veranstaltet und was dafür verlangt wird.

Die Zahlungen der Eltern seien in der Regel nicht höher als der Gemeindebeitrag, erklärt Philipp Grolimund, Co-Präsident des Aargauer Schulleiterverbands. 80 Franken dürfe man sicher von den Eltern fordern. Für ihn sind 80 Franken aber das Minimum. «Fakt ist, dass Lager immer teurer werden, vor allem in Folge des zunehmenden Sicherheits- und Verantwortungsdenkens.»

Er befürchte, dass die Anzahl Klassenlager durch das Bundesgerichtsurteil noch mehr zurückgehe. «Schon jetzt können die Schulen nicht so viele Reisen durchführen, wie es sich Schüler und Eltern wünschen», sagt Grolimund.

Eine weitere Konsequenz sei, dass man in der Region bleiben würde, wandert, anstatt mit dem Zug zu fahren, und selbst kocht. Ein Zwang, das Kind ins Lager zu schicken, bestehe übrigens nicht – auch wenn dieses obligatorisch ist: «An obligatorischen Reisen nehmen nach Möglichkeit alle Schüler teil, aber es gibt auch Ausnahmen.» Diese sind religiös, gesundheitlich, psychisch oder finanziell begründet.

Kinder, deren Eltern die gewünschten Beträge nicht zahlen können, müssen nicht etwa daheim bleiben. «Die meisten Gemeinden haben Lösungen für finanziell schwache Eltern», so Grolimund. Oft würden auch die Schulen selbst über Fonds verfügen, mit denen die Teilnahme des Kindes gesichert werden kann – beispielsweise im Schulhaus Pfaffechappe.

Davon machten Personen mit schwierigen ökonomischen Situationen Gebrauch, sagt Schulleiter Georg Ziffermayer. Die Stadt Baden zahle pro Schüler und Woche 200 Franken. «Für die Kinder und Jugendlichen haben gemeinsame Lager grosse Vorteile. Sollte dieser Bestandteil der Schulzeit wegen fehlender finanzieller Mittel entfallen, wäre das ein grosser Verlust.»

Initiative der Schüler gefragt

Dass aber auch mit wenig Geld ein zufriedenstellendes Lager durchgeführt werden kann, zeigt ein Beispiel aus Zofingen. Dort müssen Eltern einen Betrag zwischen 90 und 100 Franken bezahlen. Im Vergleich mit anderen Schulen eine geringe Summe.

Um sich trotzdem ihr Traum-Lager im Wallis zu verwirklichen, haben Kinder der 5. und 6. Klasse zu kreativen Mitteln gegriffen: «Sie hatten die Idee, eine Schülerzeitung zu realisieren und diese zu verkaufen», sagt Daniela Regli, stellvertretende Gesamtschulleiterin. Zusammen mit den Lehrpersonen haben die Schüler an der Zeitung gearbeitet, schlussendlich genügend Geld damit verdient – und dabei noch viel gelernt.

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