Hochwasser
Wassertaufe dank grosser Hilfe und orangefarbigen Schläuchen geglückt

Dutzende von Millionen Franken kostete das Hochwasser im Aargau vor sechs Jahren. Diesmal gab es dank Rückhaltung in den Seen, höheren Dämmen, viel Erfahrung und orangefarbigen Schläuchen kaum Schäden.

Hans Lüthi
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Die Aare bei Felsenau vor der Mündung in den Rhein beim höchsten Stand am 1. Juni 2013. hans Lüthi

Die Aare bei Felsenau vor der Mündung in den Rhein beim höchsten Stand am 1. Juni 2013. hans Lüthi

Mit den hart getroffenen Nachbarn in Deutschland und im Osten Europas kann man nur Mitleid haben. In Städten und Dörfern treten die Flüsse meterhoch über die Ufer, das braune Schmutzwasser steht bis zu den Hausdächern.

Die Bewohner können nur flüchten, das Schlamassel aufräumen und nachher die Schäden zahlen. In der Schweiz verhindert ein geniales System solche Dimensionen. Die Natur hat es geschaffen und der Mensch hat es ergänzt.

In Sintflutzeiten sind unsere grossen Seen mehr als Gold wert, sie dienen als riesige Speicher und halten Millionen von Kubikmetern Wasser vorerst zurück. Die gleiche Wirkung haben die vielen Speicherseen, obwohl sie für die Produktion von Spitzenstrom gebaut worden sind.

Die vier grossen Flüsse fliessen darum gebändigt aus ihren Seen, es sind immer kleinere Nebenflüsse, die sie mit einem Mehrfachen an Hochwasser vollpumpen: In der Aare ist es die Emme, in der Reuss die Kleine Emme, in der Limmat die Sihl und im Rhein die Thur.

Diese können innert Stunden auf das Zehn- bis Dreissigfache hochschnellen und sind kaum zu bändigen. Regulierungen sind möglich beim Ausfluss der Seen, primär in Brügg-Aegerten am Bielersee.

Nach dem Debakel von 2007 mit 38 Millionen Franken Hochwasser-Schäden allein in Aarau (mit Kraftwerk Rüchlig) haben die Berner jetzt hervorragend reagiert.

Mit zwei Massnahmen: In den Tagen vor dem grossen Regen haben sie eine Vorabsenkung gemacht und in den Hochwasser-Spitzen den Seeausfluss stark gedrosselt. Diese Lücke hat die Emme prompt gefüllt – obwohl sie nicht auf den Pegel von 2007 anstieg.

Zufrieden mit der Regulierung

«Wir danken dem Kanton Bern und sind sehr zufrieden mit der Regulierung des Bielersees», schreibt Markus Zumsteg von der Aargauer Abteilung Landschaft und Gewässer im BVU. Ähnlich geschickt und wirkungsvoll haben die Zürcher am Sihlsee agiert, primär sicher im Interesse der Stadt Zürich und des Limmattals.

Bei den Luzerner Freunden gibt es Möglichkeiten zur Verbesserung: Am historischen Wehr zogen sie die berühmten Holznadeln am Freitagmorgen – und überliessen den Aargau seinem Schicksal. Zum Glück wütete die Kleine Emme aus dem Entlebuch nicht so schlimm wie vor sechs Jahren.

Beim Ausfluss des Vierwaldstättersees ist die Regulierung schwierig, weil die Wehrnadeln bei hohem Wasserstand nicht gezogen oder eingesetzt werden können. «Der Aargau hat mehrfach darauf hingewiesen, das sei keine taugliche Lösung für ein modernes Hochwasser-Management», betont Zumsteg.

Denn mit gutem Willen könnten auch die Luzerner eine Vorabsenkung machen, wenn sich ein Hochwasser derart früh abzeichnet, wie im jüngsten Fall.

Ein erstes fazit zeigt klar, dass der Aargau mit einem hellblauen Auge glimpflich davongekommen ist. Diese Gründe sind dafür verantwortlich: Durch die Aare flossen beim Kraftwerk Klingnau in den wenigen Spitzenstunden genau 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, im Jahr 2007 waren es 2652 Kubikmeter, im Rhein bei Rheinfelden waren es 3800 und vor sechs Jahren rund 4600 Kubikmeter je Sekunde.

Ein paar hundert Kubikmeter mehr bringen das Fass zum Überlaufen, mit verheerenden Schäden (siehe Box).

Dauernde Prävention spart viele Unkosten

Die Prävention gegen Hochwasser ist ein Dauerprozess, den der Aargau seit vielen Jahren konsequent verfolgt, auch mit dem Auenpark. Darum hat der Kanton auch einen Beitrag an das Holz-Rückhaltebecken der Kleinen Emme in Malters mitfinanziert. Dieses Jahr werden im Surbtal zwei Rückhaltebecken gebaut, nächstes Jahr zwei im Möhlintal und eines oberhalb von Wohlen im Bünztal. 2015 folgt ein Rückhaltebecken im Suhrental und der Wigger-Ausbau im Raum Zofingen. «Das Hochwasser von 2013 war ein importiertes Hochwasser», schreibt Silvio Moser von der Abteilung Landschaft und Gewässer, die Aargauer Bäche hatten viel Wasser, traten aber kaum über die Ufer. Die Schäden im Aargau von Anfang Juni sind unglaublich gering: «Wir haben 22 Meldungen und eine Totalsumme von 150 000 Franken», sagt Generalsekretärin Christina Troglia von der Aargauischen Gebäudeversicherung. Dazu kommen noch 17 Fälle und 70 000 Franken aus Grundwasserschäden, die separat abgerechnet werden. In den Hochwasser-Jahren 2005 und 2007 waren es 4200 und 3600 Schäden mit einer Summe von 33 und 37 Millionen Franken. (Lü.)

Mustergültige Arbeit

Mustergültig war die Arbeit durch den Kantonalen Führungsstab, der von Freitag bis Sonntag früh im Einsatz stand. «Wir haben die Lehren aus dem Jahr 2007 gezogen», sagt Peter Buri, Sprecher der Aargauer Regierung. Über grosse Erfahrung verfügen im Wasserschloss der Schweiz auch die Feuerwehren und der Zivilschutz.

Die leuchtend orangefarbigen Schläuche trugen wirkungsvoll dazu bei, grosse Schäden zu verhindern. Allein für geschätzte 400 000 Franken in Wallbach am Rhein, wo das Kantonale Katastrophen-Element (KKE) zusammen mit der Feuerwehr Fischingertal im Einsatz war.

Aber auch in Aarau bewährten sich die teilweise vom Militär ausgelehnten Beaver-Schläuche. Deshalb stellt sich jetzt die Frage, ob der Kanton weitere erwerben soll oder ob in Wallbach und Brugg die Dämme zu erhöhen sind.

Die höchste Sicherheit bringen höhere Dämme, wie sich in Döttingen gezeigt hat. Auch die mobilen Balken in Unterwindisch hielten dem Reusswasser stand.

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