Vor der Tür liegen Kickboards, im gemütlichen Wohnzimmer ergänzen bunte Sitzsäcke die Sofas und im grossen Garten schauen zahme Hasen den Kindern beim Spielen auf dem Rasen oder der Schaukel zu. Ein wunderbarer Ort, um aufzuwachsen.

Das findet auch die Fachstelle für das Pflegekind im Kanton Aargau, denn vor einem Jahr hat sie das Geschwisterpaar Tanja* (5) und Laurin* (3) hier im Fricktal bei Familie Lauener* untergebracht. Die zwei Kinder waren davor bei ihren Eltern aufgewachsen, die bereits mit ihrem eigenen Leben überfordert waren, geschweige denn für zwei Kinder sorgen konnten.

Noch vor hundert Jahren hätte die Geschwister, falls sich überhaupt jemand für ihr Schicksal interessiert hätte, womöglich eine Kindheit voller harter Arbeit und Schläge bei einer «Pflegefamilie» erwartet.

Die Familien nahmen damals die Kinder auf, um sich etwas Geld und eine Gratisarbeitskraft zu sichern. Noch immer werden Geschichten ehemaliger Verdingkinder aufgearbeitet. Heute liegt die Verantwortung über die Pflegekinder in den Händen der Gemeinden, die die Pflegefamilien regelmässig überprüfen.

Auch Familienplatzierungsorganisationen wie die Fachstelle für das Pflegekind im Kanton Aargau begleiten Familien und Kinder und überprüfen jeden Monat, ob alles in Ordnung ist. Ausserdem hat jedes Kind in der Regel einen Beistand, der sich kümmern muss. «Das ist zwar strikt, aber gut geregelt, schliesslich geht es um das Wohl des Kindes», findet Pflegemutter Alice Lauener*.

«Missstände zu spät bemerkt»

Was in den Augen der Pflegemutter hingegen zu wenig gut funktioniert hat, war das frühe Erkennen der Missstände in der Familie des Geschwisterpaares. «Weil sie essen konnten, wann und was sie wollten, und die Körperhygiene ihren Eltern unwichtig war, haben sie nun ganz schlechte oder gar keine Zähne.

Tanja musste mit vier Jahren das Treppensteigen lernen, weil sie bisher immer getragen wurde, und manchmal wurden sie auch geschlagen. Gerade Ärzte oder Kindergartenlehrpersonen hätten hier viel früher einschreiten müssen», verdeutlicht die ausgebildete Lehrerin.

Jetzt geht es den Kindern aber sehr gut. Alle zwei bis drei Wochen dürfen sie ein Wochenende bei ihren leiblichen Eltern verbringen. «Wir sind absolut ehrlich zu ihnen und versuchen, ihnen kindgerecht aber sachlich zu erklären, warum sie eben in zwei Welten aufwachsen», sagt die Pflegemutter.

Statt mehr eigene Kinder

Zusammen mit ihrem Mann hat sie eine eigene Tochter (11). «Wir hätten gerne mehr Kinder gehabt, aufgrund einer Krankheit meines Mannes war das aber nicht möglich. Da haben wir uns über Adoption oder eben Pflegekinder informiert.

Und diese Option hat uns dann sehr zugesagt.» Für das erste Pflegekind, ein 12-jähriges Mädchen, musste aber nach einem halben Jahr eine andere Platzierung gefunden werden, denn «dessen Mutter hat enorm gegen uns gearbeitet, das war psychisch nicht mehr tragbar, weder für das Mädchen noch für uns».

Das könne es manchmal geben, komme aufgrund von sehr genauen Abklärungen im Vorfeld einer Platzierung jedoch sehr selten vor, so Karin Gerber, Stellenleiterin der Fachstelle für das Pflegekind im Kanton Aargau.

Mit den beiden heutigen Pflegekindern ist Familie Lauener sehr zufrieden. «Sie wachsen wie unsere eigenen Kinder auf, und wir versuchen, ihnen so viel wie möglich für ihr selbstständiges Leben mitzugeben, genau so wie bei unserer eigenen Tochter. Mehr können wir nicht tun.»

«Mami» und «Bauchmami»

Auf der anderen Seite des Kantons wächst der anderthalbjährige Michael* bei Familie Huber* auf. Seine Mutter hat schwere psychische Probleme, deshalb wurde er schon als Baby in Obhut gegeben.

Mit drei Monaten kam er zu Katrin Huber* (45), ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn (5). Auch sie haben ein grosses Haus mit schönem, kindergerechtem Garten. Ausserdem ein grosses Herz für Kinder.

«Aber weil ich schon über 40 war, als unser Sohn geboren wurde, mussten wir den Wunsch nach einem zweiten eigenen Kind bald aufgeben», so die Sozialarbeiterin. Wie Familie Lauener haben sich auch die Hubers über Alternativen informiert und nach einem Einführungsseminar für ein Pflegekind entschieden.

«Für uns kam anfangs nur eine Dauerplatzierung infrage, also ein Kind, das hoffentlich bis zur Volljährigkeit bei uns bleiben würde.» Vor gut einem Jahr kam dann der kleine Michael zu seinen neuen Pflegeeltern.

«Er gehört voll und ganz zur Familie», so Katrin Huber. Dem 1,5-Jährigen kann sie noch nicht erklären, dass sie nicht sein natürliches Mami ist. Für ihren eigenen Sohn und später auch für Michael hat sich die Familie für die Bezeichnungen «Bauchmami» und «Mami» entschieden, mit denen sie den Unterschied erklären kann.

Mittlerweile käme für sie auch eine SOS- oder eine Entlastungsaufnahme infrage. Im Gegensatz zur Dauerplatzierung ist hier das Ziel, die Kinder möglichst rasch (SOS) oder für eine befristete Zeit (Entlastung) in anderen Familien unterzubringen. «Unsere Einstellung hat sich verändert, wir sind offener geworden. Und sowohl im Haus als auch im Herzen ist noch viel Platz für weitere Kinder», sagt Katrin Huber lächelnd.

Zusätzliche Familienmitglieder

Dies sind zwei Beispiele für Kinder, denen eine Umplatzierung durch das Jugendamt und die Fachstelle für das Pflegekind im Kanton Aargau zu einem geregelten, liebevollen und auch kindgerechten Leben verholfen hat.

Familie Huber hat das Glück, dass Grossmutter und Tante des kleinen Michael sie sehr unterstützen. «Sie sind zu zusätzlichen Familienmitgliedern geworden. Unser Sohn und auch Michael haben jetzt drei Grosis, das finden wir wunderbar», sagt Katrin Huber.

«Uns ist aber bewusst, dass das ein grosser Glücksfall ist, denn vielerorts kämpfen die leiblichen Eltern gegen die Pflegefamilie oder erschweren andere Probleme das Verhältnis zwischen Pflegekind und Pflegefamilie. Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir so viel Glück haben.»

Auswirkungen aufs Umfeld

Wer sich für die Aufnahme eines Pflegekindes interessiere, müsse vor allem das Wohl des Kindes im Sinn haben, nicht nur den eigenen Wunsch nach einem weiteren Kind. Alice Lauener ergänzt:

«Und man muss loslassen können. Das ist bei den eigenen Kindern schon schwer. Bei den Pflegekindern ist man jedoch nie ganz sicher, ob sie vielleicht doch irgendwann zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können. Dennoch darf man sie deswegen nicht anders behandeln. Dieser Spagat ist nicht ganz einfach.»

Auch habe die Aufnahme eines Pflegekindes Auswirkungen auf das familiäre Umfeld. «Unsere Freunde und Familien waren anfangs sehr kritisch. Aber jetzt unterstützen sie uns und sehen Michael als ganz normales Familienmitglied an. Wir sind jetzt einfach zu viert», erklärt Katrin Huber. Insgesamt sind sich beide Familien einig: «Wir sind froh, dass wir diesen Schritt gemacht haben. Es geht den Kindern gut und uns auch.»

*alle Namen wurden zum Schutz der Kinder geändert.

Interessierte können sich an einem Tag der offenen Tür im neuen Büro der Fachstelle für das Pflegekind informieren:

Am 26. November von 16 bis 20 Uhr an der Schartenstrasse 41 in Baden.