Jugendfilmtage
Was uns im Jahr 2056 erwartet

Hörbeeinträchtigte Jugendliche aus dem Aargau nehmen mit ihrem Dokfilm an den Schweizer Jugendfilmtagen teil. Der Film beschäftigt sich mit dem Thema Nummer 1, das auch die Jungfilmer tagtäglich begleitet: das Hören oder eben Nicht-Hören.

Elisabeth Feller
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Was wünschen sich diese Jugendlichen für 2056? Dass es kleinere, schönere und leistungsfähigere Hörgeräte geben wird.

Was wünschen sich diese Jugendlichen für 2056? Dass es kleinere, schönere und leistungsfähigere Hörgeräte geben wird.

HO

Wie sieht die Welt 2056 aus? «Es gibt zweistöckige Autobahnen und viel mehr Hochhäuser als heute», sagt Nicola. Für Dorian wiederum steht fest: «Weil die Welt zu diesem Zeitpunkt sehr voll ist, fliegen Menschen zum Mars, um dort zu leben.» Selbstfahrende, fliegende Autos sind künftig ebenso selbstverständlich wie Roboter, Esswaren aus dem Drucker sowie eine einzige Tablette, die jeder Krankheit Herr wird.

«Aber», wendet Natalie skeptisch ein, «es gibt immer mehr Menschen, die zu diesem Zeitpunkt keine Lust mehr haben, zu arbeiten, und: Die Menschen können nicht mehr schreiben, weil die meisten von ihnen ein Handy besitzen.» Eine Schule gibt’s nicht mehr und essen geht übrigens von selbst.

Ist all dies erstrebenswert? «Nein», sind sich Dorian Oesch, Natalie Meyer, Jan Thomann, Nicola Dürig und Sandro Klaus einig. «Eine Welt, in der einem alles abgenommen wird und in der man nichts mehr zu tun hat, ist langweilig. In einer solchen möchte ich nicht leben», unterstreicht Nicola. In welcher fühlen sich die fünf denn wohl? In einer, die für sie kleinere, optisch pfiffigere und wasserdichte Hörgeräte mit leistungsfähigeren Batterien entwickelt hat. Vielleicht hat sich in ferner Zukunft überdies erfüllt, wovon Nicola heute träumt: Ein Hörgerät ist auch ein MP3-Spieler. Sandros Traum hängt mit dem ungeliebten Französisch zusammen: «Wenn ich nach Paris gehe, wäre es doch toll, wenn mein Hörgerät die französischen Wörter sogleich ins Deutsche übersetzen könnte.» Nicht nur kleiner, «sondern getarnt als Ohrenschmuck» müssten künftige Geräte im Ohr für Natalie sein: «Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, nicht mehr anders zu sein.»

Dass sich die 13 und 14 Jahre alten Lernenden der 1. Sek. derart um Hörgeräte kümmern, hat einen Grund: Sie sind seit ihrer Kindheit schwerhörig oder hörbeeinträchtigt. Deshalb werden sie im «Landenhof – Zentrum und schweizerische Schule für Schwerhörige» in Unterentfelden unterrichtet. Zum Beispiel darüber, dass die 40. Schweizer Jugendfilmtage dieses Jahr unter dem Motto «2056 – Ein Blick in die Zukunft» stehen. Ein spannendes Thema, befand Lehrer Christian Frey und schlug vor, sich doch mit einem Beitrag zu beteiligen. Frey hatte schon früher zwei Filme mit Schülerinnen und Schülern des «Landenhofs» eingereicht, «doch in die engere Auswahl sind wir damals nicht gekommen». Jetzt ist das anders: Der etwas über acht Minuten dauernde Dokumentarfilm «Hörgeräte 2056» von Dorian, Natalie, Jan, Nicola, Sandro und des jungen, Support leistenden Filmschaffenden Joel Glanz, wird im Wettbewerbsprogramm gezeigt (siehe Box).

Auf die Schnelle entstanden ist das Werk nicht. «Dem Film ging – vorerst mit Zeichnungen, dann mit einer Mindmap – seit November 2015 eine intensive Suche nach einem Thema voraus, das unmittelbar mit uns zu tun haben sollte», sagt Christian Frey. Die Hörgeräte standen schliesslich im Zentrum: Diese kommen heute noch nicht an die Leistung eines funktionierenden Gehörs heran und schränken deshalb ein. Also formulierten die fünf ihre Wünsche, um sie sodann mit dem Fachmann Hans-Ueli Roeck, Director Key Technologies der Firma Sonova AG in Stäfa, zu diskutieren. Seine Antworten werden im Film kontrastiert von den sehr persönlichen, anrührenden Aussagen der Jungfilmer. «Manchmal frage ich mich, wieso das so ist», fragt sich Nicola und spielt damit auf seine Schwerhörigkeit an.

Früher mochte Natalie Hörgeräte gar nicht, jetzt trägt sie diese immer: «Sie sind ein Teil von mir.» Wer diese und noch andere Sätze erstmals hört, möchte ihnen unbedingt erneut begegnen. Haben sich Dorian, Natalie, Jan, Nicola und Sandro schon überlegt, was mit ihrem gefühlvollen, aber nie sentimentalen Dokumentarfilm nach der Aufführung beim Schweizer Jugendfilmfestival passiert? Sie blicken sich etwas ratlos an. Dann sagt Sandro: «Es wäre schön, wenn man unseren Film im Fernsehen zeigen könnte.»

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