Turbulente Tage hat sie hinter sich: Am Dienstag kürte ihre Partei Irène Kälin zur Grünen Kandidatin für den Ständerat, daneben schreibt sie mehrere Uni-Arbeiten und schaltet sich in die Islam-Debatte ein, die nach den Terroranschlägen in Paris neu aufgeflammt ist. Die 27-jährige Lenzburger Islamwissenschafterin fordert: Der Aargau dürfe keine Heimat für die Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) werden.

Die Solidaritätsmärsche für die Terror-Opfer hätten Sie «tief bewegt», schreiben Sie im aktuellen Newsletter der Grünen. Waren Sie auch auf der Strasse?

Irène Kälin: Nein, ich konnte leider nicht teilnehmen, weil ich derzeit in Uni-Arbeiten versinke. Aber ich hätte genauso gut gehen können, weil ich letztlich doch alles via Medien verfolgt habe.

Der Umgang mit dem Islam prägt derzeit die öffentliche Debatte. Ihr Urteil?

Positiv finde ich, dass es eine Debatte gibt. Lange ist sie nur oberflächlich geführt worden. Dennoch gibt es immer noch Stimmen, die alle Muslime unter Generalverdacht stellen, was sehr bedauerlich und deplatziert ist.

Im Internet formiert sich auch in der Schweiz eine Pegida-Bewegung, Märsche wie in Deutschland soll es bald auch hier geben. Eine Gefahr?

Eher ein Weckruf, der zeigt: In der Gesellschaft brodelt es. Pegida teilt die Ängste der Leute und spielt damit.

Falls es zu einer Demonstration kommen sollte, fordern Sie eine «starke Gegenreaktion». Die Pegida-Anhänger würden dabei aber doch nur das Recht auf freie Meinungsäusserung nutzen.

Trotzdem müssten wir in diesem Fall unbedingt auf die Strasse, um auch gegenüber den Muslimen ein Zeichen zu setzen: Rassistische und islamfeindliche Äusserungen dürfen nicht geduldet werden. Ansonsten besteht die Gefahr, die muslimischen Mitbürger an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Befürchten Sie, die Stimmung gegen Muslime im Aargau könnte kippen?

Davor habe ich keine grosse Angst. Allerdings wären Pegida-Demos in der aktuellen Situation gefährlich. Statt undifferenziert Stimmung gegen Muslime zu machen, sollten wir besser auf sie zugehen. Das ist eine Verantwortung, die beide Seiten wahrnehmen müssen. Diesbezüglich läuft im Aargau viel zu wenig.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Es braucht mehr öffentliche Podien, mehr Begegnungszonen, mehr interreligiösen Dialog. Unter den Kindern in der Schule funktioniert der gegenseitige Austausch, bei den Eltern wird es schon schwieriger. Dazu kommt, dass die muslimischen Vereine und Verbände deutlich lauter und besser organisiert werden müssen. Sonst besteht die Gefahr, dass der Islamische Zentralrat die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit an sich reisst – obwohl deren Mitglieder nur einen Bruchteil der Muslime in der Schweiz ausmachen und ein völlig anderes Bild vom Islam vertreten als die grosse Mehrheit.

Eine konkrete Massnahme, die Sie befürworten: Der Islam soll den Status einer Landeskirche erhalten.

Die Anerkennung als Landeskirche wäre ein Zeichen von Wertschätzung. So liesse sich ein Dialog auf Augenhöhe führen. Ausserdem wäre es so etwa möglich, Imame in der Schweiz auszubilden, welche die deutsche Sprache, die hiesigen Gepflogenheiten kennen und so eine Vermittlerrolle übernehmen könnten.

Sie sind Islamwissenschafterin. Woher kommt Ihre Faszination für den Islam?

Das Studium der französischen Literatur, mit dem ich begonnen habe, war mir zu trocken. Weil ich im Nebenfach Arabisch studierte, schaute ich immer wieder bei den Islamwissenschaftern rein. Dabei merkte ich, wie wenig ich über den Islam wusste. Letztlich hat mich die Faszination am Neuen zu diesem Studium gebracht.

Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, zu konvertieren?

Nein, das ist nie infrage gekommen. Ich würde mich als konfessionslos oder gar als Atheistin bezeichnen.

Sie sind eine junge, emanzipierte Frau. Der Islam steht in vielen Teilen der Welt für die Unterdrückung von Frauen. Wie passt das zusammen?

Die Strukturen in muslimischen Gesellschaften sind teilweise völlig anders als bei uns: Von den Frauen wird zwar erwartet, dass sie sich im öffentlichen Leben zurückhalten, dafür sind sie im Privaten die absoluten Hausherrinnen. Das sind über Jahrhunderte gewachsene Gesellschaftsbilder, die uns zum Teil veraltet vorkommen. Die Kopftuch-Frage etwa halte ich für gar nicht so brisant. Das wird sich mit den Generationen wandeln.

Sie sprechen sich gegen ein Verbot von Kopftüchern und Burkas aus.

Ich könnte mir durchaus ein Verbot vorstellen, allerdings nur unter der Bedingung, dass alle religiösen Symbole aus der Öffentlichkeit verschwinden. Ein einseitiges Verbot würde Muslime unnötigerweise aus der Gesellschaft drängen.

Wann wird die erste Muslimin, der erste Muslim im Stände- oder Nationalrat sitzen?

Das braucht wohl leider noch etwas Zeit. Wir Schweizer haben mehr Berührungsängste als die Wähler in anderen Ländern. Vertreter der muslimischen Bevölkerung wären aber für beide Seiten wahnsinnig wichtig. Sie könnten sich für die Anliegen der Muslime im Land einsetzen. Doch die Schweiz ist wohl noch nicht so weit.

Dennoch vertreten Sie die Ansicht, die Muslime seien gut integriert.

Ja, auch im Aargau ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sehr gut.

Besteht demnach keine Gefahr von Parallelgesellschaften, wovor rechte Politiker warnen?

Das sind Hirngespinste. Anders als in Frankreich haben wir gar keinen Platz für Banlieues. Bei uns gibt es keine Gettos, in denen die Leute aus allen sozialen Netzen fallen.

Das heisst: Die Radikalisierung junger Muslime droht hier nicht?

Das lässt sich nie ganz verhindern. Attentate von radikalisierten Einzeltätern können überall passieren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es in der Schweiz zu einer breiten Radikalisierung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft kommt.

In ungefähr zwei Jahren schliessen Sie Ihr Studium ab. Werden Sie danach Berufspolitikerin?

Das sicher nicht. Konkrete Pläne habe ich aber noch nicht. Ich könnte mir vorstellen, in einer Institution für den interreligiösen Dialog oder für eine Nichtregierungsorganisation tätig zu sein. Aber auch Gewerkschaftsarbeit wäre denkbar, wie ich sie seit kurzem für die Unia Aarau mache.

Zuerst steht nun aber der Ständeratswahlkampf an. Als Grüne im Aargau ein aussichtsloses Unterfangen.

Ja, die Wahlchancen tendieren gegen null. Aber auch den Nationalratssitz der Grünen zu halten, wird kein Zuckerschlecken.

Derzeit sind Sie Wochenaufenthalterin in Bern. Folgt bald der Umzug zurück in den Heimatkanton?

Ab Spätsommer stehe ich wieder mit beiden Füssen im Aargau. Dann ziehe ich nach Lenzburg in die neue Hero-Überbauung beim Bahnhof.