Windenergie wird in unserem nördlichen Nachbarland sehr viel stärker genutzt als in der Schweiz. Bekannt sind mit zahlreichen Windkraftanlagen «verspargelte» Landschaften an der Ostsee, und zunehmend Offshoreanlagen im Meer.

Das Windaufkommen dort bringt die besten Erträge. Anders verläuft der Ausbau der Windkraft im süddeutschen Raum, etwa im Schwarzwald. Auch hier entdeckt man am Horizont rasch eine, zwei oder drei auf Hügeln weitherum sichtbare Windkraftanlagen. Windkraft-Plantagen findet man hier aber nicht. Über jede neu geplante Windmühle wird intensiv diskutiert.

Manchmal sind die Widerstände zu gross und es wird nichts draus. In Baden-Württemberg drehen heute etwas über 600 Windräder. Sie liefern dort «nur» zwei Prozent des Nettostromverbrauchs, derweil es in Deutschland insgesamt rund 18 Prozent sind.

Gemeinde setzt auf Erneuerbare

Im Kanton Aargau konnte bisher kein einziger Windpark realisiert werden. Projekte gibt es aber längst, etwa im Freiamt. Nun wollten Mitglieder der Regionalgruppe Aargau der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie bei einem Besuch in der 4200-Seelen-Gemeinde Freiamt im Schwarzwald herausfinden, was man dort anders macht. Freiamt liegt rund 25 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau und setzt seit vielen Jahren auf erneuerbare Energien.

2016 wurden so rund 23 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom erzeugt. Der eigene Verbrauch lag bei rund 11 Millionen kWh. Zur Veranschaulichung: Ein typischer Vier-Personen-Haushalt in einem Mehrfamilienhaus in der Schweiz verbraucht jährlich knapp 4000 kWh. Der Freiämter Überschussstrom von 12 Millionen kWh reicht also – ohne Berücksichtigung der Jahreszeitschwankungen – rein rechnerisch für über 3000 Haushalte dieser Grösse.

Inzwischen sechs Windkraftanlagen

Im deutschen Freiamt kommt der Strom aus sechs Windkraftanlagen, zwei Biogasanlagen, vier Kleinwasserkraftwerken, mehreren Hackschnitzel- und Holzpelletsheizungen, mehr als 150 Sonnenkollektoren, diversen mit Geothermie, Luft oder Wasser betriebenen Wärmepumpen in Privathäusern sowie über 300 Photovoltaikanlagen.

Ein Förderverein treibt im deutschen Freiamt die Windenergienutzung voran. Dessen Präsident Ernst Leimer führte den aargauischen Besuchern stolz die Anlagen vor. Als sich 1996 eine Firma Flächen für Windenergie sichern wollte, sagten sich die Bauern in Freiamt: «Das machen wir doch selbst.» Man schloss sich zusammen und mass erst einmal drei Jahre lang die Windstärke, die schliesslich einen wirtschaftlichen Betrieb erwarten liess, erklärte Leimer.

Die Identifikation der Bürger mit ihren Windkraftanlagen, die selbstverständlich in der Landschaft sichtbar sind und das Bild verändern, war ihnen von Anfang an ganz wichtig, betont Leimer auch in einem Interview. Der Bau der Anlagen ging aber nicht von selbst. So konnten von den geplanten drei Windmühlen vorerst einmal nur deren zwei realisiert werden – eine wäre einem Gebäude zu nahe gekommen.

Dem Landschaftsbild fielen später drei weitere geplante Anlagen zum Opfer. Trotzdem sind inzwischen sechs in Betrieb. Teil des Erfolgsrezepts ist augenscheinlich, dass sie mit Bürgerbeteiligung realisiert wurden und werden und dass angrenzende Landeigentümer eine kleine Pachtzahlung bekommen.

Weiternutzen oder grösser bauen?

Beim Besuch der AZ stand eine der sechs Windkraftanlagen wegen Lagerschadens still. Beheben kann man diesen nur mit einem Spezialkran, der gerade nicht verfügbar war. Um an das Windrad heranzukommen, wird zudem eine kleine Rodung nötig. Das wird teuer. Zum Glück sei man versichert, so Leimer mit Blick auf den Ertragsausfall.

Derzeit überlegt man sich im Förderverein intensiv, was mit der ersten Anlage geschehen soll, wenn die auf 20 Jahre ausgelegte Einspeisevergütung ausläuft: Soll man sie weiterbetreiben oder eine neue bauen? Leimer: «Eine grössere Anlage brächte dreimal so viel Strom.»

Nebst Einwänden des Landschaftsschutzes stellt sich aber bei jedem Anlagenbau ein weiteres Problem: Die voluminösen Windkraftwerkteile über die schmalen, kurvigen Strässchen zu transportieren, fordert den Chauffeuren alles ab. Dafür spart Freiamt heute allein mit dem Strom aus den Windkraftanlagen jährlich 20 000 Tonnen CO2.