Die beiden gravierenden Fälle von häuslicher Gewalt mit einer Toten und einer Verletzten beschäftigen nicht nur Wohlen, sondern auch die Albaner in der Schweiz. Denn: Die mutmasslichen Täter stammen zwar aus Kosovo und Mazedonien, gehören aber der albanischen Volksgruppe an.

«Wir sind alle schockiert über diese Vorfälle», sagt die albanische Kriminologin Silvija Buçaj-Shehi. «Und wir haben Angst, dass sich unser Image in der Schweiz durch solche Taten weiter verschlechtert.»

Besonders betroffen mache sie, dass die Opfer Frauen sind: «In der albanischen Tradition gelten Frauen als die ‹Säule des Hauses›», so Buçaj. Trotzdem herrsche gerade in Kosovo noch immer eine traditionelle, konformistische Mentalität, in der Frauen niedriger gestellt seien als Männer.

Es werde oft nicht gerne gesehen, wenn Frauen widersprechen.

Männer wegen Frauen in Schweiz gekommen

Die Wohler Fälle hätten einen Punkt gemeinsam: «Soweit ich weiss, sind beide Männer durch ihre eingebürgerten Frauen in die Schweiz gekommen», sagt Buçaj. Sie denke, dass eine Ursache für die Gewalt in der unterschiedlichen Mentalität der Paare liege.

«Die Frauen sind integriert, haben die Schweizer Kultur angenommen und sind emanzipiert. Die Männer dagegen sind in ihrem Heimatland aufgewachsen und haben die balkanische Mentalität konserviert.» Das führe zu grundlegenden Missverständnissen.

Gewalt in- und ausserhalb der Familie ist in Kosovo und Albanien verbreitet: 2011 wurden in dem Staat mit 1,8 Millionen Einwohnern rund 130 Fälle häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht.

Zwei Drittel der Opfer waren Frauen, ebenso gross war der Anteil der Opfer albanischer Ethnie. Allerdings sei die Dunkelziffer wohl sehr hoch, meint Buçaj. Eine ähnliche Situation präsentiert sich im Nachbarland: «Auch in Albanien herrschen schlimme Verhältnisse, was die Kriminalität angeht - jeden dritten Tag wird dort eine Person getötet», sagt die Wissenschaftlerin. Leider würden diese Probleme in der Heimat auch manchmal unter Albanern in der Schweiz zum Ausdruck kommen.

Albaner sollen Albanern helfen

«Wir, die albanische Gemeinschaft in der Schweiz, müssen dringend präventiv gegen häusliche Gewalt vorgehen», sagt Buçaj. «Die Leute sollten informiert und sensibilisiert werden - immer unter Berücksichtigung des Schweizer Rahmens.»

Wichtig sei dabei, dass mehr albanischstämmige Polizisten, Juristen und Sozialarbeiter mit der Durchführung von Präventionsprogrammen betraut werden. Denn: «Nur Albaner kennen die albanische Mentalität.

Einem Gewaltopfer fällt es leichter, über die Vorfälle zu sprechen, wenn es direkt in seiner Muttersprache darüber sprechen kann und nicht via Übersetzer.» Ansonsten tendierten Albaner dazu, ihre Probleme selber zu lösen, ohne professionelle Hilfe.

Buçaj wünscht sich deshalb, dass die Schweiz den gut ausgebildeten Albanern mehr Vertrauen entgegen bringen würde. «Sie sollten mehr Möglichkeiten erhalten, um hier in der Schweiz etwas für die Integration ihrer Landsleute leisten zu können.»