az-Wandern
Was 25 Stunden wandern am Stück und ohne Schlaf mit mir anstellen

Werner de Schepper marschierte zum Abschluss der vergangenen fünf az-Wander-Wochen den 25-Stunden-Hike – und kämpfte tapfer bis zum Schluss. Ein Stimmungsbericht des stellvertretenden az-Chefredaktors.

Werner De Schepper
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Werner De Schepper nach erfolgreichem Abschluss des 25-Stunden-Marsches

Werner De Schepper nach erfolgreichem Abschluss des 25-Stunden-Marsches

AZ

Am Ziel habe ich geweint. Die 25-Stunden-Wanderung hat mich gedemütigt, gepeitscht und ruhig gemacht.

Alles begann am Samstag um 12 Uhr in Küttigen völlig harmlos. Den 98 Mitwanderern gab ich lauthals zum Besten, dass auf der Redaktion der az Aargauer Zeitung Wetten laufen, dass ich es nicht schaffen würde. Und ich sagte nur: «Wir werden sehn.»

Aber ich hatte es überhaupt nicht harmlos gemeint. Als ich am Freitag hörte, dass Wetten gegen mich laufen, wusste ich: Das ist der Stachel. Jetzt kämpfe ich nicht einfach 25 Stunden mit mir selber, sondern ebenso gegen die imaginären oder realen Zweifler auf der Redaktion. Je länger ich wanderte, desto tiefer bohrte sich dieser Stachel in mein Hirn.

Per Schiff kommen die Wanderer bei der Seerose in Meisterschwanden an
14 Bilder
In der Markthalle beim Warten auf das Nachtessen
Aufbruch in die Nacht
Die Hiker passieren den Nachtmarkt in Aarau
Stirnlampenparade beim Nachtmarkt in Aarau
Der letzte Zwischenstopp beim Schloss Hallwyl
So weit die Füsse tragen
Die Wanderer nach dem letzten Zwischenhalt beim Schloss Hallwyl
Die Wanderer auf dem letzten Teilstück des 25-Stunden-Hikes von Meisterschwanden nach Seon
Die 25-Stunden-Wanderer auf dem Weg von Seengen nach Seon
85 Wanderer und 5 Wanderleiter treffen nach 24 Stunden und 15 Minuten in Seon ein
Heinz Bürki, Gemeindeammann von Seon, Andrea Lehner von Aargau Tourismus und Olivier Benoit von Mammut gratulieren den Teilnehmern in Seon zu ihrer grossen Leistung
Ein herrliches Gefühl für die geschundenen Füsse beim Dorfbrunnen in Seon
Martin Häuselmann und Reto Stuber beim Ziel in Seon

Per Schiff kommen die Wanderer bei der Seerose in Meisterschwanden an

Markus Christen

Am Anfang der 78 Kilometer langen Tortur mit total 2000 Höhenmetern rauf und 2000 Höhenmetern runter war alles ganz einfach. Mein Hirn funktionierte, und ich entdeckte drei Kategorien von 25-Stunden-Wanderern:

1. Die Militärnostalgiker, die andauernd diese Wanderung mit ihren militärischen Heldentaten vergleichen.

2. Die Jakobspilger. Unglaublich, wie viele hier schon Hunderte von Kilometern zum Wallfahrtsort in Galizien abgespult haben.

3. Die Sportsrentner, die mit dem SAC, dem Verein Aargauer Wanderwege, Pro Senectute oder professionellen Wanderferienanbietern in der Schweiz, in Afrika am Kili oder Nepal rumturnen.

Dann kam die Nacht. Auf dem Weg zum Böhler redete ich kaum noch, setzte mich vorn im Feld fest und konzentrierte mich auf Wanderleiterin Tina, die 25 Stunden lang im selben Tempo - zügig, aber nie hastig - voranmarschierte.

Und dann?

Dann war irgendeinmal vier Uhr oder halb fünf. Ich bekam kalt, konnte die Wanderer, mit denen ich am Nachmittag noch stundenlang geredet hatte und die jetzt mit ihrer Stirnlampe neben, vor oder hinter mir liefen, plötzlich nicht mehr auseinanderhalten.

Vor der Wanderung lachte Werner De Schepper noch
15 Bilder
25-h-Hiker beim Stirnlampen-Fassen
110 Aargauer machen ihre eigene Streeparade und wandern 25 Stunden durch
25-h-Hike Oberwachtmeister Marcel Härdi aus Uerkheim will seinen misslungenen 100 km verbessern
Bilder von der 25-Stunden-Wanderung durch den Aargau
Erster Verpflegungsposten auf der Saalhöhi
Nur noch 20 Stunden bis Seon
Der höchste Punkt ist erreicht 908 Meter über Meer
Gipfelschnaps auf 908 Metern
Allerhöchster Punkt der Wanderung: Geissflue SO
Aufbruch der Wander-Glühwürmchen: Nur noch 14 Stunden
Das sind 25h-Wanderer
Verpflegung in Suhr - letzte Möglichkeit, um regulär auszusteigen
6 von 99 haben bisher aufgegeben
From dusk till dawn in Gontenschwil

Vor der Wanderung lachte Werner De Schepper noch

Werner De Schepper

War die jetzt auf dem Kili(mandscharo) oder in Santiago di Compostela? War das der 100-Kilometer-Offizier oder der Taxifahrer? War der Taxifahrer am letzten Rigimarsch oder war das noch ein anderer?

Mein Kopf wurde leer. Und mit jedem Abstieg summt es immer monotoner: Es tut weh, es tut weh, es tut nicht weh. Aber das «Nicht-Weh» tat plötzlich auch weh.

Beim Abstieg nach Gontenschwil explodieren in den Sohlen die ersten Blasen. Immerhin die Fersen bleiben verschont, der letzte Aufstieg zum Homberg geht wieder. Und dann explodieren auf dem Weg runter nach Birrwil weitere Blasen. Wie in Trance klebe ich zwei Päcklein Compeed-Pflaster auf die Füsse.

In Meisterschwanden sehe ich die az-Wanderer, die dazustossen. Noch einmal raffe ich mich auf. Es geht bis zum Schloss Hallwyl. Dann kann ich nicht mehr reden, ist alles nur noch Trance: Füsse kaputt, Hirn versengt und Seon eine Fata Morgana.

Und dann, ja dann stehe ich plötzlich in Seon auf dem Dorfplatz, meine Beine sacken weg und ich weine vor Schmerz und Glück und falle zuerst dem Taxifahrer Martin Vetter in die Arme und dann meinem Redaktionskollegen Philipp Mäder, der extra wegen mir nach Seon gekommen ist und sagt: «Ich hätte gewettet, Du schaffst das nie.»

Und holt mir eine Wurst.