Der Alltag in Alters- und Pflegeheimen zeigt: Die Pflegenden stehen oft unter enormem Zeitdruck. Beat Huwiler, Geschäftsführer des Vereins der Aargauischen Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (Vaka), hat eine Erklärung dafür: Die Beiträge der öffentlichen Hand an die Pflegekosten gehörten im Aargau zu den tiefsten in der ganzen Schweiz.

FDP-Grossrat Daniel Heller entgegnet, dass auf der anderen Seite aber auch die Betriebe dazu angehalten seien, kostendeckend zu wirtschaften. Da gebe es bei den Institutionen grosse Unterschiede. Unbestritten ist für Heller, dass die Betreuung von betagten und pflegebedürftigen Menschen anspruchsvoll ist und zu wenig Wertschätzung erhalte. Was dazu führe, dass es schwierig sei, Personal zu rekrutieren.

Genau dort ortet CVP-Grossrätin Theres Lepori den Grund für die hohe Arbeitsbelastung: «Es ist nicht der Mangel an Geld, sondern der Mangel an diplomiertem Pflegepersonal», sagt die diplomierte Pflegefachfrau HF. Deshalb sollten Hilfspflegerinnen mit internen Weiterbildungen besser geschult werden. Geld sollte hingegen investiert werden, damit die Angebote der Pflege zu Hause besser genutzt würden. Denn am teuersten ist stets die stationäre Pflege.

Auch SVP-Grossrat Pascal Furer will nichts wissen von mehr öffentlichen Geldern. «Die Kosten müssen sinken», sagt er. Bei der Hotellerie durch weniger Luxus und Auflagen bei den Bauten und bei der Pflege durch weniger Auflagen bezüglich Ausbildungsstand und ein Abrücken von der Akademisierung der Pflegeberufe.

Grossrätin Monika Küng (Grüne) hingegen findet: «Die Ansätze bei der Pflege müssten erhöht werden.» Zum Lebensende verlangsame sich alles. Darum könne es nicht sein, dass in der Pflege alles immer schneller gehen müsse. Es sei eine gesellschaftliche Frage, ob wir dem Rechnung tragen wollten. «Das ist letztlich auch eine Frage nach dem Wert des Lebens», sagt Küng.

Unia: «Gute Arbeitsbedingungen lindern Personalmangel»

Gesamtarbeitsvertrag Die Unia fordert einen Gesamtarbeitsvertrag für Mitarbeitende in der Pflege. Das sei dringend nötig, findet Chris Kelley, der bei der Gewerkschaft Unia Aargau den Bereich Pflege und Betreuung leitet. Sorgen bereitet dem Gewerkschaftssekretär, dass der Mensch, ob Mitarbeiter oder Pflegebedürftige, immer mehr in den Hintergrund rücke und stattdessen zunehmend Profitgedanken die Pflege prägen. «Im Gegensatz dazu erlebe ich, dass für die meisten Menschen, die in der Pflege arbeiten, ihre Tätigkeit mehr als ein Beruf ist.» Für viele sei es eine Berufung, sagt Kelley. Wenn es darum geht, etwas zu verändern, stehe der Lohn deshalb bei den Pflegemitarbeitern nicht zwingend im Vordergrund - das würden Umfragen unter Mitgliedern zeigen.

Ein Gesamtarbeitsvertrag sei trotzdem zentral. Aus verschiedenen Gründen, wie Kelley sagt: Pflegende gerieten immer mehr unter Druck, die Pflege werde zur Fliessbandarbeit. Immer weniger Mitarbeitende hätten immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Oft müssten Pflege-Mitarbeiter auch in der Freizeit stets abrufbereit sein. Arbeitsrecht und Ruhezeiten werden dabei nicht immer eingehalten. Zugleich wachse der Lohndruck: Branchenübliche Zuschläge würden gekürzt, hinzu kämen Probleme auf der Führungsebene der Institutionen. Die steigende Arbeitsbelastung führe dazu, dass langjährige Mitarbeiter ihren Job quittieren, weil sie es schlicht nicht mehr aushalten. Bei all dem sei es schon fast absurd, die Frage zu stellen, wieso es schwierig ist, Pflegestellen zu besetzen, sagt Kelley.

Im Gesamtarbeitsvertrag verankern will die Unia auch verbindliche Mindestlöhne. Zugute kommen würde das vor allem dem weniger qualifizierten Personal, das in der Pflege arbeitet. In diesem Bereich werden teilweise Löhne bezahlt, die weit unter den geforderten 4000 Franken liegen. Alle Probleme lösen wird auch ein Gesamtvertrag nicht, das ist sich Kelley bewusst. Der Gewerkschaftssekretär ist aber überzeugt, dass gute Pflege gute Arbeitsbedingungen brauche. Und gute Arbeitsbedingungen könnten mithelfen, den Personalmangel zu lindern, sagt Kelley.

Pflege-Berufsverband: «Junge Leute sind nicht bereit, so zu arbeiten»

«Die Leute spüren es, wenn die Autobahn einen Tag gesperrt ist. Sie spüren nicht, was es heisst, wenn in sechs Jahren in der Schweiz 25 000 Pflegefachkräfte fehlen.» Das sagt Thomas Hildebrandt. Er hat viele Jahre in der Pflege gearbeitet und ist nun Geschäftsführer des Berufsverbands der Pflegefachleute Aargau/Solothurn.

Der Aargau hat auf die beunruhigenden Personal-Prognosen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums reagiert: 2013 wurde im Kanton eine Ausbildungsverpflichtung eingeführt. Ausbilden müssen Spitäler und Kliniken, die auf der Spitalliste sind. Pflegeheime, die auf der Pflegeheimliste sind, sowie Spitexorganisationen mit Betriebsbewilligung. Konkret umgesetzt wird die Ausbildungsverpflichtung mit einem Bonus-Malus-System. Das heisst: Wer überdurchschnittlich viel ausbildet, wird mit einem Bonus belohnt, unterdurchschnittliche Ausbildungsleistungen müssen mit dem dreifachen Differenzbetrag in einen Ausbildungspool abgegolten werden.

Eine sinnvolle Sache. Denn es scheint logisch: Wer mehr Leute ausbildet, hat später mehr Berufsleute. Das Problem: Der Pflegeberuf gilt immer noch als Aussteigerberuf. Hildebrandt erlebt, dass junge Leute, die in einer Pflegeausbildung sind, in der Pause darüber diskutieren, in welchen Beruf sie wechseln möchten. Notabene einen Beruf, der überhaupt nichts mit der Pflege zu tun hat. Warum? «Die jungen Leute spüren die hohe Arbeitsbelastung und sind nicht bereit, ein Leben lang so zu arbeiten», sagt Hildebrandt. Was tun? Die Institutionen müssen darum besorgt sein, dass Pflegende im Beruf bleiben.

Dazu brauche es flexible Arbeitszeitmodelle und Wertschätzung der Mitarbeitenden. Weiter brauche es Modelle für Frühpensionierungen, ähnlich wie auf dem Bau. Hildebrandt sagt: «Die körperliche Belastung in der Pflege ist gross, die meisten halten nicht durch bis zur Pensionierung.» Oft würden sie frühzeitig abspringen, um sich eine neue Tätigkeit zu suchen. Und wenn all das nicht gelingt? «Dann mache ich mir schon Sorgen, wie es sein wird, wenn ich einmal auf einem Pflegebett liegen werde», sagt der 60-jährige Hildebrandt.