Johannes Lukaschek ist Onkologe mit eigener Praxis in Baden und Co-Präsident des Vereins Palliative Aargau. Der Verein setzt sich für ein gutes Leben und Sterben bis zuletzt ein. Eines der Hauptziele ist die Vernetzung der verschiedenen Akteure. Denn Palliative Care umfasst neben medizinischer Behandlungen und Pflege auch psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung von Menschen am Lebensende. Vergangene Woche lud der Verein zur Fachtagung «Umgang mit dem Sterbewunsch» ein. Ein guter Moment für ein Gespräch über das Sterben.

Herr Lukaschek, befürworten Sie den begleiteten Alterssuizid?

Johannes Lukaschek: Ich befürworte ihn nicht und versuche alles, um mithilfe der ganzheitlichen Palliative Care einen anderen Weg für Betroffene zu finden. Letztlich muss ich aber die gereifte Entscheidung eines Menschen akzeptieren, sollte er sich für den Suizid entscheiden.

Haben Sie oft erlebt, dass kranke Menschen aktiv Suizid begingen?

Ich habe 13 Jahre Erfahrung als Onkologe. Es ist nicht einmal eine Handvoll Patienten, die aktiv Suizid beging. Bei allen anderen Patienten konnten wir mit palliativen Massnahmen erreichen, dass der Weg mehr oder weniger gut war. Es waren auch Leute darunter, die bereits bei Exit angemeldet waren.

Ist Palliative Care also eine Alternative zum Suizid?

Ja, auf jeden Fall. Ich finde, der Weg des Sterbens gehört zum Leben, so schmerzhaft es auch ist, Abschied zu nehmen. Besonders den Angehörigen fehlt oft etwas, wenn sie diesen Prozess nicht mit ihrem sterbenden Partner oder Freund durchgehen können. Es ist darum oft schwierig, wenn ein Partner oder Freund sich entscheidet, mit einer Sterbehilfeorganisation zu gehen. Aber es ist zu akzeptieren.

Gibt es schmerzfreies Sterben?

Wirklich null Schmerzen beim Sterben ist leider nicht immer möglich. Auch mit den besten medizinischen Möglichkeiten nicht. Aber auf einer Skala von 0 bis 10 ist es natürlich ein himmelweiter Unterschied, ob der Schmerz bei 10 oder bei 2 liegt.

Finden Sie Sterben schlimm?

Nein, schon mit der Geburt ist klar, dass wir sterben werden. Das ist nicht schlimm. Es ist eine Tatsache. Wir müssen lernen, das zu akzeptieren. Schlimm ist manchmal auch für mich, was rundherum abläuft – wenn zum Beispiel eine Mutter stirbt, die kleine Kinder hat.

Was sind die Sorgen von Menschen am Lebensende?

Die sind ganz unterschiedlich, oft ist es die Angst vor Schmerzen oder die Sorge um die Finanzen. Häufig ist es schlicht Verlustangst. All das muss man ansprechen.

Wer muss das ansprechen?

Ich als Arzt kann das Medikament oder eine Therapie verschreiben. Aber ich kann nicht allen Sorgen persönlich begegnen. Was ich tun kann, ist dem Patienten zu sagen, wo er sich informieren und Hilfe holen kann. Ich kenne die Angebote und es ist mir ein Anliegen, dass alle Fachpersonen diese Angebote der multiprofessionellen Teams aus der Pflege kennen. Dazu gehören auch Seelsorge, psychosoziale Beratungen und die vielen Freiwilligen, die Angehörige zu Hause unterstützen.

Vergessen Ärzte das Sterben?

Die Gefahr besteht. Einen Sterbeweg zu begleiten, braucht sehr viel Zeit und damit auch viele Ressourcen. Wer redet mit den Leuten, wer bespricht mit ihnen die Ängste und Sorgen? Wer klärt auf über konkrete pflegerische Massnahmen?

Zeit und Geld sind im Gesundheitswesen knapp.

Ja, aber wir müssen dieses Problem dennoch angehen. Die beschränkten finanziellen Ressourcen müssten umverteilt werden. Auch auf Kosten anderer Ausgaben im Gesundheitswesen. Für mich ist klar, dass der Hausarzt im ambulanten Bereich oder das betreuende Team in einer pflegerischen Institution diese Drehscheiben-Funktion übernehmen muss. Sie müssen vernetzen und aufzeigen, welche Angebote es gib. Das ist eine zeitlich intensive, aber äusserst wertvolle Aufgabe. Darum muss das auch kostentragend abgerechnet werden können.

Die Menschen wollen zu Hause sterben. Gestorben wird aber meist im Spital oder Pflegeheim. Warum?

Auch hier tut umdenken not. Das ambulante Betreuungsteam, der Hausarzt und die Spitex können die nötige Sicherheit geben und Patienten und Angehörige unterstützen. Sie müssen aber auch vorausdenken, welche Beschwerden im Sterbeprozess auftauchen könnten.

Können Sie ein Beispiel machen?

Atemnot in Form einer «karchelnden» Atmung in den letzten Tagen. Das ist für die Angehörigen schwierig, weil sie das Gefühl haben, der Sterbende erstickt. Hat der Hausarzt vorgesorgt und bereits ein Medikament gegen Atemnot verschrieben und die Betreuenden vor Ort über die Anwendung instruiert, kann der Sterbende zu Hause bleiben. Anderenfalls muss er bloss ins Spital, weil dummerweise das nötige Medikament nicht im Haus ist.

Im Spital fallen dann höhere Kosten an.

Darum ist es für alle hilfreich, wenn wir gute Strukturen haben. Es gibt Studien aus den USA, die zeigen: Wenn es ein gut funktionierendes ambulantes Palliative- Care-Angebot gibt, sinken die Kosten. Bei der Notfall-Hospitalisation hingegen fallen sehr schnell sehr hohe Kosten an. Gäbe es also gut funktionierende Strukturen, könnten die Leute zu Hause betreut bleiben und es wäre ausserdem günstiger.

Was muss der Aargau noch tun, damit wir gut sterben können?

Wir müssen die Versorgungsstrukturen stärken. Es wäre wichtig, dass es im Aargau spezialisierte Teams gibt, bestehend aus Ärzten und anderen Fachpersonen, die zu den Patienten heimgehen können. Sie würden dann zum Einsatz kommen, wenn Hausarzt und Spitex sagen: Wir kommen nicht mehr weiter, wir brauchen Hilfe. Dieses Angebot gibt es im Kanton Waadt und in der Ostschweiz bereits.

Was wünschen Sie sich?

Dass die Menschen keine Angst haben müssen vor dem Sterben. Sondern dass sie am Ort ihrer Wahl in Ruhe und gut umsorgt sterben können.