Einbürgerungstest
Was war in Marignano? – Der Einbürgerungstest im Selbstversuch

Eine Schweizerin will wissen, ob sie den roten Pass durch Einbürgerung bekommen würde. Bevor sie loslegt, ist sie ganz schön nervös. So wie eine Frau aus Sizilien, die sie später dazu befragt und die ihn bestanden hat. Aber erst nach langem Lernen.

Aline Wüst
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Wer den Schweizer Pass will, muss einiges über die Schweiz wissen. (Symbolbild)

Wer den Schweizer Pass will, muss einiges über die Schweiz wissen. (Symbolbild)

Keystone

Ich werde ehrlich sein, und sollte ich versagen – ich werde es Ihnen nicht vorenthalten. Versprochen. Innerlich zähle ich nochmals die sieben Bundesräte auf und hoffe inständig, dass keine Frage kommt, von wo nach wo irgendein Alpenpass führt.

Daran bin ich schon in der Schule kläglich gescheitert. Beim Wilhelm Tell bin ich sattelfest, immerhin. Und die Frauen können seit 1971 abstimmen – wenn diese Frage nicht kommt, will ich den Test gar nicht bestehen, denke ich und klicke auf die Starttaste des Einbürgerungstests, der ab 2014 Standard ist für jeden, der im Aargau Schweizer werden will. Aus den 240 Fragen werden nun 45 für mich ausgewählt.

Als Erstes erscheint ein Foto des Bundeshauses auf meinem Bildschirm. Ich soll sagen, was da drauf zu sehen ist. Ich habe folgende Antwortmöglichkeiten: Das Nationalmuseum, Schweizer Fernsehen, die Universität, die Bundesversammlung/Parlament. Ich denke: Zum Glück muss ich nicht alle Aargauer Nationalräte aufsagen und drücke C.

Zweite Frage: Wer bildet im Nationalrat eine Fraktion? Antwort C gefällt mir: Die Mitglieder bestimmter Berufsgruppen (z. B. Bauernstand). Ich denke, ein bisschen stimmts schon. Drücke dann aber die richtige Antwort: gleiche Partei oder gleich gesinnte Partei.

Eine amüsante Antwort

Frage Nummer 34 ist endlich die Frage nach dem Frauenstimmrecht – ich bin beruhigt. Amüsant sind die falschen Antworten. Zum Beispiel: Wer wählt die 246 Mitglieder der Bundesversammlung? Antwort C: Eine Casting-Jury.

Ich denke: Das muss eine recht spassige Runde gewesen sein, die diesen Test erfunden hat. Ich schreibe Béatrice Ziegler eine E-Mail. Ziegler arbeitet beim Zentrum für Demokratie in Aarau, dort wurde der Test entworfen. Ich will wissen, obs so lustig war, wie ich mir das vorstelle. Sie antwortet rasch. Sie erklärt, dass auch die falschen Antworten wohlüberlegt sein müssen, das sei recht anspruchsvoll. «Es war also weniger lustig, als teilweise recht knifflig», schreibt sie weiter. Schade.

Nächste Frage: Wie hiess der General der Schweizer Armee im 2. Weltkrieg? Ulrich Wille, Henri Dufour, Henri Guisan oder Robert Grimm. Dass jetzt da ausgerechnet beide Henris kommen – die können also auch fies sein, diese Experten vom Zentrum für Demokratie. Ich klicke weiter und irgendwann ist Schluss und ich wusste alles. Freue ich mich? Naja.

Concetta Pelegatti war «wahnsinnig erleichtert»

Ich bin sicher, grösser wäre die Freude, wenn es um etwas gegangen wäre. Ich schau mir Liste mit den letzten 512 Aargauer Einbürgerungen durch und entscheide mich, Maria Concetta Pelegatti aus Veltheim anzurufen und nachzufragen.

Die ganze Familie Pelegatti wurde im Sommer eingebürgert. Und wie wars in echt, will ich wissen? «Ich war wahnsinnig erleichtert», sagt die gebürtige Sizilianerin und erzählt, dass sie es nicht so habe mit Geschichte – im Gegensatz zu ihrem Mann.

Und auch das ganze mit Majorz und Proporz sei schwierig, wenn man es nur aus der Theorie kenne. Aber wer die Fragen lernt, der schafft es, sagt sie und erzählt mir noch, wie seltsam es gewesen sei, als sie mit ihrer Familie zum ersten Mal mit Schweizer Identitätskarte die Grenze nach Italien passierte.

Am Abend klicke ich mich nochmals durch den Test. Der hat aufgedreht, finde ich. Wann war der letzte landesweite Generalstreik? Ich versage. Es war 1918. Und wissen Sie was, ich habe auch keine Ahnung was damals bei dieser Schlacht von Marignano passierte – aber ist ja auch schon lange her, oder?

Hier machen Sie den verschärften Einbürgerungstest.