Eine Schar Kinder steht um Silas. Denn Silas hat einen Wackelzahn. Er kann ihn sogar mit der Zunge umknicken. «Zäig nomol», sagen die Kinder. Geduldig knickt Silas den Zahn nochmals um. Sie staunen.

Am Sonntag stimmt der Aargau darüber ab, ob künftig im Kindergarten nur noch Mundart gesprochen werden darf.

Das fordert eine Initiative der Schweizer Demokraten. Heute ist es so, dass Aargauer Kindergärtnerinnen rund die Hälfte und bald nur noch 30 Prozent der Unterrichtszeit Hochdeutsch sprechen müssen. Die Kinder hingegen dürfen immer Mundart reden. Tun es aber nicht immer.

In einer Ecke spielen Justin und Elijah mit Playmobil. Wenn sie vereinbaren, was gespielt wird – ein Planwagen wird von einem Affen und einem Snowboarder angegriffen –, tun sie das in Mundart. Auch als der eine sich beschwert, dass er es nicht fair finde, immer nur den Affen haben zu dürfen und nie den Snowboarder, tun sie das auf Mundart. Als alles geklärt ist, beginnen sie zu spielen. Sofort wechseln die Buben ins Hochdeutsche. «Attacke, ich scheusse (schiesse) die Kutsche runter.» – «He, was machst du da?» – «Plötzlich kommt ein Rössli – boooom.» – «Aaaattacke!» Justin sagt, dass er gern Hochdeutsch spreche, weil er dann mit hoher Stimme reden könne. Elijah weiss nicht so recht, warum – «es gfallt mir äifach», sagt er

Kindergärtnerin Wiebke Tiller sagt, dass viele Kinder ins Hochdeutsche wechseln, wenn sie spielen. Sie benutzen die Sprache, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Rituale wie Geburtstagsfeier finden im Kindergarten Aesch in Wohlen immer in Mundart statt. Heute hat Michi Geburtstag. Jedes Kind wünscht Michi etwas – gewünscht werden neben Glück und Gesundheit auch ein Regenbogen, ein Piratenschiff und eine Rakete.

Dann um kurz vor zehn Uhr beginnt die hochdeutsche Sequenz, und zwar mit einem Mundart-Vers:

«Eis, zwei, drü, Händ uf d Chnü, drü, zwei, eis, mir im Chreis tüend still sitze, d Ohre spitze, umeluusche, d Sprach vertuusche, händ de Plausch dra, müend kei Angscht ha, s cha doch jede hochdütsch rede.»

Die Kindergärtnerin sprich nun nur noch Hochdeutsch. Die Kinder sprechen weiter Mundart. Im Kreis wird der Buchstabe «U» durchgenommen. Die Kindergärtnerin will Wörter wissen, die mit «U» beginnen. Gar nicht so einfach. Ein Kind versucht es mit «Kuh», ein anderes sagt «Usziit» – letzteres zählt. Dann umschreibt Tiller ein Wort: «Es ist ein Ort, wo ganz viele Tiere leben.» Ein Kind sagt «Zoo», eines «Dschungel» und ein drittes strahlend: «Urwald.» Und dann sagt Silas: «Jetzt isch er grad usegheit.» Alle schauen ihn an. Und Frau Tiller sagt: «‹U› wie upsala, jetzt ist sein Zahn rausgefallen.» Zum Schluss der Lernsequenz kommt nochmals ein Vers:

«Eins, zwei , drei, es ist vorbei, Schluss für heute liebe Leute, morgen weiter, froh und heiter, eins, zwei, drei, hochdeutsch sprechen ist vorbei.

Jetzt dürfen die Kinder raus. «Yes!», ruft eines vor Freude. Silas packt rasch seinen Zahn ins Kindergartentäschchen – er will ihn dann unbedingt der Grossmutter zeigen.

Kindergärtnerin Wiebke Tiller sagt: «Es ist wichtig, dass die Kinder Mundart sprechen, aber auch, dass sie bereits im Kindergarten mit dem Hochdeutschen in Kontakt kommen.»

Eines der Kindergartenkinder spricht beim Spielen Hochdeutsch, und zwar auffallend gut. Seine Kollegin erklärt, warum: «Sin Vater isch ebe en Hochdütsche.»