Zollübergänge

Was die Grenze den Aargauern und ihren deutschen Nachbarn noch bedeutet

Touristen-Information statt Zoll in Laufenburg.

Touristen-Information statt Zoll in Laufenburg.

Welche Rolle spielen die Zollübergänge am Rhein zwischen dem Aargau und Deutschland im Jahre 2016 überhaupt noch? Eine Reportage entlang der Grenze von Rheinfelden bis Kaiserstuhl.

Klare Grenzen und fliessende Übergänge: Zwischen dem Aargau und Deutschland gibt es beides. Die Stellen, an denen man das eine Land verlassen und das andere betreten kann, sind aber immer klar markiert: Da, wo eine Brücke über den Rhein gebaut wurde. Allein das zeigt, dass eine Landesgrenze im Aargau nicht nur als Grenze verstanden wird, die einen von den Nachbarn trennt und einschränkt, sondern eben auch eine Brücke schlägt. Die Zollbeamten, sonst eher für umständliche Formulierungen bekannt, haben dafür einen passenden Begriff gefunden. Amtlich abgekürzt: «Güg» – ausgeschrieben: «Grenzübergang».
Abgrenzung ohne Ausgrenzung.

Der az-Reporter will dem Phänomen und der Grenze nachfahren. Von Rheinfelden bis nach Kaiseraugst. Das Ziel: Herausfinden, was die Grenze den Aargauerinnen und Aargauern bedeutet. Ob sie sie brauchen oder grad so gut auch ohne sie sein könnten. Ob sie sie mehr trennt oder mehr verbindet. Die Fahrt beginnt an der Zollstelle 192, Rheinfelden-Autobahn. Hier ist der Aargau international: Auf den Nummernschildern der Lastwagen steht GB, NL, ES. Sie transportieren Gemüse, Ziegel, Holz. Um halb zehn an diesem verregneten Februardienstag können die Zöllner im Gebäude in Ruhe arbeiten. Doch das ist eher die Ausnahme: Konzipiert wurde die Anlage 2006 als «regionaler Grenzübergang» für 3,4 Millionen Fahrzeuge pro Jahr – 2014 waren es über 10 Millionen. Und das war vor Aufhebung des Euro-Mindestkurses.

Sogar Rupperswil ist hier präsent

Ruhiger ist es dafür in Rheinfeldens Altstadt geworden. Hier, wo die Alte Rheinbrücke Badisch-Rheinfelden mit Aargauisch-Rheinfelden verbindet, dürfen seit 2008 nur noch Stadtbusse, Taxis, Velos fahren. Und natürlich: Fussgänger spazieren. Eine von ihnen: Frau Bach*, Regenschirm in der einen, Einkaufswägeli in der anderen Hand. Soeben hat sie sich auf der deutschen Seite einen grünen Ausfuhrzettel abstempeln lassen und geht jetzt gemütlich Richtung Schweiz. Sie sagt, die Brücke sei für sie «ziemlich wichtig»: «Wir haben Allergiker in der Familie, Laktoseintoleranz. Drüben ist die Auswahl viel grösser und günstiger.» Schade sei nur, dass der Schalter erst um 10 Uhr öffne. «Das ist schon fast zu spät. Aber wir sind ja froh, dass wir überhaupt noch einen haben.»

Es regnet immer mehr. Die Möwen im Wind über der Brücke störts nicht, der Reporter ist froh um sein Autodach. Es geht weiter ostwärts. Vorbei am Kraftwerk Ryburg bei Möhlin. Hier kann man den Rhein zwar auch überqueren. Man muss aber vom Velo absteigen (gemäss Verbotstafel), darf nur von 8 bis 22 Uhr hinüber und tut das «auf eigene Gefahr». Verzollen kann man hier ohnehin nichts. Vor Stein dann der nächste offizielle Grenzübergang. Im Minutentakt öffnet sich die Tür zum Schalter. Eröffnet wurde die Gemeinschaftszollanlage ennet dem Rhein im Jahr 1979. Das Rot des Schweizerkreuzes ist inzwischen etwas ausgeblichen. An den Fensterscheiben hängen Fahndungsaufrufe zum Rupperswiler Vierfachmord – in zehn Sprachen. Ein Zollgebäude als Anschlagbrett.

Eine lebenswichtige Brücke

Mindestens so wichtig wie die Autobrücke ist für die Einwohner von Stein die längste gedeckte Holzbrücke Europas, über die sie trocken nach Bad Säckingen und zurück gelangen. Während sie Jahrhunderte Bestand hielt, lief die Zeit für das «Zollamt Säckingerbrücke» einst ab. Die Briefkastenschilder «Grenzposten» und «Abschnittbüro» sind mit braunem Packband abgeklebt, im Fenster hängt ein Kulturplakat. Ein Schüler saust auf seinem Velo vorbei, Männer in teuren Mänteln gehen «zum Zmittag schnäll übere». Mitten auf der Holzbrücke möchten zwei deutsche Grenzwächter meinen Ausweis sehen. «Sie arbeidde in der Schweiz?», fragt der Uniformierte, bemerkt, dass alles in Ordnung sei und wünscht einen schönen Tag.

Laufenburg lebt den Slogan «Zwei Länder – eine Stadt». Auch die Fasnacht wird gemeinsam gefeiert, Konfetti zwischen den Pflastersteinen der Laufenbrücke. Dort, wo «Zollamt» an der Fassade steht, ist inzwischen die Tourist-Info eingezogen. Einkäufe über die Grenze bringen darf man zwar immer noch, aber nur innerhalb der Freigrenze. Kontrolliert wird dafür ausserhalb des Städtchens auf der Hochrheinbrücke. «Bitte schnäll rechts usefahre und churz warte», sagt der Grenzwächter und verschwindet mit der ID hinter einen Bildschirm. Nachdem er sich versichert hat, dass nichts im Kofferraum ist, wünscht er gute Weiterfahrt.
Nächster Halt: Koblenz. Um 14 Uhr hat es gerade mal keinen Stau, und Thorsten raucht vor dem Büro der «Wolfgramm Verzollungen», vis-à-vis dem Grenzübergangs eine Zigarette. Die Brücke nach Waldshut ist für ihn lebenswichtig: «Wenn hier die Grenze nicht wäre, würden viele Aufträge wegfallen», sagt er. Persönlich braucht er sie nicht mehr so oft, seit er ins Mettauertal gezogen ist.

In Zurzach gibt es niemanden zum Reden, nur Autos zu beobachten. Dann: Kaiserstuhl, Endstation der Grenzfahrt. Und erneut eine Deutsche, die in den Aargau umgezogen ist. Sie habe viele Beziehungen in die Heimat, sagt sie. «Ich nehme immer extra diese Brücke, weil ich früher hier gewohnt habe.» Irgendwie auch eine klare Grenze und ein fliessender Übergang.

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