az-Wandern

Was 25 Stunden wandern am Stück und ohne Schlaf mit mir anstellen

Werner De Schepper nach erfolgreichem Abschluss des 25-Stunden-Marsches

Werner De Schepper nach erfolgreichem Abschluss des 25-Stunden-Marsches

Werner de Schepper marschierte zum Abschluss der vergangenen fünf az-Wander-Wochen den 25-Stunden-Hike – und kämpfte tapfer bis zum Schluss. Ein Stimmungsbericht des stellvertretenden az-Chefredaktors.

Am Ziel habe ich geweint. Die 25-Stunden-Wanderung hat mich gedemütigt, gepeitscht und ruhig gemacht.

Alles begann am Samstag um 12 Uhr in Küttigen völlig harmlos. Den 98 Mitwanderern gab ich lauthals zum Besten, dass auf der Redaktion der az Aargauer Zeitung Wetten laufen, dass ich es nicht schaffen würde. Und ich sagte nur: «Wir werden sehn.»

Aber ich hatte es überhaupt nicht harmlos gemeint. Als ich am Freitag hörte, dass Wetten gegen mich laufen, wusste ich: Das ist der Stachel. Jetzt kämpfe ich nicht einfach 25 Stunden mit mir selber, sondern ebenso gegen die imaginären oder realen Zweifler auf der Redaktion. Je länger ich wanderte, desto tiefer bohrte sich dieser Stachel in mein Hirn.

Am Anfang der 78 Kilometer langen Tortur mit total 2000 Höhenmetern rauf und 2000 Höhenmetern runter war alles ganz einfach. Mein Hirn funktionierte, und ich entdeckte drei Kategorien von 25-Stunden-Wanderern:

1. Die Militärnostalgiker, die andauernd diese Wanderung mit ihren militärischen Heldentaten vergleichen.

2. Die Jakobspilger. Unglaublich, wie viele hier schon Hunderte von Kilometern zum Wallfahrtsort in Galizien abgespult haben.

3. Die Sportsrentner, die mit dem SAC, dem Verein Aargauer Wanderwege, Pro Senectute oder professionellen Wanderferienanbietern in der Schweiz, in Afrika am Kili oder Nepal rumturnen.

Dann kam die Nacht. Auf dem Weg zum Böhler redete ich kaum noch, setzte mich vorn im Feld fest und konzentrierte mich auf Wanderleiterin Tina, die 25 Stunden lang im selben Tempo - zügig, aber nie hastig - voranmarschierte.

Video Impressionen vom 25-Stunden-Hike von Filmer Werner De Schepper

Video Impressionen vom 25-Stunden-Hike von Filmer Werner De Schepper

Und dann?

Dann war irgendeinmal vier Uhr oder halb fünf. Ich bekam kalt, konnte die Wanderer, mit denen ich am Nachmittag noch stundenlang geredet hatte und die jetzt mit ihrer Stirnlampe neben, vor oder hinter mir liefen, plötzlich nicht mehr auseinanderhalten.

War die jetzt auf dem Kili(mandscharo) oder in Santiago di Compostela? War das der 100-Kilometer-Offizier oder der Taxifahrer? War der Taxifahrer am letzten Rigimarsch oder war das noch ein anderer?

Mein Kopf wurde leer. Und mit jedem Abstieg summt es immer monotoner: Es tut weh, es tut weh, es tut nicht weh. Aber das «Nicht-Weh» tat plötzlich auch weh.

Beim Abstieg nach Gontenschwil explodieren in den Sohlen die ersten Blasen. Immerhin die Fersen bleiben verschont, der letzte Aufstieg zum Homberg geht wieder. Und dann explodieren auf dem Weg runter nach Birrwil weitere Blasen. Wie in Trance klebe ich zwei Päcklein Compeed-Pflaster auf die Füsse.

In Meisterschwanden sehe ich die az-Wanderer, die dazustossen. Noch einmal raffe ich mich auf. Es geht bis zum Schloss Hallwyl. Dann kann ich nicht mehr reden, ist alles nur noch Trance: Füsse kaputt, Hirn versengt und Seon eine Fata Morgana.

Und dann, ja dann stehe ich plötzlich in Seon auf dem Dorfplatz, meine Beine sacken weg und ich weine vor Schmerz und Glück und falle zuerst dem Taxifahrer Martin Vetter in die Arme und dann meinem Redaktionskollegen Philipp Mäder, der extra wegen mir nach Seon gekommen ist und sagt: «Ich hätte gewettet, Du schaffst das nie.»

Und holt mir eine Wurst.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1