Natur

Warum wir Unkraut auch mal wachsen lassen sollten

Das Unkraut par excellence: Der Löwenzahn. In der Naturmedizin ist er als Heilmittel beliebt. Emanuel Freudiger

Das Unkraut par excellence: Der Löwenzahn. In der Naturmedizin ist er als Heilmittel beliebt. Emanuel Freudiger

Am heutigen Ehrentag des Unkrauts sagen Experten, wieso Unkraut für Tiere nützlich ist und Gärten oft zu sauber sind. Löwenzahn etwa reinigt den Körper, unterstützt Leber und Niere.

Das Kraut spriesst, wie und wo es ihm im Aarauer Gönhardquartier gerade passt: Placken breiten ihre langen Blätter über die Rasenfläche, Breitwegerich und Löwenzahn bohren sich durch den Kieselsteinweg, Buschwindröschen erheben ihre weissen Köpfe, das Scharbockskraut neigt seine grossen runden Blätter keck zur Gänseblümchenschar.

Alles Unkraut! Doch was ist Unkraut? Eine Pflanze, die wuchert, eine Blume, die man nicht bewusst im Garten aussät, ein Kraut, das uns hässlich erscheint? Die amerikanische Schriftstellerin Ella Wheeler Wilcox bezeichnetet es so: «Ein Unkraut ist nichts anderes als eine ungeliebte Blume.» Die Bezeichnung Unkraut liege im Ermessen des Betrachters, sagt Hannes Schneider, Leiter der Sektion Friedhof in Aarau. Das Wort Unkraut gebe es nicht, man spreche höchstens von Beikräutern, sagt Schneider. «Jede Pflanze hat aber ihre Berechtigung.»

An einem Ort ist das Kraut gern gesehen, am andern unerwünscht: «Golfplatzbesitzer machen dem Klee den Garaus, Naturliebhaber ziehen ihn.» Zu Hause hegt und pflegt Schneider einen Naturgarten, auf dem Friedhofareal aber rücken seine Mitarbeiter Löwenzahn und Kompanie auf die Pelle. In den hübsch angelegten Rabatten wird jedes Unkraut rasch verbannt. «Ein Friedhof soll gepflegt aussehen, das wünschen auch die Besucher», sagt Hannes Schneider.

Früher war Bärlauch ein Unkraut. Den Gärtner war es ein Dorn im Auge, die Leute rümpften die Nase ob des würzigen Dufts. Doch heute ist das anders: Kaum spriesst das Kraut aus der Erde, wird es für Pesto gerupft. Der Aarauer Stadtgärtner Max Jaggi lässt der Natur ihren Freiraum. Natürlich holt er die Placken aus dem Rasen der Stadtparks, doch das Scharbockskraut lässt er stehen. «Im Frühling blüht es wunderschön gelb. Es sei unsinnig, es auszurupfen: «Je mehr ich ausrupfe, desto mehr wuchert es. »

Jaggi «pützelt» die Stadt nicht, das wollen die Aarauer auch gar nicht. Er lässt das eine oder andere Unkraut stehen – alleine der Tierwelt wegen. Bis zu zehn pflanzenfressende Tiere würden sich von einer einheimischen Pflanze ernähren. Simon Egger, Leiter der kantonalen Naturschutzfachstelle, siehts ähnlich: Ihm sind die Aargauer Garten oft zu sauber und zu steril.

Statt nur Kirschlorbeer anzupflanzen, sollte man lieber einheimische Pflanzen berücksichtigen und auch mal Unkräuter tolerieren: Brennnesseln, Vogelwicken, Holunder, Geissblatt, Eselsdisteln. Letztere gefallen Egger besonders gut: Sie werden gross, blühen lang und sind für Schmetterlinge ein Paradies. «Er ist sich jedoch bewusst, dass Pflanzen, die in einem Garten hübsch aussehen, in anderen Gebieten ein Problem darstellen (neben Text unten). Die Naturschutzfachstelle versucht, im Aargau naturnahe Gärten zu fördern. Deshalb lanciert sie immer wieder Projekte mit Gärtnerverbänden und Gemeinden.

Naturärztin Sonja Wunderlin aus Möhlin hat eine besondere Beziehung zu Unkräutern: Sie verarbeitet sie zu Heilkräutern und bietet Pflanzenwanderungen an. «Die Leute sind erstaunt, für was Kräuter alles gut sind.» Der Löwenzahn, der oft achtlos ausgerissen werde, reinige den Körper und unterstütze die Leber und Niere. Unkräuter eigneten sich auch als Smoothie, sagt Sonja Wunderlin. Sie wirft eine Handvoll Gänseblümchen, Giersch, Wegerich, Gundelrebe und Sauerampfer zusammen und mixt es mit anderen Zutaten.

Unkraut ist besser als sein Ruf.

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